Die Wahrheit: Pumpkin Spice Latte ans Bett und gemütlich duschen
Das Wehrdienstgesetz ist da – und mit ihm all das Gute, was den Dienst bei der Truppe ab jetzt ausmacht.
Jetzt ist es soweit. Gerade noch sind überall die Silvesterraketen explodiert, da ist auch schon das neue Wehrdienstgesetz in Kraft getreten. Seit dem 1. Januar 2026 herrscht eine Auskunftspflicht für volljährige Männer, der Dienst an der Waffe selbst bleibt aber freiwillig.
Und da geht es schon los. Denn Auslöser für das neue Gesetz ist der Ukraine-Krieg und seine möglichen Folgen. „Ukraine? Wer ist das?“, fragt jedoch das Jungvolk. Ein Konflikt, an dem Israel nicht beteiligt ist, interessiert sie nicht – die sollen halt leise sterben. Lieber Geld für Bildung statt für Krieg. Die erste Palette neuer Russisch-Bücher soll schon eingetroffen sein. Die will ja auch bezahlt werden.
Die Haltung an sich ist nachvollziehbar. Sie kriegen keine Rente, müssen aber für unsere arbeiten, bis sie neunzig sind. Wenn sie das Alter überhaupt erleben, weil wahrscheinlich noch vorher die Welt untergeht. Da haben sie keine Lust, auch noch Teile ihrer kostbaren Jugend daran zu verschwenden, sich von halbdebilen Viertelnazis durch die Gegend scheuchen zu lassen, so weit ich mich korrekt an das Mindset unserer Vorgesetzten erinnere.
Aber, großes Aber: Ich selbst habe bei der Truppe so unendlich viel fürs Leben gelernt. Im Grunde alle Dinge, die essenziell für die geistige und moralische Bildung eines jungen Menschen sind: Mobbing, Alkoholismus, Verrohung, Dummheit, Wut, Angst und vor allem jede Menge Leerlauf und Langeweile. So wurden wir aus schnöden Rohdiamanten zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft geschliffen, bösartig, frustriert und versoffen.
Doch besagte Soft Skills sind im heutigen Berufsleben offenkundig weniger gefragt. Und während wir die 15 Monate gut damit verbringen konnten, Bier zu trinken und gegenseitig unsere Fürze anzuzünden, haben sich die Ansprüche geändert. Das wirft die Frage auf, wie man die Wehrpflicht den jungen Menschen wieder schmackhaft machen kann, denn solange man den schwarzen Schimmel einer freiwilligen Pflicht reitet, hat man noch keinen einzigen neuen Soldaten gewonnen.
Täglich eine neue Obstschale auf jeder Stube
Auf jeder Stube steht in Zukunft täglich eine neue Obstschale. Das WLan ist exzellent. Alle tragen bequeme Freizeitkleidung nach Wahl – erlaubt ist, was gefällt. Es kämpft sich nicht gut in zwickender Uniform. Auf dem Exerzierplatz lernt man, sich vor nähernden Panzern des Feindes anzukleben. Da haben viele sogar schon Übung. Panzer sind schließlich auch nur eine Art SUV. Nur dass man statt dem Muttipanzer mit Kaffeebecherhalter, nun den Vatipanzer mit Kanone kennenlernt.
Das Gemeinschaftliche muss mehr betont werden, das Abenteuer an der frischen Luft, Friedenslieder am Lagerfeuer, körperliche Betätigung wie Ausheben von Schützengräben, die später mit Wasser gefüllt den Kröten als Wanderungskanäle dienen können, damit sie nicht beim Kreuzen der Autostraßen überfahren werden.
Mit echten Schießgewehren wird selbstverständlich nicht geübt. Die Anschaffung und die Munition sind teuer, der Krach sorgt für Stress bei sämtlichen Lebewesen, und nachhaltig ist das alles ebenfalls nicht. Feinstaubemissionen, CO² und nicht zuletzt ernsthafte Sach- und Personenschäden. Denn es gibt mittlerweile unzählige Belege dafür, wie gefährlich Schusswaffen sind; selbst Todesfälle sind aktenkundig. Auch Bombenabwürfe gelten dem aufgeklärten Bürger als Unding. Was da alles passieren kann.
Die Bundeswehr ist, wie auch alle anderen Armeen dieser Welt, jedoch für das Wohlergehen und die körperliche Unversehrtheit ihrer Mitarbeiter verantwortlich – und dazu zählen nun mal die Wehrpflichtigen.
Junge Gamer perfekt für den Drohnenkrieg
Wofür gibt es schließlich Simulatoren. Der Vorteil ist: Viele junge Menschen haben mit vergleichbaren Games schon jahrelang im Kinderzimmer geübt und eine hohe Perfektion erreicht – ideal für den Drohnenkrieg. Der Übergang von virtueller zu wirklicher Realität erscheint fließend. Dass dabei echte Menschen sterben, muss man ihnen ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Sonst melden sich da am Ende nur wieder irgendwelche Snowflake-Bedenken.
Ein wichtiges Stichwort ist auch die Work-Life-Balance. Die Einsicht, dass frühes Aufstehen für den jugendlichen Biorhythmus reines Gift ist, kommt langsam in den Schulen an. Warum also nicht auch im Verteidungsministerium? Eine unchristliche Anweisung wie „Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“ wird hoffentlich für immer Geschichte bleiben.
Nicht vor neun Uhr morgens ertönt der Ruf des Unteroffiziers vom Dienst: „Rekruten, aufstehen, bitte …“ Wer noch länger ausschlafen will, bleibt selbstverständlich liegen, ohne dass nervig rumgequakt wird. Toleranz im Miteinander wird beim neuen Wehrdienst großgeschrieben, ebenso wie flache Hierarchien.
Dann erst mal eine Pumpkin Spice Latte ans Bett, gemütlich duschen, bisschen Social Media, die Selfies mit dem gemütlichen Stoffhelm von gestern, und frühstücken wie ein Kaiser. Geschossen wird am Ende nicht vor halb zwölf. Aber wieder nicht in echt.
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