Femen-Aktivistin über Protest

„Das sind nicht meine Brüste“

An Weihnachten sprang Josephine Witt auf den Altar des Kölner Doms und präsentierte ihre Brüste. Sie erzählt, warum sie das gemacht hat und was sie erreichen will.

Kann auch brav: Josephine Witt. Bild: Olaf Ballnus

taz: Frau Witt, würden Sie uns Ihre Brüste zeigen?

Josephine Witt: Nein. Die Brüste sind exklusiv für unseren Protest gedacht.

Die ganze Welt hat Weihnachten, als Sie auf dem Altar in Köln standen, auf Ihre Brüste geguckt. Wie fühlt sich das an?

Darüber habe ich so noch nie nachgedacht, weil ich mich im Protest nicht als Privatperson und schon gar nicht als Objekt sehe. Das sind nicht meine Brüste, die die ganze Welt sieht, sondern ich bin die Überbringerin des Protests. Es geht mir um eine feministische Strategie, die ich für clever halte.

Inwiefern clever?

Den Oberkörper frei zu machen, ist ein unmittelbarer Akt der Befreiung: „Hier ist mein bares Ich, unverfälscht und gewaltfrei.“ Wir reduzieren uns nur auf unser Frausein. Der nackte Oberkörper der Frau hat etwas sehr fruchtbares, sehr lebensspendendes. Zum Beispiel mein Protest gegen das Frauenbild der Kirche. Dass die Jungfrau das heiligste Dasein einer Frau sein könnte – das ist für uns sehr problematisch. Ich wollte das tabuisierte und stark sexualisierte Frauenbild dort zeigen. In meinem Glaubensbekenntnis heißt es: „Ich glaube an die freie selbstbestimmte Frau, Schöpferin der Menschheit auf Erden.“

21, bürgerlich: Markmann, ist seit 2013 bei Femen. Sie studiert in Hamburg Philosophie. Weihnachten 2013 sprang sie mit entblößtem Oberkörper im Kölner Dom auf den Altar und rief „I am God“. Zuvor hatte sie bereits mit Kolleginnen Angela Merkel und Wladimir Putin bei der Hannovermesse mit blanken Brüsten und der Aufschrift „Fuck Dictator“ erschreckt. Im April zeigte sie in Tunesien topless Solidarität mit der Femen-Aktivistin Amina Tyler und wurde dafür mehrere Wochen inhaftiert.

Und was haben Sie konkret im Dom erreicht?

Zunächst mal habe ich eine Anzeige wegen Störung der Religionsausübung bekommen. Das Strafmaß dafür beträgt bis zu drei Jahren. Drei Jahre! Ganz Deutschland regt sich darüber auf, dass Pussy Riot zwei Jahre ins Gefängnis kommen. Aber hier kann man für dasselbe Vergehen drei Jahre bekommen. Das ist wieder ein Zeichen dafür, dass Religion und Staat in diesem Land zu wenig getrennt sind. Man darf Grundrechtsverletzungen unter dem Deckmantel der freien Religionsausübung begehen. Denken Sie an die Beschneidung von kleinen Jungen. Das ist Körperverletzung.

Von Ihrem feministischen Glaubensbekenntnis habe ich nichts gelesen.

Ich habe es allen geschickt, die mich interviewt haben, aber kaum jemand hat es veröffentlicht.

Dann kommen von Ihren Botschaften nur die Brüste an, das Anliegen dahinter aber nicht.

Weihnachten in Köln. Bild: dpa

Das glaube ich nicht. Es stimmt, dass die Medien, gerade die Boulevardmedien, mit unseren Bildern machen, was sie wollen. Aber es gibt natürlich einen Unterschied zwischen den herkömmlichen Busenbildern und unseren. Jeder Mensch kann sehen, dass unsere Bilder nicht sexualisiert sind.

Bekommen Sie unangenehme Post, die Sie doch sexualisiert?

Kaum. Es herrscht bei vielen Männern ein eher väterlicher Ton. Was mich schockiert hat, waren die Mails von Frauen, die mir zu einer Brustvergrößerung rieten. Sie meinen, dass meine Brüste zu klein seien, um sie zu präsentieren.

„Unser Ziel ist der Sturz des Patriarchats“, haben Sie kürzlich gesagt. Was genau wollen Sie stürzen?

Wir kämpfen gegen Diktatur, Religion und Sexindustrie, und damit sind wir einzigartig. Wir sehen uns als Frauen, die sich freikämpfen und die zugleich andere Unterdrückungsmechanismen thematisieren, Diktatur zum Beispiel. Wir wollen über mehr sprechen als etwa über Abtreibung. Wir stellen Zusammenhänge her, die weltweite Ungerechtigkeiten zeigen. Wir wirken international. Die Brüste gelten dabei als Symbol der Befreiung, das alle Frauen verbindet.

Ich glaube an die freie, selbstbestimmte Frau, Schöpferin der Menschheit auf Erden. Und in der Unantastbarkeit ihres Körpers, in dem sie geboren ist, frei und gleich an Würde und Rechten. Sie wurde eine Gefangene in ihrem eigenen Körper, zur Sündigen erklärt von den Religionen, verhasst, verfolgt, verdammt, gejagt, gefoltert und verbrannt. Sie wird aus der Asche auferstehen und ihre ureigensten Rechte zurückerobern. Sie wird sich gegen den blutigen Terrorkult des Patriarchats wenden, und die verrotteten Eckpfeiler der alten Ethik untergraben.

Ich glaube an die Gleichheit aller Menschen, die Freiheit und die Würde aller Menschen, die Befreiung aus der bloßen Rolle der Metapher, an die Frau als Schöpferin und Kämpferin und die ewigen Rechte der Frauen. FEMEN

Und wie genau stellen Sie sich den „Sturz“ vor?

Das Ziel des Protests ist es erstmal die Masken runter zu reißen. Ich stehe auf dem Altar. Ich werde runtergeworfen, jemand gibt mir zwei Ohrfeigen. Ich falle auf den Boden, werde getreten, und von den, ach so friedlichen Priestern weggeschleift. So, sagen diese Bilder, das ist eure Gesellschaft. Und die Leute, die das sehen, gehen vielleicht doch auch wegen solcher Aktivistinnen wie Occupy, Pussy Riot oder eben uns auf die Straße.

Aber solche Protestformen verkommen doch sehr leicht zum Ritual. Am 1. Mai geht man raus, wirft ein paar Steine und fühlt sich revolutionär, weil die Polizei mit Gewalt reagiert. Daraus folgt überhaupt nichts.

Wir sind gewaltfrei. Wir fordern niemanden zur Gewalt auf.

Ach. Ihre Gründerin Alexandra Schewtschenko redet von Gewalt, davon, dass Männerblut fließen wird, dass Sie Soldatinnen einer Armee sind …

Das waren doch nur Scherze. Sie hat das der Zeit erzählt, und dabei gelacht. Der Journalist hat dann gedacht, dass es natürlich mehr knallt, wenn man das als Ernst präsentiert.

„Das Ziel ist das Matriarchat“, sagte Schewtschenko noch. Auch so ein Witz?

Ja, das war derselbe Kontext. Wir sind gegen jede Form von Unterdrückung. Geht die Unterdrückung von Frauen aus, ist das genauso schlecht. Mit einer Angela Merkel ist uns überhaupt nicht geholfen. Wir finden es sogar unerträglich, dass Feministinnen sie feiern, obwohl sie keine Frauenpolitik macht.

Und was fordern Sie konkret in Deutschland?

Vor allem muss das Betreuungsgeld weg. Wir sind für die Quote. Wir wollen dass die Sexindustrie diskutiert wird. Es ist skandalös, dass Hamburg mit Prostitution Werbung macht. Der Kauf von Sex ist eine Menschenrechtsverletzung, die millionenfach in Deutschland vorkommt.

Warum haben Sie mit dem KZ-Spruch „Arbeit macht frei“ gegen die Bordellmeile Herbertstraße in Hamburg protestiert?

Das war eine Provokation. Das Tor in der Herbertstraße ist 1933 von den Nazis errichtet worden. Frauen und Kinder dürfen seitdem die Herbertstraße nicht betreten. Wir wollen, dass dieses Nazi-Tor in Hamburg verschwindet. Es haben sich auch keine Holocaust-Opfer oder Angehörige bei uns gemeldet, die den Holocaust verharmlost sahen.

Viele Feministinnen wollen Prostituierte eher unterstützen, als ihnen das Leben noch schwerer zu machen.

Viele Frauen machen diese Arbeit nicht freiwillig. Der Körper ist keine Ware. Der Staat muss die Würde der Frau schützen.

Und Sie meinen, Prostituierte hätten keine Würde?

So, wie die Arbeit einer durchschnittlichen Prostituierten abläuft, ist sie entwürdigend.

Und wenn sie anders ablaufen würde, wäre sie nicht entwürdigend?

Ja. Dann wäre es vielleicht ein Ausbildungsberuf mit Stundensätzen wie die von Anwälten.

Aber dafür müssten Sie Prostitution regulieren und nicht verbieten, wie Femen das will.

Ja, aber das ist eine entfernte Vision. Im Moment ist es ein Geschäft mit Frauenkörpern. Das kritisieren wir.

Eine andere Gruppe fühlt sich von Ihnen angegriffen: die Musliminnen. Sie werfen Ihnen Rassismus vor, weil Sie so pauschal gegen den Islam wettern.

Zunächst haben wir uns einfach mit Amina Tyler solidarisiert. Sie hat in Tunesien topless demonstriert, und es gab Fatwas, die zu ihrer Steinigung aufriefen. Deshalb sind wir vor viele Moscheen gegangen.

Muslimische Feministinnen fühlen sich bevormundet.

Aber wir bevormunden niemanden. Es sind die Frauen aus muslimischen Ländern, die bei Femen mitmachen wollen. Hätte es Femen schon gegeben, als Frankreich die Burka verbot, wir hätten dagegen protestiert. Es ist offenbar einfacher, uns zu kritisieren, als mal nachzuschauen, warum solche Fatwas und solche Verhaftungen möglich sind. Wo war die Solidarität der Musliminnen mit Amina?

Amina hat sich von Femen distanziert. Wie kommt das?

Sie war in Tunesien isoliert. Die einzige Gruppe, die ihr half, eine kleine NGO, meinte, sie sei ohne eine Distanzierung in Tunesien nicht mehr sicher. Aber nun ist sie im Exil in Paris und braucht erstmal Ruhe.

Dürfen Männer noch bei Femen mitmachen?

Männer durften immer mitmachen.

Auch nach der Erfahrung mit Viktor Swjatski, der sich in Kiew prompt als Chef gerierte?

Viktor war älter und hatte als Politologe viel Know-how. Er hatte sehr viele Ideen, die er selbst nicht ausführen konnte, weil er eben nicht topless demonstrieren kann. Zeitweise hatte er deshalb viel Kontrolle.

Und die Frauen haben sich untergeordnet, weil man das in der Ukraine so macht. So ähnlich klang die Erklärung von Alexandra Schewtschenko.

Das war ein selbstkritischer Satz: Vielleicht haben wir das nicht früh genug erkannt, weil wir auch so aufgewachsen sind.

Darf auch eine kleine, dicke Frau, deren Brüste etwas hängen, bei Ihnen mitmachen?

Es hat zugegeben manchmal einen größeren Effekt, wenn Frauen aussehen wie Sexobjekte und dann dieses Bild durch ihren Protest unterlaufen und als selbstbestimmte rebellierende Frauen auftreten. So ist beim Barbie-Dreamhouse-Protest mit Klara jemand aufgetreten, die selbst „Blondine“ ist. Aber es gab auch schon eine über 60-jährige Frau oder eine, die sicher als übergewichtig wahrgenommen wird, im Zentrum eines Protestes. Wir sehen alle sehr unterschiedlich aus. Jede ist willkommen!

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