Fotografien der Nacht der Einheit: Deutschlandschal, Deutschlandmütze

Der Fotograf Andreas Rost war dabei, als Ost und West sich zur Einheitsfeier 1990 trafen. Seine Bilder sind in Dresden und in einem Fotoband zu sehen.

Nahaufnahme der Gesichter von zwei Frauen, eine blickt in den Himmel in der Nacht, im Hintergrund hebt jemand den Arm zum Deutschen Gruß

Um null Uhr wurde die deutsche Fahne gehisst, Ausschnitt einer Fotografie von Andreas Rost Foto: Andreas Rost

Fackeln, Würste und Bier aus der Dose; Krawatten, Kostüme, Blousons und viele Schnauzer in den Gesichtern der Männer. Dazwischen, am Rand, das Emblem der inzwischen vergessenen Partei „Die Republikaner“ am Revers und ein Arm, der sich zum „Deutschen Gruß“ in den Himmel reckt.

Die Reichskriegsflagge ist hin und wieder zu sehen, meist aber die Trikolore, einmal mit Bundesadler in der Mitte. Die Leute tragen Deutschlandfahnen, Deutschlandschals und Deutschlandmützen. Der eine hat einen Stahlhelm der NVA auf dem Kopf, der andere einen Tropenhelm: deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, dargestellt in Kostüm und Geste.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 trafen sich Ost und West vor dem Brandenburger Tor zur Einheitsfeier. Der Fotograf Andreas Rost war dabei, um den historischen Augenblick mit seiner Mittelformatkamera und starkem Blitz bildlich zu erfassen. Rost war Student der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, sein wichtigster Lehrer hieß Arno Fischer.

In einer derzeit in Dresden zu sehenden Ausstellung und in einem Buch mit dem Titel „3. Oktober 90“ sind nun 30 der damals entstandenen Bilder zu sehen. Im Buch wie in der Ausstellung zeigt Rost viele Fotos so, wie sie entstanden sind. Aber er hat auch sprechende Details aus den Bildern herauspräpariert und nachträglich herangezoomt.

Andreas Rost: „3. Oktober 90“. Begleitbuch zur Ausstellung „Wiedervereinigung“ im Dresdner Kupferstichkabinett. Wasmuth & Zohlen, Berlin 2020, 116 Seiten, 24,80 Euro.

Ausstellung Residenzschloss Dresden, bis 1. November

Das ist Rosts Kommentar, er kommt ohne Worte aus. Das Sprechen ist Matthias Flügge und Rolf Sachsse vorbehalten. Letzterer liest die Einheitsnacht als Karneval und die Herangehensweise von Rost, nämlich im wahrsten Sinne des Worts nah an die Porträtierten heranzugehen, im Kontext einer Ästhetik des Punk. Er erwähnt eine Besonderheit dieser Aufnahmen: „Wenn das Blitzlicht genau axial in die Augen der Abgebildeten fällt, wird deren Augenhintergrund reflektiert – und diese Reflexion ist immer präzise und scharf. Die Blitzlichtfotografie friert jede Bewegung gnadenlos ein.“

Ende der friedlichen Revolution der DDR

Rost zeigt kleine Gruppen, Paare, einzelne Personen. Als vorletztes Bild wählte er eine Gruppe fröhlicher junger Männer aus, deren Habitus sich nicht leicht einordnen lässt. Sie sehen auf den ersten Blick so aus, wie man damals aussah. Noch dominiert der Stil der Achtziger mit geometrischen Mustern, kurzen Haaren, Lederjacke. Aber wie sind die Nickelbrillen und der Lodenjanker einzuordnen? Sind das Hipster oder Jura studierende Burschenschaftler?

In dieser Nacht endete die friedliche Revolution in der DDR, der lange Prozess der Wiedervereinigung begann. Matthias Flügge zeigt in seiner Einführung, dass dieser Prozess präzise mit den „Worten des Jahres“ beschrieben ist. 1989 war das Wort des Jahres „Reisefreiheit“, 1990 „Die neuen Bundesländer“, 1991 „Besserwessi“, 1992 „Politikverdrossenheit“ und 1993 „Sozialabbau“.

In den Fotografien Rosts sind nicht alle diese Entwicklungen abzusehen. Die Fotos zeigen aber, in welchem mentalen Rahmen sie sich abspielen werden. Große Freude ist zu sehen. Ein verkrustetes System ist überwunden, die Mauer weg. Zugleich ist die Nation sichtbar zur relevanten Bezugsgröße geworden. „Deutschland“ ist wieder da. Für die einen ist das ein glücklicher Umstand, für die anderen das Medium ihrer Aggression.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de