Gedenken an trans Frau Ella N.: Was bleibt

Dass queere Körper existieren, ist für viele Menschen Grund genug für Gewalt. Aber ihr Vernichtungswille zerstört sie selbst gleich mit.

Die Spitze des Fernsehturms am Alexanderplatzes verschwindet im Nebel

Berlin, Alexanderplatz: Hier hat sich Ella N. im vergangenen September das Leben genommen Foto: Paul Zinken/dpa

Eine Frau flieht, auf der Suche nach Sicherheit und einem ruhigen Leben. Sie überquert die Ägäis, nimmt die Balkanroute. Sie kommt nach Deutschland. Sie lernt die Sprache, findet eine Tätigkeit in der Beratung, wo sie anderen helfen kann. Findet Freund*innen. Aber Sicherheit und Ruhe findet sie nicht.

Obwohl ihr als trans Frau in ihrem Herkunftsland Iran Gewalt droht, erhält sie in Deutschland zunächst kein Asyl. Dass die reine Existenz eines transgeschlechtlichen Körpers für viele Menschen Grund genug ist, diesem Körper schaden zu wollen, sehen deutsche Behörden nicht. Erst durch eine Klage behauptet sich die Frau, nach Jahren. Und muss sogleich weiterkämpfen, um transmedizinische Versorgung, um Anerkennung ihres Geschlechts.

Im September hat sich Ella N. am Berliner Alexanderplatz durch Selbstverbrennung das Leben genommen (die taz berichtete). Ihre Beweggründe sind unbekannt. Über Gründe für Suizide zu spekulieren führt zu nichts, und niemand, sei er*­sie noch so verzweifelt, soll ihrem Beispiel folgen. Es sei nur so viel gesagt, dass Selbstverbrennungen der Versuch sein können, ein grauenvolles Signal zu senden: dass man all denen zuvorgekommen ist bei der Vernichtung des eigenen Körpers, die es bis dahin versucht hatten. Ein extremer Akt, begleitet womöglich von der Hoffnung, dass am Ende die Selbstbehauptung steht.

Das soll nicht heißen, dass das etwas He­roisches ist. Im Gegenteil, sollten Sie daran denken, sich selbst zu verletzen, oder Menschen kennen, die darüber sprechen: Machen Sie nichts Politisches, nichts Spirituelles draus. Nehmen Sie die Hilfe der Telefonseelsorge (0800 111 01 11 oder 0800 111 02 22) in Anspruch oder die einer Beratungsstelle für queere Menschen oder queere Mi­gran­t*in­nen. Das Bedürfnis verfolgter queerer Menschen, dem Tod spirituelle Bedeutung zu geben, ist nachvollziehbar. Aber man kann einen Menschen respektieren und ehren, ohne aus ihrer Verzweiflungstat etwas Hel­d*in­nen­haf­tes zu machen.

Verunstaltetes Grab

Am Mittwoch vermeldete der LSVD, dass Ella N.s Grab letzthin mehrfach verunstaltet worden ist. Die Bedrohung, die für einige Menschen vom queeren Körper ausgeht, endet nicht mit dessen Tod. Der Vernichtungswahn bleibt. Ich frage mich, warum. Warum sie noch weiter zerstören müssen, was längst nicht mehr da ist. Was von Ella N. bleibt, sind die Menschen, denen sie geholfen hat. Die Menschen, die sie Freun­d*in­nen nannte und die jetzt dafür sorgen, dass sie erinnert wird. Die Träume, die sie sich erfüllt hat, die Wege, die sie gegangen ist, die bleiben; und sie zu vernichten wird schwer für ein paar Idiot*innen, die nichts vorzuweisen haben als ihren Ekel.

Tatsächlich glaube ich, dass das, was diese Leute vernichten wollen, gar nichts mit Ella zu tun hat. Es ist in ihnen selber. Und deswegen geht ihre destruktive Wut weiter. Ich sollte das mit Mitleid betrachten, dass sie so leben müssen. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich hoffe, es frisst sie von innen auf.

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