Filmkomödie „The Climb“: Liebe geht nicht weg

In Michael Angelo Covinos Spielfilmdebüt trägt eine Freundschaft mehr, als möglich scheint. Was eine gelungene Komödie ergibt.

Zwei Männer auf rennrädern auf einer Alpenstraße, im Hintergrund fährt ein roter 2CV

Kyle (Kyle Marvin) und Mike (Michael Angelo Covino) in den französischen Bergen Foto: Prokino

Freunde sind im Film ein beliebtes Sujet. In Komödien zumal. Freundschaft unterscheidet sich von Verwandtschaft ja grundlegend dadurch, dass die Beziehung freiwillig eingegangen wird. So haben Freundschaften eine innere Leichtigkeit, die sie andererseits zerbrechlich macht. Wie in der Liebe muss man sich gegenseitig auch schon mal die Freundschaft beweisen und kann sie aufs Spiel setzen.

In der Komödie „The Climb“ gibt es mit der Figur des Mike einen Freund, der ein wenig an einen Fluch erinnert. Mike sagt es irgendwann selbst im Film: „Ich weiß, dass ich ein Arschloch bin.“ Er spricht den Satz nicht trotzig-selbstbewusst, sondern als Eingeständnis einer unerfreulichen Gegebenheit, mit der er genauso umgehen muss wie die anderen. Schwer zu ertragen ist er ganz sicher.

Das macht Michael Angelo Covino in seinem Regiedebüt „The Climb“ von der ersten Szene an sehr deutlich. Covino spielt darin besagten Mike, und er hat mit seinem zweiten Hauptdarsteller Kyle Marvin, in der Rolle von Mikes Freund Kyle, auch das Drehbuch geschrieben.

Zwangspause von der Freundschaft

„The Climb“. Regie: Michael Angelo Covino. Mit Michael Angelo Covino, Kyle Marvin u. a. USA 2019, 97 Min.

Die Geschichte, die beide auf der Leinwand darbieten, beginnt beiläufig in den französischen Bergen. Mike und Kyle fahren mit ihren Rennrädern eine kaum befahrene Landstraße hinauf, Mike gibt Kyle Ratschläge, wie er seine Kräfte besser einsetzt. Und dann sagt er, als er ein wenig Vorsprung vor Kyle gewonnen hat, halb unter sich weggenuschelt: „Kyle, ich habe mit Ava geschlafen.“ Ava ist Kyles Verlobte, die Hochzeit steht unmittelbar bevor, wie dem Gesprächsverlauf bis dahin zu entnehmen war.

Nach dem Bekenntnis ist vieles anders. Unter anderem muss die Freundschaft von Mike und Kyle eine Zwangspause einlegen. Dieser Bruch wird als solcher nicht im Film gezeigt, wie vieles in der Handlung, die in sieben Kapitel eingeteilt ist, großzügig ausgelassen ist. Zu Beginn jedes neuen Kapitels muss man sich kurz aus der aktuellen Situation erschließen, was in der Zwischenzeit geschehen sein dürfte. So viel sei verraten: Mit Mike und Kyle ist nicht endgültig Schluss, doch die Beule in ihrer Beziehung bestimmt fortan die weiteren Ereignisse.

Michael Angelo Covino lässt die Handlung in einer nicht näher bestimmten Gegenwart spielen. Mobiltelefone sind im Einsatz, doch ist nicht ganz eindeutig, ob sie auch Smartphones sind. Die Bilder sind grobkörnig, muten nostalgisch an, wie auch Mike und Kyle sich viel mit ihrer Vergangenheit beschäftigen. So trifft sich Kyle, dem es im Übrigen sehr schwerfällt, zu anderen nein zu sagen, in einer Szene im Keller seines Elternhauses mit seiner neuen Freundin Marissa (Gayle Rankin), wo er von alten Spielsachen umgeben ist, zu denen er immer noch ein affektives Verhältnis zu haben scheint.

Eine unaufdringlich großartige Komödie

„The Climb“ ist eine unaufdringlich großartige Komödie, insbesondere weil sie aus existenziellen, oft tragischen Wendungen komische Funken schlägt, die nicht abgegriffen wirken. Neben Trennungen gibt es in diesem Film eine Beerdigung, Mike entwickelt im Verlauf der Ereignisse ein „drinkin’ thing“, doch schlägt dieser Ernst oft in Humor um, der hart am Slapstick entlangsegelt, ohne diesen auszuschlachten.

Etwa wenn Mike betrunken eine Weihnachtsfeier von Kyles Familie aufsucht, durchs Wohnzimmer in Richtung Weihnachtsbaum torkelt und die Szene kurz vor ihrem katastrophalen Höhepunkt abreißt.

Jedes Kapitel ist um eine lange Kamerafahrt organisiert, was den Szenen etwas klaustrophobisch Geschlossenes, in ihrer durchgehaltenen Bewegung jedoch zugleich Flaneurhaftes verleiht. Die Kamera kommt nicht los von den Geschehnissen und Personen, so wie Mike und Kyle nie richtig voneinander loskommen oder -wollen.

Die Figuren sind kleinbürgerliche Existenzen, die, im Weltmaßstab gesehen, kleine Nöte haben, die zu großem Witz führen

Keine Buddy-Komödien-Klischees

Covino und Marvin vermeiden dabei Klischees aus Buddy-Komödien jüngeren Datums. Die Genitalfixierung, wie sie in den Filmen Judd Apatows zum Beispiel für zuverlässige Lacher sorgt, findet man hier nicht. Zwar haben dessen Figuren oft ebenfalls ein Problem damit, erwachsen zu werden, Mike und Kyle haben bei alledem jedoch viele zusätzliche Ecken und Kanten, die sie nach mehr aussehen lassen als nach Figuren, die lediglich für ein Drehbuch entworfen wurden.

Was damit zu tun haben mag, dass Covino und Marvin auch im „echten“ Leben befreundet sind. Ihre Figuren sind kleinbürgerliche Existenzen, die, im Weltmaßstab gesehen, kleine Nöte haben, die zum großen Witz führen, ohne dass jemand schamlos vorgeführt würde.

Zum eleganten optischen Stil kommt übrigens auch ein wunderbar cheesy ausgewählter Soundtrack, mit nostalgischer Bigbandmusik von Martin Mabz und einigen stilvoll platzierten Chansons von Gilbert Bécaud. Ein Feel-Good-Movie, das gern wehtut. Am Ende folgt eine weitere Radtour in veränderter Besetzung. Wer diesmal radelt, sei nicht verraten.

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