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Fußball-Bundesliga der MännerWie Freiburg wieder in die Offensive kommt

Über das 3:3 kann sich Bayer Leverkusen weniger freuen als der SC Freiburg. Der zeigte nämlich mit der Abkehr vom Defensivfußball neue Perspektiven.

Er sorgt für Ausgleich: Freiburgs Matthias Ginter nach dem 3:3 gegen Leverkusen Foto: Steinsiek.ch/imago

Aus Freiburg

Christoph Ruf

Nach dem 3:3 seiner Elf gegen Bayer Leverkusen bestritt Julian Schuster die Pressekonferenz so ruhig und gelassen wie der schwäbische Verbal-Stoiker das immer tut. Wer ihn zuvor beim Spiel seines SC Freiburg gesehen hatte, in dessen Schlussphase er unter kompletter Missachtung der Coachingzone noch einige Kilometer abgespult hatte, durfte sich dennoch wundern.

Zumal auch Kollege Kesper Hjulmand sachlich und gemächlich auftrat. Seine Leverkusener hatten ihren Teil zu einem hochklassigen Spiel beigetragen, allerdings über 90 Minuten auch nicht den Eindruck erweckt, als werde es ein leichtes Unterfangen, noch in die Champions-League-Ränge vorzustoßen. „Das war ein super Spiel von beiden Mannschaften“, sagte der nur gemäßigt zufriedene Hjulmand. „Die letzten 20 Minuten haben wir nur verteidigt und ohne Dominanz gespielt.“

Beim Sportclub hingegen bleibt von diesem unterhaltsamen Nachmittag weit mehr hängen als ein gammeliger Punktgewinn. Nämlich die Erkenntnis, dass diese Mannschaft mehr kann als nur sehr konsequent zu verteidigen. In den vergangenen Monaten waren diesbezüglich Zweifel aufgekommen. In den meisten Spielen war der SC auf Spielkontrolle und defensive Stabilität bedacht, vermied aber offensiv jedes Risiko.

Ich habe es mit links probiert, dann stand mein anderer Fuß im Weg

Vincenzo Grifo, SC Freiburg, erklärt einen Treffer

Genau das scheint man in den vergangenen Tagen allerdings hinterfragt zu haben, verriet Kapitän Christian Günter: „Wir sind sehr selbstkritisch gewesen. Es ist unser Ziel, dass wir fußballerisch einen Schritt nach vorne machen. Und jetzt konnten wir auch wirklich mal intensiv trainieren.“ Auch Vincenzo Grifo wirkte regelrecht beglückt über den „Ansatz, den wir haben wollen“ und der „uns in der jüngeren Vergangenheit nicht so oft gelungen ist.“

Tatsächlich bestreitet der Sportclub, der noch in drei Wettbewerben mitwirkt, ja seit Monaten oft ebenso unaufgeregt wie erfolgreich alle paar Tage ein Pflichtspiel und verbringt fast so viel Zeit auf Flughäfen wie beim Training. Bei einem Verein, der schon zu Christian Streichs Zeiten („Übsch, übsch, übsch“) an die Steuerbarkeit der Dinge glaubte, mag das zumindest ein Grund für die erstaunliche Metamorphose dieser Mannschaft vom Hochsicherheits-Kollektiv zur berauschten Equipe sein: Seit Mitte Februar gab es viel Zeit zum Üben.

Gegen Leverkusen gelangen jedenfalls immer wieder frühe Balleroberungen. Und dann ging's los. Die Offensiven ließen den Ball zirkulieren und hatten dabei auch tatsächlich den gegnerischen Strafraum als Ziel ihrer Bemühungen im Visier. Grifo, Niklas Beste oder Yuito Suzuki sind ja nicht die einzigen ballsicheren SC-Spieler in der in dieser Hinsicht gut aufgestellten Mannschaft, die es eigentlich als Qual empfinden müssten, so oft wie in der Vergangenheit rein defensiv denken zu müssen.

Am Samstag wurden sie losgelassen. Das 1:0 durch Grifo war entsprechend schön herausgespielt (34.), das zweite das Ergebnis eines brillanten Spielzuges, den Suzuki zum 2:1 nutzte, weil Matanovic die Hereingabe von Niklas Beste mit viel Übersicht durchließ (43.). „Das zweite Tor war sehr besonders“, fand auch Trainer Schuster. Es habe ihm imponiert. „wie wir es schaffen von hinten nach vorne durchzuspielen und das zu veredeln.“ Der Kopfball von Matthias Ginter (86.) egalisierte dann in der starken Freiburger Schlussphase die Leverkusener Treffer durch Christian Kofane (37.), Alejandro Grimaldo (45.+3) und Martin Terrier (52.). Freiburgs Keeper Noah Atubolo hatte sich vor Grimaldos Freistoßtreffer ins lange Eck gestellt und das kurze dem Rechtsverteidiger Philipp Treu überlassen. Der wiederum rannte vor der Ausführung von der Torlinie zur Mauer und wieder zurück. Ehe der Ball direkt über ihm einschlug, weil der Versuch, Grimaldo zu irritieren, eher den eigenen Torwart verunsichert hatte.

Um den kuriosen Gegentreffer ging es nach dem Spiel aber nur kurz, und auch die Generalkritik des rätselhafterweise gelbverwarnten Grimaldo an den hiesigen Referees („Diese Schiedsrichter sind wirklich schlecht“) hallte nicht wirklich nach. Wie auch, wo doch auf der anderen Seite Grifo, dieser „tolle Typ und Teamplayer“ (Kapitän Günter) endlich sein 105. Pflichtspieltor für den SC erzielt und damit mit Nils Petersen gleichgezogen hatte.

Dass die 104 Treffer zuvor plangemäßer zustande gekommen waren, gab er gerne zu: „Ich habe es mit links probiert, dann stand mein anderer Fuß im Weg, nur so konnte sich der Ball über den Torwart senken und reingehen“, berichtete der Jubilar, dessen Nase sich immer ein wenig kräuselt, wenn er schelmisch wird. Vollkommen glatt war die Nasenhaut indes bei der Botschaft, die er nach diesem tollen Spiel dann doch noch loswerden wollte: „Wir können jeder Mannschaft wehtun, wenn wir wie heute alles raushauen.“

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