piwik no script img

Gegen die Macht der Lobbys

Der progressive Demokrat Abdul El Sayed hat die parteiinterne Vorwahl im US-Bundesstaat Michigan gewonnen. Er verkauft sich erfolgreich als Mann des Volkes

Von Sebastian Moll

Als Bernie Sanders begann, sich politisch zu engagieren, demons­trier­ten an den US-Universitäten noch Studenten gegen den Vietnamkrieg. Wenn Sanders also etwas sagt wie: „Dies war der bedeutsamste politische Sieg, so lange ich denken kann“, dann hat das Gewicht.

Sanders sagte diesen Satz vergangene Woche nach einer Wahl, die im großen historischen Zusammenhang vergleichsweise unbedeutend war. Es ging um die interne Vorwahl der demokratischen Partei für einen der beiden Senatssitze des Staates Michigan. Doch Sanders machte diese Wahl Hoffnung auf einen Neuanfang.

Zuvörderst freute sich Sanders beim Triumph von Abdul El Sayed gegen die amtierende Senatorin Haley Stevens darüber, dass es ein Sieg der einfachen Wähler über die Lobbyisten war. Haley Stevens hatte über 70 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden verfügt, mehr als zehnmal so viel wie ihr Herausforderer El Sayed. Trotz dieser Mittel konnte sie den Epidemiologen und ehemaligen Gesundheitsdezernenten der Stadt Detroit nicht bezwingen.

Die Übermacht des Geldes in der US-amerikanischen Politik beschäftigt Sanders, seit er 1991 in das Abgeordnetenhaus gewählt wurde. Sie war zusammen mit der immer extremeren sozialen Ungleichheit in den USA und einer sich verfestigenden Oligarchie das zentrale Thema seiner Präsidentschaftswahlkämpfe 2016 und 2020. Der Sieg von El Sayed in Michigan bestätigt Sanders nun, in Verbindung mit vorangegangenen Vorwahlsiegen progressiver Kandidaten in Pennsylvania, New York und Colorado, dass Lobbyismus und Korruption in Washington zunehmend zu wahlentscheidenden Themen werden.

Dazu hat mit Sicherheit der schamlose Ausverkauf der US-Politik durch Präsident Donald Trump beigetragen. Hinzu kam in der ersten Hälfte der zweiten Trump-Amtszeit die Zahnlosigkeit des demokratischen Establishments, das immer mehr Wähler mit Sonderinteressen in Verbindung bringen. Besonders ist dabei mit Beginn des Gazakriegs die israelische Lobbyorganisation ­Aipac ins Bewusstsein der Öffentlich getreten.

Aipac hat allein in die Michigan-Vorwahl mehr Geld gesteckt, als noch vor vier Jahren in den gesamten Wahlzyklus: 67 Millionen US-Dollar. Das Gesamtbudget für die Midterms dürfte ein Mehrfaches davon betragen.

Der Sieg von Abdul El Sayed, so knapp er auch war, bestätigt nun, dass die Basis der demokratischen Partei auch außerhalb der progressiven Großstädte an den Küsten die Korruption und den Filz in Washington satt haben und eine neue Art von Politik wollen. Es hat sich ein Raum für Politiker wie El Sayed eröffnet, die in der Tradition ihres linken Vorreiters Sanders neue Wege beschreiten und sich trauen, bislang als ex­trem empfundene Positionen zu vertreten.

Sayed verkauft sich glaubhaft als ein Mann des Volkes. Sein Vater, der in armen Verhältnissen in Ägypten aufwuchs, erfüllte sich seinen amerikanischen Traum, als er mit einem Stipendium an die Universität von Michigan kam und sich zum Automobilingenieur ausbilden ließ. Sein Sohn erlebte als Arzt an vorderster Front die Härte des US-amerikanischen Gesundheitswesens und ging in die Politik, um solche Unzumutbarkeiten zu korrigieren.

Sayed spricht die Sprache der Straße. Er redet direkt und hart und scheut sich nicht vor Kraftausdrücken

Man nimmt es Sayed deshalb ab, wenn er, obwohl Akademiker, im Arbeiterstaat Michigan die Sprache der Straße spricht. Er redet direkt und hart und scheut sich nicht vor Kraftausdrücken. Er bezeichnet den Krieg gegen die palästinensische Bevölkerung als Genozid und möchte die US-Deportationsbehörde ICE abschaffen. Über Trump sagt er, dieser würde sich mehr um die Vorhänge seines Ballsaals sorgen, als um das Wohl der Bevölkerung.

Für Bernie Sanders und andere im progressiven Flügel der Demokraten ist die Wahl von El Sayed nun der definitive Beleg dafür, dass die Partei bereit ist, einen neuen Weg zu gehen. Man traut sich, die zuvor selbst angelegten Fesseln abzustreifen.

Trump und dessen Anhänger, etwa Sayeds republikanischer Gegner in der Senatswahl, Mike Rogers, glauben derweil noch immer, dass diese Kehre nach hinten losgeht. Trump hat Sayed als Kommunisten geschmäht und prophezeit, dass Michigan den Bach runtergehen werde, wenn es Sayed wählt. Doch womöglich unterschätzt Trump auch den Überdruss mit dem Filz, der Lähmung und Korruption in Washington. Denn der ist auch in seiner eigenen Anhängerschaft ziemlich groß.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen