Game mit trans Charakter: Tyler der Erste

Die Gaming-Welt tut sich schwer mit Diversität. Mit „Tell me why“ wurde nun das erste Spiel mit einem trans Mann als Hauptrolle veröffentlicht.

Videospielgrafik zweier junger Menschen in einem Auto

Das Geschwisterpaar Tyler und Alyson auf dem Weg in die Vergangenheit Foto: Microsoft/Dontnod

Gerade erst ist auf Netflix eine Dokumentation zur Repräsentation von trans Personen in der US-amerikanischen Film- und Serienwelt erschienen. Das Fazit, das in „Disclosure“ gezogen wird, ist ernüchternd: Geschichten von trans Menschen werden nur an der Peripherie erzählt, ihre Darstellung ist zumeist problematisch.

Doch während mit vielseitigen trans Figuren in „Orange is The New Black“, „The L Word: Generation Q“ und „Pose“ eine erste wichtige Zäsur erreicht scheint, ließen ähnliche Entwicklungen in der Videospiel-Welt noch auf sich warten. Kamen trans Charaktere vor, dienten sie schlimmstenfalls als Witzfiguren, wie in der „Grand Theft Auto“-Reihe, oder wurden von Schauspieler*innen des falschen Geschlechts synchronisiert, wie in „Dragon Age: Inquisition“. So oder so handelte es sich stets um bloße Randerscheinungen.

Doch gerade erst hat „Xbox Game Studios“ ein Videospiel für PC und Xbox One herausgegeben, das zum Wendepunkt in der Repräsentation von Trans­identitäten im Gaming avancieren könnte. Das in drei Episoden à zweieinhalbstündiger Spieldauer unterteilte „Tell me why“ ist der erste in der realen Welt angesiedelte Titel, dessen spielbarer Hauptcharakter trans ist. Und das, ohne dass dieser Fakt zum alleinigen Thema des Spiels aufgebauscht wird.

Zusammen mit seiner Zwillingsschwester Alyson kehrt Tyler Ronan ins fiktive „Delos Crossing“ zurück, um sein Elternhaus zu verkaufen. Zehn Jahre sind vergangen, seit er es zuletzt betreten hat. Die Zeit verbrachte er in „Fireweed“, einer Art letztem Auffangbecken für „verhaltensauffällige“ Jugendliche. Zuvor hatte er gestanden, aus Notwehr seine Mutter getötet zu haben. Zurück am Ort des Geschehens, jetzt 21 Jahre alt, wühlen die Geschwister in der Vergangenheit, um die Wahrheit über ihre vermeintlich wahnsinnige Mutter und die Nacht ihres Todes in Erfahrung zu bringen.

Übernatürlich und realistisch

Dabei schlüpfen die Spie­le­r*innen abwechselnd in die Rolle beider Geschwister, erkunden die detailreiche Szenerie auf der Suche nach Geheimnissen, lösen Rätsel und führen vor allem Gespräche. Wie schon in der „Life is Strange“-Reihe, ermöglichen es die französischen Entwickler*innen von „Dontnod Entertainment“ den Ga­mer*innen, innerhalb des Narrativs eigene Entscheidungen zu treffen. So gibt es zu jeder Zeit mehrere Dialogoptionen, die das Verhältnis der Geschwister zu den anderen Be­woh­ner*innen, aber auch zueinander beeinflussen.

Auf „Deadnaming“, also das Nennen des früheren Namens, wird verzichtet

Ebenfalls an die Erfolgsreihe erinnern die übernatürlichen Fähigkeiten der Geschwister, durch die das sonst sehr um Realismus bemühte Setting angereichert wird. So können Alyson und Tyler nicht nur über eine gemeinsame Stimme in ihren Köpfen kommunizieren, sondern vereinzelte Erinnerungen abspielen. Actionreich wird es zwar zu keinem Zeitpunkt, dank elaborierter Story und psychologischer Tiefenschärfe bleibt es aber dennoch spannend.

Klar, dass es die elaborierte Story mit Flashbacks in die Kindheit der Zwillinge verlangt, dass Tylers Transsein immer wieder thematisiert wird. An Klischeefallen navigiert das Spiel jedoch zuverlässig vorbei. So hat er sich weder aufgrund traumatischer Kindheitserfahrungen für die Transition entschieden, noch wird er auf Diskriminierungserfahrungen reduziert. Dass die Entwickler*innen derart wachsam gegenüber problematischen Stereotypen waren, dürfte vor allem an der Beratung durch die Gay and Lesbian Alliance Against Defamation (GLAAD), einer US-amerikanischen LGBTQ-Organisation mit Medienfokus, liegen. So wurde Tyler mit August Aiden Black korrekterweise von einem trans Mann eingesprochen und konsequent auf „Deadnaming“, also das Nennen Tylers bei seinem früheren Namen, verzichtet.

Geschichten schreiben

Wahrscheinlich ist „Tell me why“ ausgerechnet dann am weitesten von der Wirklichkeit entfernt, wenn es alle Begegnungen mit den Bewohner*innen der eigentlich sehr konservativ-provinziellen Gegend derart reibungslos verlaufen lässt. Egal wie religiös oder betrunken die Gesprächspartner*innen auch sein mögen.

Wenn nun erste Spieler*innen reflexartig die „politische Korrektheit“ des Games bemängeln, geht es aber natürlich nicht um derartige Feinheiten, sondern um die Tatsache, dass überhaupt ein trans Charakter vorkommt. Auch wenn derartige „Kritik“ nicht nach einer Antwort verlangt, gibt sie das Spiel gegen Ende indirekt selbst: „Wir schreiben Geschichten, um zu verstehen und verstanden zu werden.“, heißt es da.

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