Filme im Stream: Sachen schaffen noch kein Zuhause

In Nanni Morettis und Petri Luukkainens Filmen wird das Private politisch. Das National Film Center in Tokyo zeigt Animes aus den 30er-Jahren.

Filmemacher Petri Luukkainen in einer Filmszene

Filmischer Selbstversuch: „My Stuff – Was brauchst Du wirklich?“ (2013) Foto: Promo

Der italienische Regisseur Nanni Moretti hat in seinen Filmen das Private, das Berufliche und die Politik stets zusammengedacht. Ein wenig heitere Selbstbespiegelung steckt darin, aber auch viel ernste Selbstbefragung. Das Drama Mia madre (2015) ist von den Erfahrungen mit dem Tod seiner eigenen Mutter inspiriert, als Alter Ego dient ihm dabei die Regisseurin Margherita (Margherita Buy), die gerade mit den Dreharbeiten zu einem neuen politischen Film beschäftigt ist.

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Doch die laufen gerade ebenso aus dem Ruder wie ihr Privatleben, in dem vor allem ein Ereignis herausragt: Ihre herzkranke Mutter ist ins Krankenhaus gekommen und wird es nicht mehr lebend verlassen. Moretti schickt Margherita in ein sorgsam verwobenes Geflecht aus Realität, Träumen, Fantasien und Erinnerungen, aus denen sich immer wieder dieselbe Frage herauskristallisiert: Habe ich mir genügend Zeit genommen und mich genügend gekümmert? „Mia madre“ verdeutlicht eindringlich das Gefühl des Verlustes von Gewissheiten, das letztlich nur mit den Gedanken an die Zukunft verscheucht werden kann (Stream bei Chili: www.chili.com).

Es geht auch ohne

Wie so viele Menschen fragt sich auch der finnische Filmemacher Petri Luukkainen, was ihn glücklich macht. Könnte es etwas von den vielen materiellen Dingen sein, die er besitzt? Petri wagt den in My Stuff – Was brauchst Du wirklich? (2013) dokumentierten Selbstversuch: Er lagert all seine Habseligkeiten ein und verspricht sich und der Welt, ein Jahr lang pro Tag nur jeweils einen Gegenstand wieder zurückzuholen.

Schon nach ein paar Tagen holt Petri tatsächlich nur noch alle paar Tage irgendwelche Sachen: Offenbar kann man ganz gut ohne materielle Dinge klarkommen. Dafür treten nun zwischenmenschliche Aspekte in Gestalt einer neuen Freundin in den Mittelpunkt, welche die Antworten auf die eingangs formulierte Frage geben.

Dazu hätte es allerdings nicht unbedingt eines Experiments bedurft, sondern nur den Gesprächen mit seiner lebensklugen Oma: „Sachen schaffen noch kein Zuhause. Das muss woanders herkommen.“(Stream bei Joyn plus: www.joyn.de).

Ein persönliches Steckenpferd von mir sind japanische Trickfilme. Wer sich jenseits aktueller Animes für die Anfänge dieser Kunst interessiert, ist auf einer glücklicherweise auf Englisch einsehbaren Seite des National Film Archive of Japan an der richtigen (Web-)Adresse: Japanese Animated Classics zeigt Filme aus der Sammlung des National Film Center, Tokyo – überwiegend aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

Interessant ist dabei vor allem, wie sehr manche Filme ihren amerikanischen Gegenstücken aus den 20ern ähneln – ein Stop-Motion-Werk um den Kater Felix (der auch tatsächlich so heißt) hätte in heutiger Zeit wohl so einige Rechtsanwälte beschäftigt.

Legenden, Fabeln, Propaganda

Doch es gibt thematisch auch andere Ansätze wie Legenden, Fabeln oder Propaganda für das aggressive Kaiserreich, sowie abstrakte Filme von Shigeji Ogino, die mit ihren bewegten geometrischen Formen der deutschen Avantgarde der Zeit ähnelt (Streams: www.animation.filmarchives.jp).

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Lars Penning, geboren 1962. Studium der Publizistik, Theaterwissenschaft und der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der FU Berlin. Freier Filmjournalist. Filmredakteur bei tipBerlin. Buchveröffentlichungen: Cameron Diaz (2001) und Julia Roberts (2003). Zahlreiche filmhistorische und –analytische Beiträge für verschiedene Publikationen. Lebt in Berlin.

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