: „Genau, finde ich superwichtig!“
Der Trend geht zum rot-rot-grünen Podcast. Wie Bundestagsabgeordnete am Mikro versuchen, ein Linksbündnis zurück auf die Tagesordnung zu bringen
Von Tobias Schulze
Es gibt einen Ort im Internet, an dem sich gerade etwas Ungewöhnliches tut – Linke machen sich dort Hoffnung. Dieser Ort befindet sich unter einem Youtube-Video vom Montag. Rund 800 Kommentare haben sich da angesammelt, fast alle klingen begeistert: „So verdammt wichtig!“, „Ein tolles Zeichen!“, „Das ist so super!“, „Ihr drei habt mir den Tag versüßt!“ Sollten die Kommentator*innen nicht bezahlt sein, hat das Video einen Nerv getroffen.
Was die User*innen so euphorisiert: Drei Bundestagsabgeordnete von Linkspartei, SPD und Grünen sitzen an einem Tisch und unterhalten sich. Linke-Fraktionschefin Heidi Reichinnek hat die Ex-Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang und Rasha Nasr von der SPD in ihren Podcast eingeladen. Eine halbe Stunde lang sprechen sie über Frauenfeindlichkeit, die Macht der Techkonzerne und Strategien gegen den Rechtsruck.
Die drei sitzen nicht zum ersten Mal zusammen. Als im Juli 2025 im Bundestag die Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin platzte, nahmen sie ein gemeinsames Protestselfie auf. Das Foto sollte zeigen, dass „auch eine andere Politik möglich ist“, sagt Lang jetzt im Podcast. „Viele Leute“ hätten schon da gesagt: „Geil, das gibt uns wirklich mal Hoffnung.“ Daher die Idee zum Podcast, der ab jetzt öfter in dieser Konstellation erscheinen soll.
Ein antizyklisches Konzept. In Umfragen ist Rot-Rot-Grün weit weg von einer Mehrheit. In letzter Zeit haben die Grünen zwar leicht zugelegt, aber nur auf Kosten der SPD. Wäre jetzt Bundestagswahl, wären die entscheidenden Fragen, ob Friedrich Merz oder Alice Weidel auf Platz eins landet und ob Schwarz-Grün Schwarz-Rot ablöst. Eine Machtperspektive, die Menschen links der Mitte mobilisiert, ist für die Wahl 2029 nicht in Sicht.
Sie ist höchstens zu hören, nicht nur bei Reichinnek und Co. Deren neues Projekt hat ein Vorbild. Drei weniger prominente Abgeordnete begründeten schon vor einem Jahr das Genre der R2G-Podcasts. In „Tassenkontrolle“ sprechen Maja Wallstein (SPD), Ateş Gürpınar (Linke) und Johannes Wagner (Grüne) miteinander. „Es gibt gerade überhaupt keine progressiven Mehrheiten, und das muss sich bis’29 drehen“, sagt Wagner in der aktuellen Folge über die Intention. „Dieses Projekt hier hat das Ziel, dass wir als progressive Parteien miteinander reden und es im besten Fall in drei Jahren eine Regierungsoption gibt.“
Ausgesprochen nachsichtig gehen die Abgeordneten im Podcast miteinander um. In mittlerweile zehn Folgen bleibt Dissens zwar nicht aus, die drei tragen ihn aber nicht talkshowmäßig mit Ellbogen aus. Dafür können sie sich auf einen gemeinsamen Gegner einigen. Als es um einen Bundestagsauftritt des Kanzlers geht, sagt sogar die Koalitionsabgeordnete Wallstein: „Da krieg ich sofort Puls.“
Noch harmonischer präsentieren sich Reichinnek, Lang und Nasr in ihrem Gespräch. Ständig sagt jemand „Genau!“ oder „Finde ich superwichtig!“. Was kein Zufall ist, sondern Konzept. Lang erwähnt die US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez, die kürzlich in Berlin war. „AOC“ habe gesagt: „Ey, in diesen Zeiten müssen wir klarhaben, wo der politische Gegner steht.“ SPD, Grüne und Linke sollten sich darauf konzentrieren, gemeinsame Mehrheiten zu organisieren, statt auf „ein Infighting, wer der bessere Linke ist“. Neben ihr nickt Nasr von der SPD: „Fand ich ehrlicherweise auch den stärksten Punkt.“
Der Ansatz erklärt auch, warum die Geburtshilfe für Rot-Rot-Grün derzeit vor allem in Podcasts stattfindet. Dort kann man die Themen selbst setzen, unbehelligt von Journalist*innen. Anders als in TV-Runden oder in gemeinsamen Interviews, in denen Moderator*innen auf Punkten herumreiten, die Grüne, SPD und Linke trennen.
Es ist aber auch einfach nicht so, dass alle in den drei Parteien nur darauf aus sind, Signale der Gemeinsamkeit zu senden. Das liegt an den inhaltlichen Differenzen, die es selbst zwischen linken Grünen und mittigen Linken gibt, an der Konkurrenz um Wählergruppen und an Verletzungen, die daraus entstehen. Man kann das aus Bundestagsreden und Gesprächen heraushören, manchmal sieht man es auch in der Zeitung.
Die taz suchte kürzlich nach Gesprächspartner*innen für ein links-grünes Streitgespräch. Heidi Reichinnek hat an solchen konfrontativen Formaten weniger Interesse. Für die Linke kam Parteichefin Ines Schwerdtner, die ohnehin nicht aufs Regieren aus ist. Sie diskutierte mit Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge, und die beiden lieferten, wofür die Redaktion sie angefragt hatte: Streit.
Jenseits der Podcasts ist von Versuchen linker Koalitionsanbahnung im Moment auch sonst wenig bekannt. Im Bundestag passiert so etwas klassisch über Gesprächskreise, in denen sich Abgeordnete nichtöffentlich treffen. Oft nehmen an solchen Runden nicht nur diejenigen Vertreter*innen der beteiligten Parteien teil, die ohnehin gut miteinander können, sondern auch solche, die weit auseinander sind. Das soll Vertrauen bilden.
Der bekannteste Gesprächskreis ist die Pizzaconnection, in der sich in den Neunzigern erstmals Abgeordnete von Grünen und Union annäherten. Sie trifft sich auch in dieser Legislaturperiode. Journalist*innen müssten nicht lange herumtelefonieren, um Eckpunkte zu erfahren: Vor wenigen Tagen wurden Infos vom letzten Treffen im Februar lanciert.
Auch auf der anderen Seite gab es früher solche Runden. In der Denkfabrik netzwerkten einst linke SPD-Abgeordnete gerne mit Grünen und Linken. Der letzte Eintrag auf der Website stammt aber von der Weihnachtsfeier 2023. Ein neuer rot-rot-grüner Gesprächskreis ist zwar im Aufbau. Mehrere Dutzend Abgeordnete kamen im Herbst erstmals zusammen, die Fortsetzung ist geplant. Mehr lässt sich zu dieser Runde aber partout nicht herausfinden. Anders als bei der Pizzaconnection halten die Beteiligten still. So richtig opportun ist es eben wirklich nicht bei allen in den drei Parteien, über ein Linksbündnis zu reden.
Wer öffentlich Signale senden will, muss schon einen Podcast starten. Für die Diskutant*innen hat das immerhin noch einen Vorteil. Sie sprechen nicht nur mit anderen Abgeordneten, sondern auch zum Publikum. Im besten Fall schaffen sie darüber erst mal die Nachfrage nach Rot-Rot-Grün. Und ist die erst mal da, muss der Rest das Angebot schaffen.
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