Forschung zu Meditation: Stellen wir die falschen Fragen?

Nicht jeder Stress ist schlecht. Nicht jede Meditation ist positiv. Studien über die Auswirkungen von Meditation sollten kritisch hinterfragt werden.

Menschen sitzen zur Meditation im Kreis

„Heiliger Scheiß! Was für ein Kreis! Was er hier wohl macht und wie er wohl heißt?“ Foto: plainpicture/Caiaimages/Tom Merton

Im Alltag soll Meditation vor allem helfen, Stress abzubauen. Vielleicht sogar einen positiveren Blick auf das Leben gewähren, mehr Aufmerksamkeit für die schönen Dinge bieten. Was die Meditation alles kann, untersuchen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Doch viele davon sind zu sehr darauf bedacht, die richtigen Antworten zu finden, sagt Jens Sommer vom Universitätsklinikum Marburg. „Man muss schauen, was wirklich in den Daten steckt. Nicht, was man sehen möchte.“

Das geschieht manchmal allerdings schon ganz unbewusst. Miguel Farias von der Coventry University in Großbritannien warf 2018 mit zwei Kolleg*innen kritische Blicke auf Studien, die Meditation im Zusammenhang mit sozialem Verhalten untersuchten. Dabei zeigte sich: Manche positiven Effekte traten nur dann auf, wenn der Meditationslehrer gleichzeitig ein Autor der Untersuchung war. Offenbar beeinflussten die Erwartungen der Wissenschaftler in diesem Fall unbewusst das Ergebnis.

Auch die Art der Fragestellung spielt eine Rolle. Allem voran, wer überhaupt an dem Versuch teilnimmt. Möchte man Meditation im Alltag untersuchen, wären berufstätige Menschen die idealen Probanden – doch gerade diese Zielgruppe hat wenig Zeit für aufwendige Studien. Dennoch ist es wichtig, die richtigen Leute auszuwählen. Denn es macht tatsächlich einen Unterschied, welches Geschlecht man hat, ob man gesund oder krank ist, und auch die Verfassung spielt eine Rolle.

„Mindfulness-Meditation funk­tio­niert bei Menschen besser, die bereits gestresst sind“, erklärt Miguel Farias. „Wenn man nur leichten Stress verspürt, helfen die Übungen nicht nennenswert.“

Wer wird Proband

Besonders problematisch ist es, wenn die Autoren von Studien gar nicht erwähnen, wen sie untersucht haben, sagt Jens Sommer. Denn dann kann niemand wirklich beurteilen, was genau die Ergebnisse überhaupt aussagen. Haben sie die richtigen Probanden gefunden, können Wissenschaftler trotzdem noch die falschen Fragen stellen.

Dass Meditation sich positiv auswirkt, liegt unter Umständen daran, dass die Forscher aktiv Meditierende mit Nichtstuern vergleichen. Das ist häufig eine sogenannte Wartegruppe: Die Teilnehmer dürfen nach Ende der Studie ebenfalls ein Meditationstraining machen, aber während des Experiments läuft ihr Alltag unverändert weiter. Und dass irgendeine Form von Bewegung oder sozialem Kontakt besser ist als der Status quo, liegt nahe.

Sinnvoller wäre es deshalb, Meditierende mit Teilnehmern zu vergleichen, die Sport machen oder psychotherapeutische Gespräche führen. Dann könnte man feststellen, ob Meditation besser hilft als diese Alternativen oder zumindest gleichwertige Effekte hat.

Doch selbst, wenn die Untersuchungen recht behalten und Meditation tatsächlich gegen Stress hilft, behandeln Praktizierende damit höchstens die Symptome. Die Ursachen für den Stress bleiben.

Ronald Purser, ein Professor für Management an der University of San Francisco, argumentiert in seinem Buch „McMindfulness“ (in Bezug auf die Mindfulness- oder Achtsamkeitsmeditation) gegen Meditation als Lösung aller Probleme. Es verschiebe nur die Verantwortung auf die Betroffenen, anstatt an den Gründen für den Stress anzusetzen.

Dazu kommt, dass Stress in der Gesellschaft schnell verteufelt wird. Wer sich gestresst fühlt, kann aus einer Fülle von Ratschlägen und Angeboten wählen, um sich zu entspannen. Dabei wird vergessen: Nicht jeder Stress ist schlecht. Verspürt man etwa vor einer Prüfung oder einem Jobinterview die Schmetterlinge im Bauch, kann das sogar helfen.

„Wenn wir Stress nicht als Gefahr wahrnehmen, sondern als etwas, das uns vorantreibt, reagiert unser Körper besser auf die Herausforderungen“, erklärt Jeremy Jamieson, Professor für Psychologie an der University of Rochester. Dabei komme es darauf an, wie man die eigenen Ressourcen einschätzt: Ist man der Aufgabe gewachsen?

Meditation kann sich auch negativ auswirken. Das ist eine relativ neue Überlegung

Allerdings geht es hierbei um akute Situationen. Kommt der Stress von einer Tatsache, die man nicht ändern kann – etwa die Angst vor Gewalt –, hilft eine positivere Interpretation wenig. Ob Meditation dann eine sinnvolle Antwort wäre? Gut geplante Studien beantworten diese Frage vielleicht irgendwann.

Man könnte es ausprobieren. Einen Meditationskurs aufsuchen und einfach machen. Dabei sollte man allerdings eins bedenken: Meditation kann sich auch negativ auswirken. Das ist eine relativ neue Überlegung in der Forschung, denn bisher haben sich die Studien meistens um die hilfreichen Eigenschaften der Übungen gedreht. Doch immer mehr Versuche zeigen, dass Meditation zu verstärkter Angst, Unruhe, verzerrten Emotionen oder negativen Gedanken führen kann. Wie häufig das vorkommt, ist noch nicht geklärt.

Eine Untersuchung von über eintausend Freizeitmeditierenden legt allerdings nahe, dass etwa ein Viertel der Untersuchten unschöne Erfahrungen macht – eine recht hohe Zahl bei einer Methode, die eigentlich positiv wirken soll.

Dabei ist es genauso falsch, die Meditation als ineffektiv oder gar schädlich zu verteufeln. Es gibt durchaus Menschen, die davon profitieren können. Gut belegt ist das bei der Meditation als Zusatztherapie bei Depressionen, sagt Miguel Farias. Aber auch in der Behandlung von Essstörungen wird Meditation eingesetzt. Hier geht es darum, die Aufmerksamkeit der Patienten weg von den vermeintlichen Mängeln auf den Körper als Ganzes zurückzulenken.

Welche Art von Meditation am nützlichsten ist, muss ebenfalls noch untersucht werden. Meistens kommen derzeit die Achtsamkeitsmeditation und die sogenannte Loving-Kindness-Meditation (Liebende Güte oder Metta genannt) zur Anwendung. Doch es gibt viele andere. Jede Meditationsrichtung hat ihre Besonderheiten und bietet unterschiedliche Ansatzpunkte für einen Nutzen.

Man kann also durchaus sagen, dass Wissenschaftler und die Gesellschaft noch immer häufig die falschen Fragen stellen, wenn es um Meditation geht. Und selbst in derzeit laufenden Untersuchungen werden zu viele wichtige Details vernachlässigt. Sei es aus Zeit- und Budgetgründen oder weil die Wissenschaftler die Fallstricke gar nicht alle kennen. Ein Weg, zumindest die Versuche zu verbessern, wäre eine sogenannte kontradiktorische Kollaboration, sagt Miguel Farias.

Dabei arbeiten Meditation befürwortende Wissenschaftler mit solchen zusammen, die den Übungen mit Skepsis begegnen. „Auf diese Weise ist es viel wahrscheinlicher, dass man nicht auf die eigenen Erwartungen hereinfällt“, so Farias. Derartige Teamarbeit sei jedoch noch sehr selten.

Trotz aller Unklarheiten spricht nichts dagegen, dass gesunde Menschen Meditation ausprobieren, solange sie dabei aufmerksam sind und auch negative Auswirkungen erkennen. Dass Meditation eine schöne und erfüllende Erfahrung sein kann, steht außer Frage. Nur sollte man nicht mit der Erwartung mit einem Meditationstraining beginnen, dass dadurch alle Probleme beseitigt werden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben