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Frauenbasketball in BerlinRaus aus der Defence

Ob in Vereinen oder auf Freiplätzen: Immer mehr Flinta* wollen mitspielen. Den Hype befördern Topstars – und die Geschichte des Sports in der Stadt.

3x3-Frauenbasketball bei den Finals am Berliner Neptunbrunnen 2022 Foto: Juergen Engler/imago

„Das muss jetzt kommen“, sagt Franziska Keich bestimmt. Es geht darum, dass öffentliche Basketballplätze wesentlich mehr als bislang von Mädchen, Frauen und anderen Flinta*-Personen bespielt werden sollen. Keich weiß, wovon sie spricht: Sie ist Stützpunkttrainerin und Mädchenkoordinatorin für den Berliner Basketball-Verband, Abteilungsleiterin bei Türkiyemspor und leitet das Projekt „Here To Hoop“, das kostenlose Basketballangebote für Mädchen und Flinta* organisiert.

Über 300 Freiplätze gibt es in Berlin. Die meisten werden einfach so genutzt: Wer kommt, spielt. Rebellische Posen gehören dazu. „Da sind super wenig Frauen, Mädchen, Flinta*. Das ist sehr männerdominiert“, sagt Keich. „Für einzelne Flinta* ist es schwierig, da mitzuspielen, wenn Jungs schon da sind.“

Während im organisierten Basketball in Berlin etwa 75 Prozent Jungen und Männer, 25 Prozent Flinta* spielen, sieht es ausgerechnet da, wo es so cool zugeht, noch schlechter aus. „Das passt nicht“, sagt Sindaya Jeevaratnam, die auch bei Here To Hoop arbeitet. Sie fragt: „Was muss passieren, dass wir nicht verdrängt werden?“

Kürzlich bekamen wir einen neuen Platz und ein Mädchen fragte: ‚Was ist, wenn da Männer sind?‘ Das ist doch traurig

Sindaya Jeevaratnam, Projekt Here To Hoop

Ab 16. Mai gibt es die „Aktionswoche Mädchen* Basketball“. 24 Vereine aus Berlin und Brandenburg öffnen sich – Mädchen können den Sport kostenfrei ausprobieren. Schon seit vielen Jahren veranstaltet der Sozialarbeitsträger Gangway gemeinsam mit Berliner Basketballklubs die Hoop Nights: Hallen werden abends aufgeschlossen und wer will, kann spielen. Für Flinta* only gibt es das zweimal im Jahr. Auch im Görlitzer Park gibt es Plätze, die zu bestimmten Zeiten nur für Flinta* offen sind. Die Nachfrage ist größer als das Platzangebot. „Ich hatte jüngst ein Training geleitet“, berichtet Sindaya Jeevaratnam, „da bekamen wir einen neuen Platz und ein Mädchen fragte: ‚Was ist, wenn da Männer sind?‘ Das ist doch traurig.“

Basketball boomt schon lange

Seit 1993, als Adidas vor dem Palast der Republik ein Streetball-Turnier ausrichtete, eine Basketball-Variante, die auf einen Korb gespielt wird, boomt der Sport in deutschen Großstädten. In Parks, auf Schulplätzen oder in Brachen zwischen Häusern hängen Körbe. Basketball gehört zur urbanen Jugendkultur. Sehr Hip-Hop-, sehr männlich geprägt.

Viel spricht dafür, dass der Boom weitergeht, ausgeweitet auf Flinta*. Schon das Engagement des Sportartikelriesen Nike erinnert an die 1990er-Aktivitäten des Konkurrenten Adidas. Vor vier Jahren hatte Nike Gelder für Mädchenbasketball ausgelobt. Der Berliner Klub Türkiyemspor hatte mit Here to Hoop den Zuschlag bekommen. So konnten Safe Spaces finanziert werden.

Vor 30 Jahren, als Adidas seine Körbe aufgestellt hatte, wurde noch darüber diskutiert, ob „Streetball von oben gesteuert“ sei. Heute sind diese Thesen passé. Streetball wurde so groß, dass die Verbände mit der neuen Sportart 3x3 versuchen, es einzufangen. 3x3 ist wie Streetball, nur mit Schiedsrichter und fixen Regeln.

Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris wurden die deutschen Frauen Olympiasiegerinnen. Mit dabei: Svenja Brunkhorst, heute Managerin für Mädchen- und Frauenbasketball bei Alba. Sie steht dafür, die verschiedenen Varianten erfolgreich zu verknüpfen. Sindaya Jeevaratnam von Here to Hoop sagt: „3x3 war ein riesiger Gewinn für uns, gerade mit Svenja. Es werden mehr Gelder generiert.“

Die Olympiasiegerin ist nicht der einzige Input, der von oben kommt, vom offiziellen Basketball. In Berlin haben die Sabally-Schwestern große Bedeutung. Satou und Nyara Sabally, in Schöneberg groß geworden, haben Basketball nicht nur beim TuS Lichterfelde gelernt, sondern auch auf den Freiplätzen im Kleistpark. Jetzt sind sie Topstars in der US-Liga WNBA. Dass es zwischenzeitlich auf dem Tempelhofer Feld einen „Satou Sabally Court“ gab, passt ins Bild. Finanziert von Nike, war der Court für eine Weile auch ein Safe Space für Flinta*.

Basketball-WM der Frauen in Berlin

Nike lässt auch US-Superstars wie A'ja Wilson aus der WNBA oder Ja Morant aus der NBA einfliegen. „Ein Vater sagte mir mal, dass seine Tochter mit dem Basketball aufhören wollte, aber als A'ja Wilson da war, hat sie weitergemacht“, erzählt Jeevaratnam. Dass im September in Berlin die Basketball-Weltmeisterschaft der Frauen stattfindet, wird von den Flinta*-Spielerinnen sehr begrüßt.

Schon 1998 gab es in Deutschland eine Frauen-WM, mit dem Finale in der Schmeling-Halle. Die Auswahl des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) wurde Elfte. Die FAZ schrieb damals: „Der Boom fällt ziemlich übersichtlich aus.“ Beim Spiel des DBB-Teams gegen die Titelverteidigerinnen aus Brasilien waren nur 844 Zuschauer gekommen.

Doch die Geschichte ist größer. Schon 1947, als in Westdeutschland erstmals eine Frauenmeisterschaft ausgespielt wurde, errang die SG Spandau den Vizetitel und 1949 gar die Meisterschaft. 1969 wiederholte mit dem VfL Lichtenrade ein Berliner Verein diesen Coup. 2024 wurde mit Alba wieder ein Berliner Verein Deutscher Frauenmeister.

Besser noch als im Westen wurde in der DDR gespielt. Stärkstes Team in Berlin war die HSG Wissenschaft HU Berlin, in den 1950ern vier Mal DDR-Meisterinnen. Das Nationalteam erspielte sich bei der EM 1962 den 8. Platz, 1966 sogar den 3. Platz. Diese Bronzemedaille blieb der letzte internationale Erfolg des DDR-Basketballs. Nach 1968 entschied das Politbüro des ZK der SED, die Förderung von Basketball und anderen Sportarten „schrittweise einzuschränken“. Faktisch war dies das internationale Aus für die bis dahin zur Weltspitze zählenden DDR-Basketballerinnen.

Nach der Wiedervereinigung spielte die HSG Humboldt-Universität in der Bundesliga, mit neuem Sponsor und Namensgeber hieß das Team ab 1993 Wemex Berlin. Doch die Insolvenz von Sponsor Wemex beendete die ambitionierten Pläne.

Aktuell wird die stolze Geschichte des Berliner Frauenbasketballs zeitgleich mit dem Boom des Flinta*-Sports entdeckt. Bei Alba, der Großadresse des Berliner Basketballs, plant man derzeit ein Basketballmuseum. Henning Harnisch, Ex-Nationalspieler und Alba-Vizepräsident, betont die Bedeutung des Flinta*-Sports in diesem Projekt. „Wir müssen einige Sachen neu denken und Freiplatzbasketball sollten wir differenzierter betrachten“, sagt er. Harnisch veranstaltet immer wieder „Erzählcafés“, wo Basketballfreaks über die gesellschaftliche Bedeutung ihres Sports reden und sich auch viele Flinta*-Spielerinnen beteiligen.

„Es tut sich viel“, sagt Franziska Keich, „aber im deutschen Basketball kann man ruhig noch eine Schippe drauflegen.“

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