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Lieferdienste im WinterGefährlich durch die Kälte

Trotz Glatteis müssen Kuriere weiter Essen ausliefern. Das Lieferando Workers Collective kritisiert, Unternehmen würden zu selten den Betrieb einstellen.

Trotz Schnee und Eis auf der Straße: Lieferando-Kuriere Foto: Emmanuele Contini/imago

Viele Ber­li­ne­r:in­nen trauen sich angesichts von Dauerfrost und Glätte kaum noch auf die Straße. Keine Wahl haben hingegen Hunderte Kurierfahrer:innen, die für Lieferunternehmen wie Lieferando und Wolt Essen ausliefern. Während die Zahl der Unfälle steigt, tue das Unternehmen nicht genug für die Sicherheit der Fahrer:innen, kritisieren Lieferando-Beschäftigte.

„Die Arbeit ist im Winter am gefährlichsten“, sagt Max vom Lieferando Workers Collective (LWC). Seinen vollen Namen möchte der Lieferfahrer aus Angst vor Konsequenzen nicht nennen. Bei dem Wetter werde es in den kommenden Wochen noch viele Unfälle geben, fürchtet Max. „Lieferando könnte die verhindern, aber handelt komplett unverantwortlich.“

Ein wesentlicher Kritikpunkt ist, dass das Unternehmen den Betrieb auch bei Glatteis und Kälte aufrechterhält: „Lieferando pausiert den Betrieb sehr selten und sehr spät“, berichtet Max.

Laut internen Unfallzahlen, die der taz vorliegen, wurden im Januar acht Vorkommnisse gemeldet. Im relativ eisfreien November waren es nur drei Vorfälle. Dabei handele es sich nur um die schweren Unfälle mit versicherungsrelevanten Verletzungen. „Die Dunkelziffer ist viel höher“, schätzt Max vom LWC ein.

Lieferando: „Sicherheit hat Priorität“

Auf taz-Anfrage bestreitet Lieferando die Vorwürfe. „Die Sicherheit unserer Fah­re­r*in­nen hat oberste Priorität“, teilt ein Sprecher des Unternehmens mit. Man beobachte die Wetter- und Straßenverhältnisse auf lokaler Ebene genau und pausiere die Auslieferung bei widrigen Witterungsbedingungen wie Blitzeis. Wer sich unsicher fühle, könne sich jederzeit von seiner Schicht abmelden.

Offiziell gibt es bei Lieferando ein mehrstufiges System, auf Unwetterlagen zu reagieren. Laut einem internen Protokoll, das der taz vorliegt, werden bei Unwetterwarnungen speziell geschulte Fah­re­r:in­nen zu den Witterungsbedingungen befragt. Sollten diese „Weather Watcher“ die Bedingungen als ungünstig einstufen, würde der Betrieb geschlossen.

Doch das System existiere nur auf dem Papier, kritisiert Max vom LWC. Seiner Erfahrung nach stoppe das Unternehmen Auslieferungen erst, wenn sich viele Fahrer witterungsbedingt abmelden. Aber Geld für die ausgefallene Schicht erhielten die Fahrer nur dann, wenn der gesamte Betrieb eingestellt wird. „Es wird häufig nichts bezahlt“, berichtet Max.

Hinzu komme, dass nach 18 Uhr und an den Wochenenden, also zu den nachfragestärksten Zeiten, kaum jemand im Büro zu erreichen sei, der auf Extremwetterereignisse reagieren könne, berichtet Max.

Wenn du da nicht bereit bist bei jedem Wetter zu fahren, kriegst du keine Kohle und wirst in der App deaktiviert

Max, Lieferando Workers Collective

Daher habe es trotz des frostigen Wetters in diesem Jahr nur vereinzelte Unterbrechungen für wenige Stunden gegeben, aber keine ganztägige Betriebspause. „Immer dann, wenn sich zu viele Fahrer beschwert haben“, sagt Max.

Ali, ein weiterer Fahrer, mit dem die taz sprechen konnte, berichtet, dass auch die Versorgung mit Winterausrüstung dürftig sei. Er und seine Kol­le­g:in­nen seien zwar vor Monaten gefragt worden, was sie an Ausrüstung benötigen, davon sei aber bisher noch nichts angekommen. „Die Leute benutzen ihre eigenen Sachen“, sagt Ali.

Noch schlimmer sei die Situation hingegen bei dubiosen Subunternehmen, auf die Lieferando, Wolt und Uber Eats verstärkt setzen. Viele Kuriere hätten dort keinen gültigen Arbeitsvertrag und bekämen Anweisungen über eine Whatsapp-Gruppe, berichtet Max vom LWC. „Wenn du da nicht bereit bist bei jedem Wetter zu fahren, kriegst du keine Kohle und wirst in der App deaktiviert.“

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