Führung des Umweltverbands WWF: Außen flauschig, innen Krise

Leitende Angestellte von WWF Deutschland kritisieren die Führung der Umweltorganisation. Sie beklagen mangelhaften Umgang mit einem Compliance-Fall.

Jemand mit einem Pandabärkostüm läuft auf der Straße herum

Hat es schwer: Der Pandabär Foto: Stefan Boness/Ipon

BERLIN taz | Wer beim WWF arbeitet, tut das oft aus einer intrinsischen Motivation heraus. Es geht schließlich um eine gute Sache. Die Umweltschutzorganisation kämpft für Bonobos im Kongo, gegen die Vermüllung der Weltmeere, gegen die Klimakrise. Es geht um nichts weniger, so heißt es in einem aktuellen Werbespot, als um die Rettung der Erde.

Da muss eine ganze Menge passieren, dass leitende Angestellte des WWF sich zusammentun, um einen Protestbrief zu schreiben. Sie sind unzufrieden damit, wie ihre Organisation geführt wird. Den Brief haben 26 Lei­te­r*in­nen der Fachbereiche unterzeichnet, das ist fast die komplette mittlere Führungsebene des WWF Deutschland. Ende vergangener Woche haben sie die fünf Seiten an den Stiftungsrat geschickt, das Aufsichts- und Kontrollorgan des WWF Deutschland. In dem Brief, der der taz vorliegt, sprechen sie die Mitglieder des Gremiums mit Vornamen an. Sie ­schreiben, dass sie das Vertrauen in die leitenden Organe verloren hätten.

Der Geschäftsführende Vorstand habe gegen Compliance-Regeln des WWF verstoßen, heißt es. Beim Prozess der Aufarbeitung hätten die Verantwortlichen die betrieblichen Regeln nicht eingehalten. Die Unterzeichnenden fordern eine „vollumfängliche, transparente Klärung“ des Sachverhalts und, dass „konsequent gegen den Verstoß gehandelt wird“.

Solche Vorwürfe sind für jede Organisation problematisch, aber erst recht für eine wie den WWF, eine der größten Natur- und Umweltschutzorganisationen der Welt. Er ist von Spenden abhängig, von Vertrauen in seine Arbeit.

Whistleblowerin soll bedroht worden sein

Nach taz-Informationen geht es bei dem Compliance-Fall um mögliche Interessenskonflikte von zwei Mitgliedern der Geschäftsführung. Die Personalchefin des WWF Deutschland bekam mit, dass der Geschäftsführende Vorstand des WWF Deutschland, Eberhard Brandes, eine Affäre mit der Finanzchefin der Organisation hat. Laut ihrem LinkedIn-Profil schied die Finanzchefin im März 2022 aus dem WWF aus. Davor hatten Brandes und die Finanzchefin aber gemeinsam Budgetentscheidungen getroffen.

Dabei könnte es sich um Verstöße gegen interne Compliance-Regeln handeln. Es geht auch um den Vorwurf, dass Personen, die auf interne Missstände hinweisen, vom WWF eher drangsaliert wurden, statt Missstände transparent aufgeklärt. Denn die zugesagte Vertraulichkeit der Hinweisgeberin sei nicht gewahrt worden, schreiben die leitenden Angestellten in ihrem Protestbrief. Sie sei sogar bedroht worden. Nach einer internen Untersuchung seien keine Empfehlungen umgesetzt worden und die betriebliche Beschwerdestelle sei nicht einbezogen worden.

Auf taz-Anfrage will sich der WWF zu den Vorwürfen nicht detailliert äußern. Ein Pressesprecher schreibt: „Der WWF nimmt die Compliance-Vorwürfe sehr ernst und hat sie unter Beachtung der Rechte aller Betroffenen mit großer Sorgfalt bearbeitet.“

Zwei Stühle sind am Dienstagmittag dieser Woche in Saal 513 des Berliner Arbeitsgerichts für Zu­schaue­r*in­nen aufgestellt. Sie reichen bei weitem nicht aus. Rund 20 Leute, vor allem Frauen, sind gekommen, um die Verhandlung zu verfolgen. Sie drängen in den Raum, lehnen an der Wand, setzen sich auf den Boden. Er verstehe gar nicht, sagt der Richter, was an dieser Verhandlung so interessant sein soll.

Eine Abfindung aus Spendengeldern

Das Gericht verhandelt die Klage der Personalchefin des WWF Deutschland gegen ihren Arbeitgeber. Sie arbeitet weiterhin für den WWF, ist aber unzufrieden, wie mit ihr und ihrer Meldung umgegangen wird. Sie will eine Auskunft über den Fortgang des Compliance-Verfahrens erstreiten, die ihr nach den WWF-Regeln auch zustehe.

Rechtlich ist die Materie kompliziert, da zwar eine neue EU-Richtlinie zum Whistleblower-Schutz erarbeitet wurde, mit der Hinweisgebende in Betrieben besser geschützt werden sollen. Diese ist aber bis heute nicht in deutsches Recht übertragen.

Ehemalige Mit­ar­bei­te­nde bemängeln den „konservativen und veralteten Führungsstil“

Vor Gericht wird der Compliance-Fall thematisiert. Die Finanzchefin, die eine Affäre mit dem Vorstand gehabt haben soll, hat einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet. Sie sei in dem Zuge großzügig abgefunden worden: mit einer teuren Fortbildung und einem Bonus. Das berichtet der Anwalt der klagenden Personalchefin. „Im Raum steht, dass möglicherweise mit Spendengeldern ein Abfindung gezahlt wurde, auf die kein Anspruch bestand“, sagt der Anwalt und betont, dass der WWF eine Nonprofit-Organisation ist. Der WWF Deutschland sagt, die Abfindung sei rechtmäßig gewesen.

Die Personalchefin hatte ihren Vorwurf bereits im Herbst 2021 über eine interne Hinweisplattform dem WWF gemeldet. Der WWF rühmt sich mit dieser Plattform. Sie gibt Whistleblowern in- und außerhalb des WWF die Möglichkeit, anonym und vertraulich Missstände zu melden – interne Angelegenheiten, aber auch beispielsweise Menschenrechtsverletzungen, die in Projekten des WWF passieren könnten.

Drohen mit Kündigung

Nur zeigt gerade der Fall der Personalchefin, dass das womöglich nicht immer funktioniert. „So wie dieses System gehandhabt wird“, sagt ihr Anwalt vor Gericht, „kann man nur jedem empfehlen, es nicht zu nutzen.“

Der Vorsitzende des WWF-Stiftungsrats, Valentin von Massow, habe der Personalchefin mit Kündigung gedroht, nachdem sie ihm die Affäre gemeldet hatte, sagt ihr Anwalt. Massow ist derzeit auch kommissarischer Präsident der Dachorganisation WWF International. Er will sich zu der Angelegenheit nicht äußern.

Die Vorwürfe der Personalchefin sind auch bei WWF International gelandet, da bemühte man sich offenbar um Aufklärung. Eine Anwaltskanzlei wurde mit einer Untersuchung beauftragt. Sie erstellte einen Bericht über den Compliance-Fall, der bis heute allerdings geheim ist. Nur der Vorstand und der Stiftungsrat sollen ihn kennen. Vor Gericht will die Personalchefin auch erstreiten, dass sie Auskunft über den Inhalt des Berichts bekommt. Auf taz-Anfrage schreibt ein WWF-Sprecher, dass die Organisation den Bericht aus „Rücksicht auf die persönlichen Rechte Dritter“ nicht preisgibt. Das Arbeitsgericht hat einen Kammertermin im November anberaumt.

Im Verhaltenskodex von WWF International von 2017 heißt es, alle Mitarbeitenden verpflichten sich, Interessenskonflikte zu vermeiden. Sollte ein möglicher Interessenskonflikt bestehen, verpflichten sich die betroffenen Mitarbeitenden, diesen ihrem Management zu melden. Die Betroffenen in dem aktuellen Fall haben das nicht getan.

Misstrauen in den WWF gibt es schon lange

Diese Richtlinien sollen die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des WWF sichern. Die Regeln sind auch die Folge einer Reihe von Skandalen, die der WWF in den vergangenen Jahren überstehen musste. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, dass er zu sehr mit der Industrie kungelt. Noch gravierender waren die Vorwürfe, die 2019 durch journalistischen Recherchen ans Licht kamen: Der WWF hat vor lauter Naturschutz offenbar elementare Menschenrechte ignoriert. Er soll militante Gruppen in Nepal, Indien und Kongo mitfinanziert haben, die Menschen gefoltert, vergewaltigt und sogar getötet haben sollen.

Das Misstrauen in den Vorstand des WWF Deutschland ist kein neues Thema, es gibt schon lange Kritik an der Chefetage. Man kann das sogar öffentlich nachlesen. Auf einem Jobbewertungsportal bemängeln ehemalige Mit­ar­bei­te­r*in­nen anonym den „konservativen und veralteten Führungsstil“, die „toxische“ Arbeitsatmosphäre, fehlende Wertschätzung und den großen Druck auf die Mitarbeitenden. „Der Panda ist nach außen flauschiger, als er nach innen agiert“, heißt es in einer Bewertung.

Der Diplom-Betriebswirt Eberhard Brandes, Jahrgang 1962, ist seit 2006 Geschäftsführender Vorstand von WWF Deutschland und damit für Budget, Strategie und auch Außendarstellung zuständig. Nach innen tritt er wie ein US-amerikanischer CEO auf, erzählen Mitarbeitende.

In jüngster Zeit ist beim WWF Deutschland eine große Personalfluktuation zu beobachten, nicht nur, aber vor allem auf der Leitungsebene unter dem Vorstand. Die Organisation ist in Deutschland stark gewachsen, sie hat ihre Einnahmen zuletzt gesteigert, auf 113 Millionen Euro im Jahr, es gibt inzwischen rund 500 Mitarbeitende. Die Strukturen und Entscheidungsprozesse seien da nicht so recht hinterhergekommen, sagen aktuelle und ehemalige Mitarbeitende gegenüber der taz. Sie üben auch Kritik am Geschäftsführenden Vorstand Brandes. Er wird als sehr dominant beschrieben, abgehoben mitunter und als sprunghaft. Gegenüber der taz wollte sich Brandes nicht äußern.

„Ein Klima der Angst“

Den Verantwortlichen des WWF sind negative Einschätzungen der Belegschaft längst bekannt. Ende 2020 wurde eine interne Umfrage unter den Mitarbeitenden durchgeführt, die der taz vorliegt. Auf die Frage, was den Mitarbeitenden des WWF nicht gefalle und geändert werden solle, gab es über 100 Bemerkungen in Bezug auf „Führungsverhalten und Führungskompetenz“. Mit­ar­bei­te­r*in­nen schrieben dort etwa: Frauen bekämen sexistische Sprüche zu hören, es herrsche teilweise ein chauvinistischer Ton. Eine Frau gab an, persönlich inakzeptable Äußerungen in Bezug auf das Aussehen von Kolleginnen, auf Rollenklischees und Schwangerschaften gehört sowie ungefragte Berührungen erfahren zu haben. Jemand fordert eine Strategie, mit der der WWF solches Verhalten eindämmen könne.

Ein Jahr nach der Umfrage, im Oktober 2021, wandten sich außerdem Mit­ar­bei­te­r*in­nen des WWF Deutschland über die interne Whistleblower-Plattform an WWF International. In einem langen Brief bemängeln sie, dass der Geschäftsführende Vorstand Brandes eine „sexistische Arbeitsatmosphäre“ geschaffen habe, die „geprägt durch chauvinistische und verbal übergriffige Aussagen“ sei. Der Vorstand habe „ein Klima der Angst“ geschaffen und ein „geringschätzendes, einschüchterndes und manipulatives Arbeitsumfeld etabliert“.

Die Ver­fas­se­r*in­nen des Briefes fordern eine Untersuchung. Daraufhin sei eine Agentur für Antidiskriminierungsmaßnahmen engagiert worden, die die Belegschaft für ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld habe sensibilisieren sollen. Ergebnisse dieser Arbeit sind nicht bekannt.

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In einer früheren Version des Artikels fehlte der erste Absatz. Wir haben ihn ergänzt.

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