Gedenken und Gewalt in Istanbul

„Berkin ist hier“

Vor einem Jahr starb der 15-jährige Berkin Elvan bei den Gezi-Protesten. Nun ging die Polizei erneut gewaltvoll gegen die Gedenkdemonstrationen vor.

„Für Berkin Elvan“. Bild: dpa

ISTANBUL afp | Die türkische Polizei ist am Mittwoch in mehreren Städten gewaltsam gegen Demonstrierende vorgegangen, die des Todes des 15-Jährigen Berkin Elvan durch eine Tränengaspatrone vor einem Jahr gedachten. Im Istanbuler Stadtteil Okmeydani, in dem der Jugendliche tödlich verletzt worden war, gab es Zusammenstöße mit linken Regierungsgegnern. Die Bereitschaftspolizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, die Demonstranten warfen Steine und Molotowcocktails.

Auch in Ankara, Izmir und rund zwanzig anderen Städten gingen die Menschen im Gedenken an Berkin Elvan auf die Straße – und wurden oft von den Sicherheitskräften auseinandergetrieben. In Ankara wurden der Lokalpresse zufolge elf Menschen festgenommen, als sie Gerechtigkeit für das Opfer der Polizeigewalt forderten. Auch aus Istanbul wurden mehrere Festnahmen gemeldet, dort wollten sich Regierungsgegner vor dem Gezi-Park versammeln. Auf einem ihrer Plakate stand: „Berkin ist hier.“

Die geplante Zerstörung des Parks im Herzen Istanbuls hatte am 31. Mai 2013 massive Proteste ausgelöst, die zur bis dahin härtesten Kraftprobe für die konservativ-islamische Regierung des damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wurde. Elvan war im Juni 2013 von einer Tränengaspatrone am Kopf getroffen worden, als er nach Angaben seiner Eltern Brot kaufen wollte und dabei in die Unruhen geriet. Er fiel für 269 Tage ins Koma und starb am 11. März 2014. Bislang wurde kein Polizist dafür vor Gericht gestellt.

Im Zuge der Anti-Erdogan-Proteste verloren mehrere Menschen ihr Leben. Je nachdem, welche Todesfälle man mitzählt, schwankt die Zahl der Opfer zwischen acht und 15. Besonders der Tod des 15-jährigen Berkin wurde aber zu einem traurigen Symbol für die Polizeigewalt. Nach der Nachricht von seinem Tod waren vor einem Jahr landesweit hunderttausende Menschen auf die Straßen gezogen, auch an seiner Beisetzung nahmen zahllose Istanbuler teil.

Erdogan hatte den Jugendlichen als „Terroristen“ bezeichnet und seine Anhänger bei einer Kundgebung ermutigt, die Mutter des Jungen auszubuhen. Der Polizei bescheinigte er, sie habe während der Gezi-Unruhen ein „Heldenepos“ geschrieben. Das Parlament prüft derzeit ein Gesetzesvorhaben, das der Polizei bei Demonstrationen noch mehr Handlungsspielraum geben soll. Die Opposition sieht darin den Versuch, aus der Türkei einen Polizeistaat zu machen.

Der Intellektuellen-Verband Sanat Meclisi appellierte am Mittwoch an die Politiker des Landes, den Tod Berkins nicht länger ungesühnt zu lassen. Die Eltern fordern nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Dogan vom Innenministerium Schmerzensgeld von umgerechnet 350.000 Euro. Im westlichen Izmir wurde am Mittwoch eine kleine Statue von Berkin beschädigt: Unbekannte fügten ihr am Kopf eine dicke Schramme zu, womöglich um an die tödliche Verletzung zu erinnern. Auf Twitter verschickten am Mittwoch zahlreiche Türken die Nachricht „Wir haben Dich nicht vergessen, Berkin Elvan“.

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