Finanzierung von Kindertagesstätten: Bitte weniger Fachkräfte in Bremens Kitas
Ein neues Finanzierungssystem könnte dazu führen, dass ein großer Kitaträger in Bremen Fachkräfte abbauen muss. Die Stadt will Mittel anders einsetzen.
Foto: Focke Strangmann/dpa
Auf Bremens Kitas könnte eine Art Qualitätsgrenze nach oben zukommen: Wer zu gut darin war, ausgebildete Erzieher*innen einzustellen, muss in den nächsten Jahren wohl schauen, wie er ein paar davon wieder loswird. Mehr als zwei Drittel der Fachkräfte werden im Personalmix nicht mehr gegenfinanziert. Betroffen sind vor allem Kitas der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK).
„Wir kommen uns extrem veräppelt vor“, sagt Dieter Wiene, der stellvertretende Vorsitzende der Mitarbeitendenvertretung der BEK-Kitas. „Wir haben drei Kitagipfel lang mit der Senatorin über Fachkräftegewinnung diskutiert. Und jetzt soll die Qualifizierung nach unten statt nach oben gehen.“ Lange war der Kampf um Fachkräfte eines der drängendsten Probleme der Bremer Kitapolitik. Kitas wurden gebaut und standen dann leer, weil Personal fehlte.
Qualifizierungsprogramme wurden aus dem Boden gestampft: Sozialpädagogische Assistent*innen wurden umschmeichelt, sich zu Erzieher*innen fortzubilden, bezahlte Ausbildungsplätze wurden geschaffen, für Erzieher*innen ein Novum. 38 Prozent aller Ausbildungsanfänger*innen in Bremen entschieden sich 2024 für eine pädagogische Ausbildung. Ende des Jahres befanden sich 1.000 Menschen in Bremen in einer Ausbildung zur Erzieher*in.
Niedrigschwellig wurden zudem Tageseltern ausgebildet und Senatorin Sascha Aulepp (SPD) versuchte, die Standards abzusenken. So sollten zu Randzeiten auch ungelernte Kräfte ohne pädagogische Qualifikation allein Kinder betreuen dürfen. Das wurde nach Protest gekippt – im Gesetz gab es dann 2025 doch die Möglichkeit, zu bestimmten Zeiten Menschen mit Minimalausbildung einzusetzen, wenn, so das Gesetz, „auf dem Arbeitsmarkt nicht genügend Fachkräfte (…) zur Verfügung stehen“.
Plötzlich gibt es viel zu viel
2025 kam der Umschwung. Waren im Vorjahr nach dem Sommer noch 1.300 Kinder ohne gewünschten Kitaplatz gemeldet, blieben nun Plätze frei. Man hätte das absehen können: Die Geburtenzahlen waren rückläufig. Plötzlich gab es freie Plätze, leere Kitas, kleine Träger, die um ihre Existenz bangten. Im aktuellen Kitajahr 2026/27 blieben schon 1.700 Plätze unbesetzt.
Man könnte die neue Lage nutzen, um die Qualität zu erhöhen, kleinere Gruppen einzurichten, mehr Fachkräfte pro Kind einzusetzen. Tatsächlich hat Bildungssenator Mark Rackles (SPD) im Frühjahr eine Qualitätsoffensive für Kitas und Schulen angestoßen; eine bessere Fachkräftequote ist jedoch kein Teil davon – es fehlt offenbar an Geld.
Die aktuelle Finanzierungssystematik ist kompliziert, eine Umstellung wird von allen Seiten gefordert. Im nächsten Kitajahr soll ein neues System starten – noch werden Verhandlungen geführt, aber nicht alle Seiten sind zufrieden.
Denn das Gesamtbudget für die Kitas bleibt nahezu unverändert. Grundlage sind die Zuschüsse, die 2025 gezahlt wurden, Anpassungen gibt es, um die Inflation oder Tarifsteigerungen auszugleichen.
Fachpersonal wird nicht mehr automatisch finanziert
Kitas bekämen in Zukunft einen festen Sockel an Fördergeldern, der für Gebäude und Infrastruktur zur Verfügung steht. Das soll die Planbarkeit verbessern. Pro Kind bekommen alle Kitas einen festen Satz. Wenn Kinder einen individuellen Förderbedarf haben, erhöht sich dieser. Sprachförderung müsste nicht mehr beantragt werden, sondern würde über die normale Finanzierung abgedeckt werden.
Die aktuell verhandelte Version stelle „die meisten Träger nach bisherigen Analysen besser“, schreibt die Pressestelle des Bildungssenators. Doch das bedeutet bei gleichbleibendem Budget: Irgendwer bekommt weniger.
Offenbar wird das die Bremische Evangelische Kirche sein: In Bremen konnten Kitaträger nach dem alten Modell abrechnen, was sie an Personalkosten hatten. Wer Fachkräfte gewinnen konnte, bekam sie auch finanziert. Nun steht auch für Personal ein Wert von vornherein fest.
Der ist nicht hoch: Bezahlt werden können von dem Budget regulär nur zwei Drittel ausgebildete Erzieher*innen. Der Rest des Personals muss aus schlechter qualifizierten Hilfskräften bestehen, aus sozialpädagogischen Assistenzen oder Kinderpfleger*innen.
Träger haben bis 2030 Zeit, Finanzierung anzupassen
Zwei Drittel Erzieher*innen – das ist praktischerweise das, was der städtische Träger „Kita Bremen“ exakt erfüllt. Wissenschaftlich empfohlen werden mindestens 80 Prozent Erzieher*innen, einzelne Bundesländer erreichen das auch. Die Bremische Evangelische Kirche hat bisher eine bessere Ausstattung: In ihren Kitas arbeiten zu 88 Prozent Erzieher*innen.
„Es handelt sich bei der Neuaufstellung der Kitafinanzierung nicht um eine Vorgabe an die Träger, wie hoch die Fachkraftquote sein muss“, betont die Pressestelle der Bildungsbehörde auf Nachfrage. Die ausgezahlten Mittel könnten flexibel eingesetzt werden. Einstellen dürfen die Kitas Fachpersonal – finanziert wird es nicht mehr.
Dieter Wiene, Mitarbeitendenvertretung der Kitas der Evangelischen Kirche
Die Behörde begründet die vorgesehene Personalsumme auch mit den Quoten der anderen Stadtstaaten, die ebenfalls etwa bei zwei Drittel Erzieher*innen liegen. Für Wiene zählt das Argument nicht: „Diese Quoten sind ja immer vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels zustande gekommen“, sagt er, „nicht deshalb, weil man nicht mehr finanzieren wollte. Hier wird dieser Mangel jetzt auf lange Zeit festgeschrieben.“
Die neue Finanzierung würde wohl nicht schon im ersten Jahr durchschlagen. Bis 2030 hätten die Träger Zeit, ihre Finanzgrundlagen anzupassen. Erzieher*innen entlassen müsste die Bremische Evangelische Kirche also nicht sofort. „Aber ich denke, langfristig wird das kommen“, sagt Wiene. „Neben den verringerten Quoten kommen ja auch die sinkenden Kinderzahlen auf uns zu, Standorte müssen schließen.“ Zusammen werde beides dazu führen, dass Leute „auf die Straße gesetzt“ werden.
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