Fünf Tote und viele Verletzte in Trier: SUV-Fahrer nach Amokfahrt in Haft

Nach der Amokfahrt in Trier gibt es eine Trauerfeier an der Porta Nigra. Der Tatverdächtige könnte laut Polizei an einer psychischen Störung leiden.

Kerzen und Menschen vor der Ruine eines alten Gebäudes

Szene vom Mittwoch: Gedenken vor der Porta Nigra, dem römischen Stadttor in Trier Foto: Reuters/ Kai Pfaffenbach

FRANKFURT AM MAIN taz | Nach der Amokfahrt mit mindestens fünf Toten in Trier am Dienstag werden immer mehr Details über den mutmaßlichen Täter bekannt. Der Fahrer, den die Polizei unmittelbar nach der Tat festnehmen konnte, habe das Auto im Zickzackkurs durch die Straßen der Fußgängerzone gelenkt, um wahllos möglichst viele Menschen zu treffen, erklärte die Polizei. Bei ihm wurde ein Blutalkoholwert von 1,4 Promille ­festgestellt.

Autos wurden in den letzten Jahren immer wieder als Waffe eingesetzt. Hier ein Auswahl schwerwiegender Vorfälle in Deutschland aus den letzten fünf Jahren:

01.02.2016, Berlin: Zwei Männer beginnen auf dem Kurfürstendamm ein Rennen mit Sportwagen. Auf dem Tauentzien kurz vor dem Kaufhaus KaDeWe kracht einer der beiden mutmaßlich mit 160 Stundenkilometern in einen Jeep. Dessen Fahrer stirbt. Der Fahrer des Unfallwagens ist inzwischen wegen Mordes rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Prozess gegen den Fahrer des zweiten Wagens ist bis heute nicht abgeschlossen.

19.12.2016, Berlin: Ein Islamist fährt mit einem geklauten Schwerlaster in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. 11 Passanten werden getötet, 55 verletzt. Den Fahrer des Wagens hatte der Täter zuvor erschossen.

25.02.2017, Heidelberg: Ein 35-Jähriger rast mit einem Mietwagen in Passanten, es gibt einen Toten und zwei Verletzte. Der vermutlich psychisch kranke Fahrer flieht, Polizisten strecken ihn mit einem Bauchschuss nieder. Der Deutsche kommt in eine Psychiatrie.

07.04.2018, Münster: Ein 48-Jähriger fährt mit einem Campingbus in der Altstadt in eine Menschenmenge vor einer beliebte Gaststätte. Vier Passanten sterben, mehr als 20 werden verletzt. Der Täter erschießt sich. Nach Erkenntnissen der Polizei handelte der Mann in Selbstmordabsicht.

Silvester 2018/2019, Bottrop, Essen: Ein Rechtsradikaler steuert in beiden Städten seinen Mercedes in Menschen, die er für Ausländer hält. Insgesamt gibt es 14 Verletzte. Ein Gericht wertet die Taten unter anderem als Mordversuch. Der Deutsche kommt in die geschlossene Psychiatrie.

6. März 2019, Stuttgart: Ein 20-Jähriger rast mit einem geliehenen Jaguar mit 160 Stundenkilometern durch die Innenstadt bis er ins Schleudern gerät und in einen Kleinwagen kracht, in dem zwei Menschen sterben. Der Fahrer wird später wegen unerlaubten Autorennens mit Todesfolge zu fünf Jahren Jugendstrafe verurteilt.

24.02.2020, Volkmarsen: Ein 29-Jähriger steuert sein Auto absichtlich in die Menge der am Rosenmontag Feiernden. In der nordhessischen Stadt werden Dutzende Menschen verletzt, darunter 20 Kinder. Später heißt es, es seien über 150 Menschen durch die Tat betroffen, viele wegen psychischer Folgen. Einen politischen Hintergrund schließen die Ermittler aus. Wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung kommt der Täter in Untersuchungshaft.

17.10.2020, Henstedt-Ulzburg: Ein Anhänger der AfD fährt mit einem Pick-Up offenbar gezielt in eine Gruppe von Menschen, die gegen eine AfD-Veranstaltung demonstrieren. Drei Personen sind verletzt, eine von ihnen schwer.

01.12.2020, Trier: Ein 51-Jähriger rast mit einem Landrover durch die Fußgängerzone von Trier. Fünf PassantInnen sterben. (ga)

Nach Behördenangaben hatte der Mann in den letzten Tagen vor der Tat in dem Auto übernachtet, das ihm ein Bekannter überlassen hatte. Es gebe Anzeichen für einen psychiatrischen Fall. Hinweise auf einen organisierten oder politischen Hintergrund der Tat gebe es dagegen nicht. Am Mittwochmittag erließ ein Haftrichter auf Antrag der Staatsanwaltschaft Haftbefehl. Ein Vorwurf unter anderen: fünffacher Mord, versuchter Mord und schwere Körperverletzung.

Vom schwärzesten Tag für die Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg sprach Oberbürgermeister Wolfram Leibe. Bei einer bewegenden Trauerfeier an der Porta Nigra, dem berühmten Stadttor aus der Römerzeit, legten er und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (beide SPD) am Mittwoch Kränze nieder. „Trier trauert, Trier leidet, Trier resigniert aber nicht“, erklärte der OB.

Die Ministerpräsidentin, die mit ­ihrer Familie in Trier wohnt, sagte: „Nichts, wirklich gar nichts kann diese brutale Tat rechtfertigen.“ Um 13.46 Uhr, genau 24 Stunden nach der Tat, läu­teten in der ganzen Stadt die Kirchenglocken zum Gedenken an die Opfer und deren Angehörige.

Von einer Schockstarre sprach am Abend nach der Tat der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD). Zusammen mit der Ministerpräsidentin war er am Dienstag an den Tatort gekommen, um den Angehörigen der Opfer beizustehen. Erst bei einer Pressekonferenz am Abend wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich. War den Tag über von mindestens zwei Todesopfern die Rede gewesen, so waren bis zum Abend bereits vier Menschen ihren Verletzungen erlegen. Über Nacht starb eine weitere Person. Mehr als ein Dutzend Verletzte werden noch in Krankenhäusern der Region behandelt. Wie viele von ihnen noch in Lebensgefahr schweben, ist nicht bekannt.

Den Todesfahrer konnte die Polizei schon vier Minuten nach dem ersten auf der Wache eingegangenen Notruf in unmittelbarer Nähe des Tatorts stellen. Bei seiner Festnahme habe er Widerstand geleistet, erklärte die Polizei. Am Mittwoch wurde bekannt, dass der Mann gegenüber den Ermittlern Aussagen gemacht habe. Ob er dabei auch über seinen Motive gesprochen hat, blieb zunächst unklar.

Wahllos hatte der Mann Menschen, Auslagen und Verkaufsstände umgefahren. In der mit Licht- und Tannengirlanden festlich geschmückten Fußgängerzone bot sich den ErsthelferInnen ein Bild der Verwüstung. Es habe ausgesehen wie nach einem Krieg, sagte OB Leibe, um Fassung ringend, vor Ort. Er dankte den Hunderten HelferInnen für ihren Einsatz. Sie seien an die Grenzen dessen gekommen, was man Menschen zumuten kann, sagte er. Der Limburger Bischof Georg Bätzing zeigte sich erschüttert. „Ich denke an all jene, die dieses Verbrechen aus nächster Nähe erleben mussten.“

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