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In Rixdorf gehen die Mie­te­r eines Hauses auf die Barrikaden: Ein Konzern will ihr Zuhause kaufen. Sie fordern einen Eigentümer, der zum Kiez passt

Objekt der Begierde: Eckhaus an Richardplatz und Hertzbergstraße in Rixdorf Foto: Sonja Trabandt

Von Peter Nowak

Welche Rechte haben wir als Mie­ter*in­nen? Diese Frage stellen sich die rund 75 Be­woh­ne­r*in­nen des Eckhauses Richardplatz 1/Hertzbergstraße 32 in Rixdorf, seit sie kurz nach Weihnachten 2025 erfahren haben, dass das Haus an Investoren verkauft werden soll.

„Die Eigentümerin verlangte Zugang zu unseren Wohnungen, es folgten Besichtigungen“, erzählt Mieterin Laura Nendza-Stampfl. Vertreter des ­Immobilienkonzerns Deutsche Investment wollten den Zustand des Hauses ermitteln. „Wenn es um Immobilien geht, sind wir für institutionelle ­Anleger ein verlässlicher Partner. Denn wir leben Immobilien“, wirbt der Konzern auf seiner Homepage. In einem Nebensatz werden auch „die Bedürfnisse unserer Mieter“ erwähnt.

Für die Be­woh­ne­r*in­nen des Hauses war es ein Schock, als sie erfuhren, dass ihre Wohnungen an einen renditegetriebenen Immobilienkonzern verkauft werden sollen. Schließlich habe man zur Eigentümerin Petra Schmidt, einer Rechtsanwältin aus Charlottenburg, über Jahre ein entspanntes Verhältnis gehabt, heißt es. Gute Erinnerungen haben langjährige Mie­te­r*in­nen an die vor einigen Jahren verstorbene Mutter von Schmidt, die immer erklärt hatte, dass sie das Haus nie verkaufen werde.

Das will eine Mieterin bei einer Kundgebung im Februar vor dem Haus ins Gedächtnis rufen. Dort trägt sie ein selbst gemaltes Schild mit der Aufschrift „Mutti wollte es anders“. Eigentümerin Petra Schmidt war auch zur Demo eingeladen, kommt aber nicht. Dafür trifft eine von ihr unterzeichnete Abmahnung ein, weil die Mie­te­r*in­nen Transparente mit den Aufschriften „Rendite tötet Kiez“ oder „Wohnen ist keine Ware“ am Haus angebracht haben.

Doch die Eigentümerin verlangt nicht nur die unverzügliche Entfernung der Transparente. Sie dürften auch nicht fotografiert werden, schreibt sie. Zudem enthält ihr Schreiben auch den Hinweis, dass die Mietverhältnisse außerordentlich oder hilfsweise ordentlich gekündigt werden könnten. Es ist ein Ton, der auch jene Haus­be­woh­ne­r*in­nen empört, die sich eben noch dafür ausgesprochen hatten, mit Schmidt möglichst schnell zu einem Kompromiss zu kommen.

Im Haifischbecken

Es ist was faul in der Mieter­hauptstadt Berlin: Investoren spekulieren mit ganzen Wohn­blöcken, Konzerne lassen ihre Häuser verfallen, Mie­te­r:in­nen müssen sich mit Eigenbedarfs­kündigungen und Wuchermieten herumschlagen.

Auch betroffen? Dann schreiben Sie der taz Berlin-Redaktion:

haifischbecken@taz.de

Die Drohung mit einer möglichen Kündigung macht den Be­woh­ne­r*in­nen Angst. Die meisten wollen nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen. Doch verdrängen lassen wollen sie sich ebenso nicht. „Nachdem wir von den Verkaufsabsichten der Eigentümerin erfahren hatten, riefen wir mehrere Hausversammlungen ein, die sehr gut besucht waren“, sagt Niko Becker. „Das hat uns zusammengeschweißt.“

Becker arbeitet im Linus, einer Kiezkneipe in dem Gebäude. Sie wurde noch in den 1980er Jahren gegründet und hat schon einige Eigentümerwechsel überstanden. „Die Miete war lange sehr günstig“, so Becker. „Doch vor einigen Monaten haben wir erfahren, dass sie sich verdreifacht hat.“ Das sind für ihn klare Zeichen der Aufwertung in unmittelbarer Nähe zum historischen Ensemble von Alt-Rixdorf.

Die Eigentümerin verlangte Zugang zu unseren Wohnungen, es folgten Besichtigungen

Laura Nendza-Stampfl, Mieterin

Für den Neuköllner Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne) ist es völlig in Ordnung, wenn die Eigentümerin das Haus ­verkaufen will. „Aber es muss ein Käufer gefunden werden, der zum Kiez passt und dafür sorgt, dass die Mie­te­r*in­nen wieder ruhig schlafen können“, betont der Bezirkspolitiker.

Auch Derya Çağlar steht auf Seiten der Mieter*innen. Die SPD-Politikerin vertritt den Wahlkreis Neukölln 3 im Berliner Abgeordnetenhaus. „Die beste Lösung wäre, wenn das Haus an eine Genossenschaft der Mietenden verkauft wird. Sollte das nicht klappen, setze ich mich dafür ein, dass ein Verkauf an eine landeseigene Wohnungsgesellschaft erfolgt“, sagt Çağlar zur taz.

Kiezkneipe seit den 1980ern: das Linus Foto: Sonja Trabandt

Das wäre ganz im Sinne der Mieter*innen. Innerhalb weniger Wochen haben sie eine Genossenschaft gefunden, die sich einen Hauskauf vorstellen könnte. Dafür müsste der ­Zustand des Gebäudes ­untersucht werden – davon hängt schließlich der Kaufpreis ab.

Die Eigentümerin ist über die Wünsche der Haus­be­woh­ne­r*in­nen informiert worden. Sie will nach Bekunden allerdings die Verhandlungen mit der Deutsche Investment weiterführen. Sollte der Deal scheitern, könnte die Genossenschaft als Plan B ins Spiel kommen, hatte sie vage gegenüber einigen Mie­te­r*in­nen angedeutet. Konkreter wurde die Eigentümerin jedoch nicht; auf Nachfrage der taz äußert sie sich dazu nicht.

Die beste Lösung wäre, wenn das Haus an eine Genossenschaft der Mietenden verkauft wird

Derya Çağlar, SPD

„Der Fall des Hausverkaufs am Richardplatz zeigt, dass es sehr dringend eine Reform des Vorkaufsrechts braucht, um es endlich wieder zu einem wirksamen Instrument zum Schutz der Mie­te­r*in­nen zu machen“, sagt André Schulze, der für die Neuköllner Grünen im Abgeordnetenhaus sitzt, zur taz.

Schulze drängte in einem Brief an die Eigentümerin darauf, das Haus an eine Genossenschaft zu verkaufen, um die Be­woh­ne­r*in­nen vor Mietsteigerung und Spekulation zu schützen. Eine Antwort hat er nach eigenen Angaben bis heute nicht erhalten.

Alle Texte aus dem ­Haifischbeckenfinden Sie auf taz.de/!t5612115

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