Filmemacherin Julia von Heinz klagt an

Sender, hört die Signale

Beim Fernsehfilmfestival in Baden-Baden kritisierte Julia von Heinz die Öffentlich-Rechtlichen. Vergessen sie junge Leute, begraben sie sich selbst.

Porträtfoto in schwarz/weiß

Julia von Heinz: Regisseurin, Autorin, Kamerafrau und Liebhaberin der Öffentlich-Rechtlichen Foto: HFF München

BADEN-BADEN taz | „Junge Leute haben den Anspruch, sich und ihre Perspektive auf die Welt im Programm wiederzufinden. Und wenn sie das nicht können, werden sie weder protestieren noch Zuschriften schicken. Sie schalten einfach dorthin um, wo sie diese finden. Und so trägt sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst zu Grabe. Aber das dürfen wir nicht hinnehmen, denn er gehört uns nicht. Er gehört der nachfolgenden Generation, die wir sehenden Auges von ihm entfremden. Nur an die eigene Dienstzeit zu denken (bis ich pensioniert bin, wird es schon noch gutgehen), ist ein Vergehen an denjenigen, die diese Institution eines Tages noch viel dringender brauchen werden als wir heute.“

Nein, das ist nicht von mir. Leider. Und auch nicht von irgendeiner moralinsauren Instanz, die mal wieder mahnend mit dem Zeigefinger wackelt und ansonsten weder Ahnung noch Einfluss hat. Sondern von Julia von Heinz. Julia von Heinz ist Regisseurin, Autorin, Kamerafrau und liebt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Und damit die Hierarchien jetzt wirklich Angst kriegen: Promoviert ist sie auch noch und lehrt als Professorin an ’ner echten Hochschule.

Was aber viel wichtiger ist: Julia von Heinz macht richtig gute Filme. Starke Filme. Wie „Katharina Luther“ oder jetzt den „Tatort“ „Für immer und dich“, für den sie gerade in Baden-Baden den Preis beim diesjährigen Fernsehfilmfestival gewonnen hat. Und nicht nur das: Sie hat beim Festival auch den Hans Abich Preis bekommen. Der erinnert an einen legendären ARD-Programmdirektor aus der Zeit, als Fernsehen noch aufregend war und was wollte. Abich hat mal gesagt: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann nicht von mir verteidigt werden, er muss sich in seiner Alltagsarbeit verteidigen.“

Filme von weißen Hetero-Männern

Medien­profi, bringt regelmäßig Unordnung in die aufgeräumte Medienwelt.

Und genau das meint Julia von Heinz, wenn sie über die „neoliberale Quote“ spricht: Klar, sie drückt statistisch den Zuspruch derer aus, die noch das lineare Fernsehen nutzen. „Doch diese Mehrheit sind heute Menschen im letzten Drittel ihres Lebens und diese sind noch einigermaßen zufrieden mit dem, was ihnen hier geboten wird. Ein Programm, immer noch ausgedacht und inszeniert zu über 70 Prozent von weißen, heterosexuellen Männern aus Westdeutschland zwischen 40 und 60“, die hier ihre Perspektive widerspiegeln dürften, so Julia von Heinz. „Ich finde diese Perspektive wichtig und sehenswert! Aber andere Perspektiven nicht weniger.“

Um den Alltag wieder ins Fernsehen reinzubekommen, empfiehlt sie übrigens, einfach mal die Einschaltquote sein zu lassen. In der ARD zum Beispiel am Fernsehfilmmittwoch ab 20.15 Uhr.

Leider war mal wieder kein Sender-Hierarch im Saal. Nur der quasi schon pensionierte Programmdirektor des SWR. Macht nichts: Ihr kommt nicht mehr davon!

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2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, seit 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G

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