american pie: Gebeugter Widerstand zum Klang der Nationalhymne
FOOTBALL Zum Saisonstart der NFL gehen die Proteste der Profis gegen Rassendiskriminierung und Polizeigewalt weiter
Da knieten Colin Kaepernick und Eric Reid in voller Montur ihrer San Francisco 49ers am Spielfeldrand, während die US-Nationalhymne erklang. Zwei Spieler der gegnerischen Los Angeles Rams reckten die Faust in die Höhe. Dass die 49ers zum Abschluss des NFL-Saisonstarts mit 28:0 gewannen, geriet fast in den Hintergrund. Vielmehr wurde klar: Kaepernicks Geste gegen Rassismus und Unterdrückung und die hitzige Diskussion werden die Saison überdauern.
Dabei sollte zum Saisonstart der Footballer das Sportliche im Vordergrund stehen: Die turbulente Schlussphase beim 21:20-Sieg der Denver Broncos im Eröffnungsspiel gegen die Carolina Panthers, Neuauflage der Paarung aus dem Superbowl. Oder der Sieg der ersatzgeschwächten New England Patriots über die Arizona Cardinals. Stattdessen sorgte Model Kate Upton für einen Shitstorm. „Das ist inakzeptabel. Ihr könnt protestieren, so viel ihr wollt, aber nicht während der 120 Sekunden der Hymne“, twitterte die 24-Jährige und richtete sich an vier Akteure der Miami Dolphins, die während der Nationalhymne vorm Spiel gegen die Seattle Seahawks niederknieten. Mittlerweile ist sie zurückgerudert und bezog ihren Tweet auf 9/11, an dem Tag des nationalen Gedenkens gehe das ja wohl nicht. Auch Spieler der New England Patriots oder der Tennessee Titans zeigten sich solidarisch. Reaktionen in der Öffentlichkeit reichen weiter von Beifall und großer Zustimmung bis hin zu Vorwürfen des Landesverrats.
Die Ligaführung um den Republikaner Roger Goddell laviert sich irgendwie durch: Strafen wird es nicht geben, zu groß wäre der folgende Aufschrei. Im Juli trugen die Basketballerinnen der Minnesota Lynx T-Shirts der Bewegung „Black Lives Matter“. Die WNBA reagierte mit Geldstrafen – und ruderte zurück. „Wir schätzen die Initiative unserer Spielerinnen, Themen anzusprechen, die ihnen wichtig sind“, erklärte Ligachefin Lisa Borders danach.
Nun also die NFL. Nur allzu gern hüllte sich die mächtige Liga jahrelang in ein Gewand aus schwülstigem Patriotismus. Das US-Militär veranstaltet überdies mithilfe einzelner Teams immer wieder Events für Veteranen. Als vor wenigen Jahren herauskam, dass dafür auch Steuermillionen flossen, schritt die Politik ein. Trotzdem sind der Sport und die Streitkräfte eng verbandelt. So eng, dass Broncos-Linebacker Brandon Marshall für seinen Protest nun den Werbevertrag mit einem Finanzdienstleister verlor, der der US-Armee nahesteht. „Wir respektieren Brandons Recht auf freie Meinungsäußerung, sein Handeln repräsentiert allerdings nicht unsere Organisation.“
Gerade dieser öffentliche, oft emotionale Diskurs ist der größte Erfolg von Ersatz-Quarterback Kaepernick. „Ich will nicht für immer knien“, kündigte der 28-Jährige nach dem Sieg am Montagabend an. „Ich möchte, dass sich etwas ändert. Ich weiß, dass es ein langer Prozess sein mag, aber ich denke, wir können wirklich etwas bewegen.“ David Digili
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