GIZ-Mitarbeiter über Ortskräfte: „Man lässt die Leute hängen“

In einem offenen Brief fordern GIZ-Mitarbeiter*innen, mehr afghanische Ortskräfte zu schützen. Christopher Radler-Moric sagt, warum.

Luftbrücke jetzt steht auf einem Mundschutz,d en eine ältere Person trägt

Protest vor dem Reichstagsgebäude zur Schaffung sicherer Fluchtwege aus Afghanistan Foto: Golejewski/Adora Press

taz: Herr Radler-Moric, Sie haben mit rund 80 aktiven und ehemaligen Mit­ar­bei­te­r*in­nen der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) einen offenen Brief an die Bundesregierung geschrieben. Was hat Sie dazu bewogen?

Christopher Radler-Moric: Ich wurde in den letzten Tagen von ehemaligen Kollegen aus Afghanistan kontaktiert, die jetzt um ihr Leben fürchten. Ich habe den Leuten die offizielle GIZ-Email-Adresse gegeben, um in das Ortskräfteverfahren reinzukommen. Es kam immer wieder die Antwort: Wir sind da nicht antragsberechtigt, weil das Beschäftigungsverhältnis schon länger als zwei Jahre zurück liegt. Und das hat mich geärgert, weil das Leute sind, die zum Teil lange Jahre in sehr exponierten Positionen unterwegs waren. Und denen wird einfach nicht geholfen! Man lässt Leute hängen, großartige, westlich orientierte Leute, die jahrelang für uns gearbeitet haben!

Haben Sie von Seiten der Bundesregierung schon irgendeine Reaktion?

Nein, das ist aber auch zu früh – der Brief ist gerade erst raus. Innerhalb des GIZ-Vorstandes hat er allerdings ein bisschen Staub aufgewirbelt, es gibt Gespräche.

Selbst wenn die Bundesregierung Ihren Forderungen nachkäme, den Kreis der berechtigten Ortskräfte deutlich zu erweitern, bliebe ja das praktische Problem, die Menschen aus Afghanistan herauszubekommen. Was wäre Ihr Vorschlag, um das zu lösen?

Der erste Schritt ist die politische Weichenstellung. Für die Umsetzung hab ich zwar Ideen – die Franzosen kriegen das ja auch hin, dass sie Spezialkräfte losschicken, die Leute aufsammeln und zum Flughafen bringen. Aber das liegt nicht in meiner Macht.

41, war von 2010 bis 2012 für die GIZ in Kabul und Faizabad als Risikomanager eingesetzt.

Halten Sie in der Zukunft eine deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan unter einer Talibanregierung für denkbar?

Die Frage ist, wie weit die deutsche Entwicklungszusammenarbeit insgesamt, aber insbesondere in Afghanistan, überhaupt noch einen Stellenwert genießen kann, wenn man jetzt seine Ortskräfte so hängen lässt. Man hat einen Haufen Geld investiert, um Aufbauhilfe zu leisten und die Leute vom Westen, von Deutschland zu begeistern – und dann lässt man sie hängen. Man verspielt da ganz viel Renommée. Das halte ich für nicht besonders weitsichtig.

Wenn Sie Bilanz aus 20 Jahren militärischen und entwicklungspolitischen Engagements in Afghanistan ziehen sollten – was wären Ihre Lehren für die Zukunft?

Mach's richtig und ehrlich oder lass es bleiben. Die ganze internationale Zusammenarbeit war einfach unkoordiniert. Da waren zig Geber, die alle abgeschottet und mit Scheuklappen ihre Programme durchgezogen haben. Das war viel blinder Aktivismus. Man wollte zu viel auf einmal.

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