Folgen der Katastrophe in Beirut: Nicht die letzte Erschütterung

Wenn sich die Trauer der Libanesen in Wut verwandelt, werden sehr wahrscheinlich starke politische und so­ziale Erschütterungen folgen.

Schattenriss eines Mannes, der aus einer zerstörten Wohnung auf den zerstörten Hafen schaut

Nur noch eine Trümmerlandschaft: Blick auf den Hafen von Beirut Foto: Hussein Malla/ap

Der Begriff „grob fahrlässig“ lässt sich eigentlich nicht steigern. Aber im Fall der Explosion, die weite Teile Beiruts erschüttert und im Hafen und dessen benachbartem Viertel Verwüstung angerichtet hat, müsste eigentlich eine noch gröbere Bezeichnung erfunden werden, um die Handlungen der Verantwortlichen zu beschreiben.

Bei einem der blutigsten Anschläge in der US-Geschichte vor 9/11 auf das Gebäude einer US-Bundesbehörde 1995 in Oklahoma waren 168 Menschen ums Leben gekommen. Die beiden Attentäter benutzten für ihre Bombe eine Mixtur mit Ammoniumnitrat.

Am Ort der Explosion, im Hafen von Beirut, waren über 2.700 Tonnen dieses Stoffes gelagert. Die Chemikalie kann bei Hitze Gase bilden und sich bei Verunreinigung, etwa mit Öl, selbst entzünden. Das Ammoniumnitrat war jahrelang vollkommen unsachgemäß gelagert worden. Inkompetenz und wahrscheinlich Korruption wurden gestern in Beirut zum Massenmörder.

Dass das Ganze wohl kein Anschlag war, macht es für die Libanesen nicht weniger politisch. Für sie ist es ein weiterer Beweis dafür, dass sie inzwischen in einem völlig gescheiterten Staat leben. Die einstige Schweiz des Nahen Ostens, als die sich der Libanon einst gerne vermarktet hat, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Bereits vergangenes Jahr gingen die Libanesen monatelang gegen Misswirtschaft und Korruption auf die Straße. Das Land erlebte eine Wirtschaftskrise bisher unbekannten Ausmaßes. Dann kam Covid-19, das Desaster wurde zur Katastrophe. Der damalige Sozialminister Ramzi Musharrafieh warnte bereits im Frühjahr, dass drei Viertel der Libanesen nicht mehr ohne finanzielle Unterstützung oder andere Arten von Hilfslieferungen über die Runden kommen.

Ali Al-Hiq

„Nicht ich bin ein Ungläubiger, der Hunger ist der Ungläubige“

Auf Facebook tauchten in den letzten Monaten vermehrt Seiten auf, auf denen Libanesen auch wegen ihrer fast täglich weiter abstürzenden Währung begannen, Waren zu tauschen. Nach dem Motto: „Ich habe ein paar schicke Frauenschuhe und brauche dringend Kinderkleidung.“ Die Verzweiflung hat viele Gesichter.

Am 3. Juni 2020 schoss sich der 61-jährige Ali Al- Hiq mitten auf der Beiruter Einkaufsstraße Al-Hamra mit einer Pistole in den Kopf. Neben ihm auf dem Boden lag eine libanesische Flagge, ein polizeiliches Führungszeugnis, das ihm Unbescholtenheit attestiert, und eine Abschiedsnotiz: „Nicht ich bin ein Ungläubiger, der Hunger ist der Ungläubige.“

Die Verzweiflung ist überall im Land zu spüren. Doch die völlig zerstrittene politische Elite und die regierenden Familienclans sind unfähig, die Krise zu meistern. Sie arbeiten immer noch in den überkommenen konfessionellen Schemata und versuchen, sich durch den üblichen Kuhhandel untereinander durch die Krise zu schmuggeln.

In dieser angespannten Situation hat die Explosion nicht nur eine unglaubliche Zahl von Toten und Verletzten hinterlassen und das Leben Tausender Familien zerstört, sie hat auch die ohnehin wackligen Grundfesten des politischen Systems im Libanon erschüttert. Schon am Mittwoch sprachen die Libanesen davon, dass sie wieder auf die Straße gehen wollen. Der Ärger über Misswirtschaft, Nachlässigkeit und Korruption dürfte seit gestern keine Grenzen mehr kennen.

Die Regierung rief einen zweiwöchigen Ausnahmezustand aus, wohl nicht nur um die Scherben zusammenzukehren, sondern auch in Erwartung dessen, was geschieht, wenn sich die Trauer der Libanesen in Wut verwandelt. Insofern war die gestrige Explosion nur der Anfang. Ihr werden sehr wahrscheinlich mindestens so starke politische und so­ziale Erschütterungen folgen.

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Karim El-Gawhary arbeitet seit fast drei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent der taz mit Sitz in Kairo und bereist von dort regelmäßig die gesamte Arabische Welt. Daneben leitet er seit 2004 das ORF-Fernseh- und Radiostudio in Kairo. 2011 erhielt er den Concordia-Journalistenpreis für seine Berichterstattung über die Revolutionen in Tunesien und Ägypten, 2013 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Journalisten des Jahres gewählt. 2018 erhielt er den österreichischen Axel-Corti-Preis für Erwachensenenbildung: Er hat vier Bücher beim Verlag Kremayr&Scheriau veröffentlicht. Alltag auf Arabisch (Wien 2008) Tagebuch der Arabischen Revolution (Wien 2011) Frauenpower auf Arabisch (Wien 2013) Auf der Flucht (Wien 2015)

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