Zwei karge Metalbetten in einem tristen Zimmer, die Matratzen sind in Plastik eingepackt

Privatsphäre? In den meisten Zentren sind die Zimmer nicht abschließbar Foto: Daniel Kemmpf-Seifried

Flüchtlingsunterkünfte in Bayern:Im „Ankerzentrum“

Nach der Flucht werden Menschen hier eingewiesen für schnellere Asyl­verfahren. Doch es gibt Kritik an den Lebensbedingungen in „Ankerzentren“.

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Aus regensburg, 16.4.2021, 16:07  Uhr

Alles ziemlich neu hier im Ankerzentrum Regensburg. Lange Gänge mit blauem Linoleumboden, schicke Verwaltungszimmer. „Die Einrichtung wurde 2014 in Betrieb genommen“, sagt der Leiter Karl-Heinz Kreuzer. Er zeigt sein Zentrum, das ursprünglich als Erstaufnahmestätte für Flüchtlinge fungierte und dann den Namen „Ankerzentrum“ erhielt. „Beim Umgang mit den Menschen hat sich aber definitiv nichts geändert“, sagt er.

Wesentliche Teile wurden im Süden der Stadt neu gebaut, ein lang gezogener Wohnriegel wurde renoviert, der früher zu einer Bundeswehrkaserne gehörte. Am Eingang ist das Gelände umzäunt, vor allem zum Schutz der Bewohner, heißt es. An der Pforte sitzt Sicherheitspersonal, das nur genehmigte Besucher reinlässt.

Es wirkt freundlich und wohnlich: der Wartebereich für die Registrierung, wo Daten und Fingerabdrücke genommen sowie Fotos gemacht werden. Das Arztzimmer, das vier Tage in der Woche in Betrieb ist. „Es kommen auch regelmäßig ein Frauenarzt, ein Psychologe und eine Hebamme“, sagt Veda Erös, die Ombudsfrau des Ankerzentrums. In einem weiteren Zimmer werden Windeln, Hygienesets oder Plastikgeschirr für die Zimmer ausgegeben.

Die zuständige Regierung des Bezirks Oberpfalz präsentiert hier ihr Zentrum. Ein Klassenzimmer gibt es, wo den Kindern in den ersten drei Monaten Deutsch beigebracht wird. Danach gehen sie in Regensburger Regelschulen. Im Raum der Kinderbetreuung, organisiert von der Caritas, räumt eine Erzieherin auf. Aktivitäten sind derzeit wegen Corona nur in festen Familiengruppen möglich. „Am Vormittag waren drei Geschwister und deren Eltern da“, berichtet sie. In der Kantine stehen die Tische weit voneinander entfernt.

In Regensburg werden meist Flüchtlinge aus Irak, Syrien und Äthiopien aufgenommen. An vielen Stellen sind Hinweisschilder in den Landessprachen angebracht. Im Erdgeschoss sind auch die städtische Wohnsitzstelle und die Asylsozialberatung, im obersten Stockwerk das Sozialamt. Dort erhalten Erwachsene 100 Euro pro Monat, Bustickets und Bekleidungsgutscheine für Regensburger Geschäfte.

Spielzeug in einer Ecke

Zu Coronazeiten ist im Spielzimmer niemand zu sehen Foto: Daniel Kempf-Seifried

Wegen Corona sieht man fast keine Menschen. Ausgelegt ist das Zentrum mit zwei Dependancen für maximal 1.200 Bewohner, jetzt ist es laut Kreuzer mit 430 belegt. Familien und allein reisende Frauen sind in den beiden neuen Häusern untergebracht, im anderen alleinstehende Männer. Drinnen sieht es aus wie in einer kargen Jugendherberge. Ein leeres Zimmer kann gezeigt werden, darin stehen vier Betten, die man doppelstöckig aufbauen kann, und vier Kleiderspinde.

Wie häufig kommt es zu Gewalt wegen der doch recht engen Unterbringung und der Verzweiflung der Menschen, die negative Asylbescheide fürchten? „Eigentlich gar nicht“, sagt Karl-Heinz Kreuzer. Ob das stimmt? Im Mai 2019 wurde eine 31-jährige Nigerianerin tot aufgefunden. Es kam zu Protesten, an denen bis zu 50 Flüchtlinge beteiligt waren. Die Stimmung war aufgeheizt, als der Notarzt kam, die Polizei rückte zum Großeinsatz an. Als die Bewohner selbst den Sarg der Frau nach draußen tragen durften, beruhigte sich die Lage. Die Nigerianerin war eines natürlichen Todes gestorben, lautet die Aussage des Arztes. Nähere Umstände wurden nicht bekannt gegeben.

Von den dunklen Seiten des bayerischen Ankersystems berichtet Mirjam Elsel aus Bamberg. Sie ist evangelische Pfarrerin und zuständig für Flüchtlingsarbeit. Trotz Corona gebe es weiterhin Abschiebungen, kritisiert sie. Mit guter Rechtsberatung seien viele davon verhinderbar, doch praktisch ist das oft nicht umsetzbar. „Wer bekommt schon mit, wenn bei einer Abschiebung eine Familie getrennt wird?“, fragt sie. Flüchtlingsunterstützer sehen darin häufig Rechtsverstöße – doch die Menschen sind dann eben schon weg.

Arbeit für 80 Cent pro Stunde

Weiter greift Pfarrerin Elsel das System der Zentren an: „Es gibt kaum Privatsphäre, Geflüchtete unterschiedlicher Nationalitäten leben auf engem Raum zusammen, teilen sich ein Bad.“ Die Zimmer seien nicht abschließbar, angeblich wegen des Brandschutzes. Selbst die Küchen in den ehemaligen Kasernenwohnungen seien wieder ausgebaut worden.

Im Regensburger Zentrum wiederum sind offenbar Dinge möglich, die es anderswo nicht gibt. Jedes Stockwerk etwa hat zwei kleine Küchen. „Gerade für die Familien ist das wichtig“, sagt Veda Erös. Und die Zimmer lassen sich abschließen, ebenso die Frauenduschen und -toiletten. Wenn es die Leitung der Einrichtung will, dann ist so etwas durchsetzbar. In Regensburg gibt es eine Gewaltschutzkoordinatorin. Bei der Einteilung der Security-Schichten wird stets darauf geachtet, dass immer auch eine Frau Dienst hat.

Erös meint: „Es ist positiv, dass hier alles in der Nähe ist.“ Das Bamf hat sein Dienstgebäude auf der anderen Straßenseite. Die Einschätzung des Leiters Kreuzer: „Die Familien sind froh, dass hier erst einmal alles vor Ort ist und geklärt wird. Viele sind bei der Ankunft sehr erschöpft.“ Auch gebe es eine sehr gute Zusammenarbeit mit karitativen Organisationen und der Gruppe Campus Asyl. Ombudsfrau Erös lobt auch die Arbeitsmöglichkeiten im Zentrum: Für 80 Cent pro Stunde kann man in der Küche arbeiten, als Dolmetscher, beim Hausmeister.

Ein Mann steht vor weißen, sehr symmetrischen Gebäuden

Für ihn ist alles gut hier: Ankerzentrum-Leiter Karl-Heinz Kreuzer Foto: Daniel Kempf-Seifried

Der Zustand der Menschen im Ankerzentrum ist häufig schlecht, meint dagegen Mirjam Elsel aus Bamberg. „Erschreckend ist, dass man ihnen anmerkt, wenn sie schon länger da sind. Sie wirken resigniert.“ Aufgrund ihrer langen Fluchtgeschichte seien viele traumatisiert, klagten über Schlaflosigkeit und rutschten in eine Depression. „Sie brauchen Psychopharmaka, trinken oder nehmen auch Drogen. Leicht kommt es zu Gewaltausbrüchen.“ In allen Ankerzentren werden harte, brutale Entscheidungen durchgesetzt. Es kommt immer wieder zu Abschiebungen. In Regensburg meint Karl-Heinz Kreuzer dazu: „Abschiebungen von Familien gefallen uns manchmal nicht.“ Und Veda Erös: „Man lernt mit der Zeit, damit umzugehen.“

Protokolle aus dem „Ankerzentrum“

Christina, 35, Deutschlehrerin, ist mit Vater, Schwester und Neffen aus Moldawien geflohen.

„Deutschland kenne ich aus unterschiedlicher Perspektive. An der Universität studierte ich die deutsche Sprache, dreimal war ich deshalb schon zu Auslandsaufenthalten hier gewesen. Nun bin ich Flüchtling. Mit meiner Schwester, deren Kind und meinem Vater leben wir in Bayern. Unser Asylverfahren läuft noch. Nach einem Regierungswechsel in Moldawien mussten wir aus politischen Gründen fliehen. Die Coronazeit haben wir im Camp einigermaßen überstanden. Mein Neffe ist elf Jahre alt. Es gab da keinen Schulunterricht. Man schickte ihm die Aufgaben, und wir schickten die Blätter zurück. Mich stört es sehr, dass es im Camp kaum Betreuung gibt. Viele Leute wollen Integrationskurse machen, die fallen aber wegen Corona aus.

Die ersten Wochen waren wir alle vier in einem Zimmer. Vor allem unserem Vater war das sehr unangenehm. Das Nebenzimmer war leer, aber wir bekamen es nicht. Jemand sagte: „Das ist hier kein Hotel.“

Als wir einen anderen Angestellten des Zentrums fragten, erhielten wir das Zimmer doch. Meine Schwester und ich waren froh, dass wir teilweise im Camp arbeiten konnten, bei der Kinderbetreuung. Es gab 80 Cent für die Stunde, das waren für uns 25 Euro pro Woche. Davon konnten wir Lebensmittel kaufen, denn das Essen im Zentrum war oft sehr schlecht.

Einmal gab es eine Schlägerei, danach hatte ich Panikattacken. Schlimm ist, dass man die Türen nicht absperren kann. Wir sind viel mit dem Kind raus gegangen, mein Vater ist da geblieben, damit nichts gestohlen wird. Nach einem halben Jahr sind wir in eine bessere Unterkunft verlegt worden. Meine Schwester und ich haben den Mittelschulabschluss gemacht, sie ist jetzt in einer Ausbildung als Pflegerin und ich als Fremdsprachenkorrespondentin. In Moldawien war ich Deutschlehrerin. Sobald es geht, möchte ich zurück, denn mein Leben ist dort geblieben.“

Der Begriff „Anker“ steht für „Ankunft, Entscheidung, Rückführung“. Ziel ist eine reibungslose Abwicklung der Asylverfahren, dafür sollen alle Akteure an einem Platz sein: die Flüchtlinge, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) mit Zweigstellen, ebenso die Verwaltungsgerichte, die Jugendhilfe und Ähnliches. Laut einer Bamf-Evaluierung dauert die durchschnittliche Bearbeitung von Asylanträgen nun 77 statt zuvor 82 Tage.

Ankerzentren sind ein Bundesprojekt, aber nur die CSU in Bayern hat sie flächendeckend eingeführt. In jedem der sieben Regierungsbezirke wurde eines eröffnet. Die anderen Bundesländer bringen Flüchtlinge weiterhin meist dezentral unter.

Für Familien ist eine Höchstdauer von 6 Monaten Aufenthalt im Ankerzentrum festgelegt, für Alleinstehende sind es 18. Tatsächlich wird dies aber immer wieder überschritten. Hilfsorganisationen wie der Bayerische Flüchtlingsrat sprechen von „Lagern“ mit unwürdigen Lebensbedingungen. (pat)

Elisabeth, 37, aus einem nicht genannten Land in Ostafrika, lebt im Ankerzentrum in Manching bei Ingolstadt. Sie sehnt sich nach ihrer Freundin in den USA.

„Ich bin aus meinem Heimatland geflohen, weil ich lesbisch bin. Die LGBT-Bewegung (Menschen mit lesbischer, schwuler, bisexueller oder Trans-Orientierung) ist dort verboten und im Untergrund. Mit meiner Freundin bin ich mal von der Polizei erwischt worden, wir kamen ins Gefängnis und es drohten sieben Jahre Haft. Freunde aus der Bewegung bestachen die Polizisten, so kamen wir wieder frei. Ich hatte einen eigenen Friseursalon.

Nun bin ich schon ein Jahr in Deutschland und stecke immer noch in Manching fest. Ich habe ein Zimmer zu zweit mit einer anderen Frau, das ist okay. Die meiste Zeit bin ich im Zimmer, lese, bin am Handy. Hier im Camp gibt es leider fast kein WLAN. Wir bekamen Deutschkurse, doch als es mit Corona schlimmer wurde, hat man sie gestrichen. Als Frau werde ich immer wieder von den Männern belästigt. Ein Bewohner ist mir mal fast bis aufs Zimmer gefolgt. Ich habe ihn angeschrien: „Lass mich in Ruhe, ich habe kein Interesse, ich bin lesbisch.“ Das war ihm aber egal.

Ich möchte hier in die Schule gehen und arbeiten. In der Heimat habe ich vier Geschwister und meine Eltern. Sie haben mich ausgestoßen, als ich mich outete. Ich habe versucht, wieder Kontakt aufzunehmen, aber sie haben mich nur beleidigt. Auch in der Gesellschaft und im privaten Bereich werden Schwule und Lesben geächtet. Immer wieder fahre ich mit dem Zug nach München zu LGBT-Treffen, dort gibt es große Solidarität, das tut mir so gut. Ich weiß, dass ich Ingolstadt eigentlich nicht verlassen darf, aber ich mache es trotzdem.

Meine Freundin wiederum ist in die USA geflohen, wo ihre Eltern schon lebten. Sie wissen nichts von unserer Beziehung. Manchmal telefonieren wir stundenlang. Sie ist die Liebe meines Lebens, wir wollen heiraten. Ich weiß nur nicht, wie wir je wieder zueinander kommen können.“

Faizah, 23, kommt aus dem Jemen. Ihr Asylantrag wurde anerkannt, nun möchte sie studieren

„Wir sind schon vor längerer Zeit aus dem Jemen geflohen, zuerst nach Malaysia. Doch dort wurde es für Ausländer immer unerträglicher, sodass mein Bruder und ich nach Deutschland kamen. Hier sind wir aber wiederum getrennt. Und die Familie ist zerrissen – meine Mutter und mein kleiner Bruder leben weiterhin in Malaysia.

Zuerst wurde ich in zwei Flüchtlingscamps in Hessen untergebracht, das waren keine Ankerzentren. Sie waren aber fürchterlich. Es herrschte ein schlimmer Ton und es war wie in einem Gefängnis. Ein Mann vom Sicherheitspersonal hat mich verfolgt und dauernd gesagt, dass er mich heiraten möchte. Ich hatte mich darüber beschwert, aber es geschah nichts. Dann kam ich in die Anker-Dependance Am Moosfeld in München. Dort war es viel besser. Beschwerden wurden ernst genommen. Meine Zeit habe ich dort nicht verschwendet, ich lernte Deutsch. Ich bin dankbar dafür.

Am Moosfeld gab es einen massiven Corona-Ausbruch, ich war auch infiziert, zwei Wochen lang war die Anlage komplett isoliert. Wir mussten in den Zimmern bleiben, das Essen wurde vor die Tür gestellt. Aber wir haben es überlebt. Jetzt ist mein Asylantrag anerkannt, ich habe ein Apartment in München. Eigentlich könnte ich schon an die Uni, ich habe die entsprechende Vorbildung, und es gibt ja Studiengänge auf Englisch. Aber ich möchte mein Deutsch jetzt noch verbessern und im Herbst mit Wirtschaftsinformatik anfangen.“

Ein leerer Klassenraum

Deutsch lernen im Ankerzentrum: Kann man so an der Gesellschaft teilhaben? Foto: Daniel Kempf-Seifried

Dimitry, 35, musste mit seiner Familie die Ukraine verlassen. Nach dem Ankerzentrum leben sie nun in einer besseren Unterkunft

„Unsere Familie lebt seit vier Jahren in Deutschland. In Kiew war ich als Mitarbeiter für eine Oppositionspartei tätig. Deshalb sollte ich verhaftet werden, wir mussten fast von einem Tag auf den anderen weg. Hier kann ich natürlich leider nicht mehr als Jurist arbeiten. Als wir in Deutschland ankamen, war unsere Tochter ein kleines Baby. Sie ist jetzt vier Jahre alt, wir haben dann noch eine Tochter bekommen, die ist zwei.

Das Leben im Ankerzentrum war eine schreckliche Erfahrung für uns. Eigentlich dürfen Familien dort nur sechs Monate bleiben, wir waren aber zwei Jahre lang in drei verschiedenen Camps untergebracht, in Manching und in Ingolstadt. Ich weiß nicht, warum. Zwei Jahre lang hatten wir keine Möglichkeit, uns in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, es waren zwei verlorene Lebensjahre. Wir durften nicht einmal einen Wasserkocher im Zimmer haben, um der Kleinen einen Brei zu machen. Ich weiß nicht, wie oft ich dafür tags und nachts in den Zentren zur Küche gelaufen bin.

Seit zwei Jahren sind wir nun in einer kleinen Flüchtlingsunterkunft in Bischofswiesen bei Berchtesgaden, der Ort wurde uns von der Regierung von Oberbayern zugewiesen. Hier ist es viel besser. Jede Familie hat ein Zimmer, Toilette und Bad. 15 Familien teilen sich die Gemeinschaftsküche. Wir haben sofort angefangen, Deutsch zu lernen, meine Frau und ich haben nun das B-1-Niveau.

Wir haben einen festen Plan: Derzeit sind wir in der externen Mittelschule, wo wir im Juni die Mittlere Reife machen können. Dann geht es auf die Fachoberschule für das Abitur. Schließlich wollen wir dual studieren, dabei verdienen wir Geld und sind nicht mehr auf die Unterstützung des Staates angewiesen.

Ich strebe die Bereiche Mathematik und Softwareentwicklung an, meine Frau Olena Mikrobiologie und Bioingenieurwesen. Über die Kinder haben wir hier auch Freunde gewonnen, wir treffen uns immer am Wochenende.“

Protokolle: Patrick Guyton

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