Fehlende Repräsentanz Süditaliens: Die Spiele des Nordens
Im italienischen Kader standen fast nur Norditaliener:innen, Winterolympia ist in der Südhälfte eher egal. Das ist auch eine Klassenfrage.
Vor vielen Jahren kam es in der süditalienischen Provinz Apulien zu einem denkwürdigen Ereignis, so erzählen es die Älteren. Ausgerechnet während der Olympischen Winterspiele fiel dort, an der warmen Südspitze des Stiefels, tatsächlich Schnee. Es schneite so stark wie selten. Und da begannen die Kinder vor Ort, die olympischen Disziplinen nachzuspielen. Eine wahrhaftige Begeisterung um Winterolympia sei damals entstanden. Diese weit entfernten weißen Winterlandschaften wurden nachfühlbar, anfassbar.
Angehalten, klar, hat der Hype nicht. Auch zu diesen Winterspielen war Italien, wo angesichts des Medaillenrauschs so oft die nationale Einheit beschworen wurde, wieder ein geteiltes Land. Bereits in Rom, so etwa die SZ, hielt sich das Interesse an Winterolympia arg in Grenzen. Und Ende Januar wussten laut einer italienischen Umfrage 87 Prozent der Menschen im Norden über die Spiele Bescheid, 83 Prozent in Mittelitalien – und 74 Prozent im Süden.
Die Gleichgültigkeit hat natürlich nicht nur mit dem Erleben von Schnee zu tun, sondern auch mit Strukturen. Es gibt in Süditalien keine Hochleistungszentren für Wintersport – wieso auch, wenn die Winter vielerorts über zehn Grad bleiben und die Saison in den wenigen Skigebieten kurz ist? Gewiss, technisch ist alles möglich, auch Saudi-Arabien hat Eislaufbahnen und Skihallen. Aber energetisch ist das keine tolle Idee, und Investments in den Süden überlegt man sich eh dreimal. Also muss, wer es im Wintersport zu was bringen will, in den Norden.
Italiens Olympiakader war eine norditalienische Auswahl, allein 49 der 196 Athlet:innen kamen aus Südtirol. Die Zahl der Athlet:innen südlich von Rom war so gering, dass es in regionalen Medien manchmal zu bizarren Verrenkungen kam. In Kalabrien beispielsweise wurde Eishockeytorhüterin Gabriella Durante als Lokalmatadorin gefeiert. Die ist zwar im kanadischen Calgary geboren, aber ein Großelternpaar stammte aus Kalabrien. Sie trage „ein kleines Stück Kalabrien aufs Eis“, schwärmte der Regionalsender LaC. Es kann im Süden mühsam sein, Bindung zu den Spielen zu schaffen.
Hunderte Kilometer gependelt
Die wenigen Athlet:innen, die tatsächlich von dort stammen, haben einen harten Weg hinter sich. So wie eine der Heldinnen dieser Spiele, Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida, die aus der Nähe von Rom kommt. Lollobrigida war eigentlich Inline-Speedskaterin, zwischen 2012 und 2019 wurde sie 15-fache Weltmeisterin und gewann 34 WM-Medaillen. Erst mit 15 Jahren hat sie mit Eisschnelllauf angefangen, inspiriert durch die Winterspiele in Turin. Dafür fuhr ihr Vater sie am Wochenende mehrere hundert Kilometer nach Norden ins Trainingszentrum für Eisschnelllauf.
Die teure Pendelei hat sich gelohnt: Bei den Spielen nahm Lollobrigida zwei Goldmedaillen mit nach Hause. Mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm beim TV-Interview stieß sie zudem eine Debatte über Spitzensport und Mutterschaft in Italien an. Eine weitere erfolgreiche Frau aus dem Süden ist die erst 16-jährige Skirennläuferin Giada d'Antonio aus Neapel. Deren Spiele waren es nicht, sie schied erst beim Team-Event aus und zog sich dann einen Kreuzbandriss zu. Manche kritisierten, sie sei zu früh hochgezogen worden. Sie gilt als Supertalent. Doch in Neapel war diese Karriere nicht möglich. D'Antonio zog mit ihrer Mutter für den Olympiatraum nach Norditalien.
Tod auf der Baustelle
Es kann also niemanden verwundern, dass in der prekäreren südlichen Hälfte des Stiefels, wo Wintersportkarrieren neben logistischen Gründen ohnehin für viele finanziell illusorisch sind, die Olympischen Winterspiele eher wenig Emotionen weckten. Sinnbildlich für den Nord-Süd-Klassenunterschied war vielleicht der Fall eines Wachmanns am Eisstadion in Cortina im Vorfeld der Spiele. Der Mann starb bei einer Nachtschicht an einem Herzinfarkt, er arbeitete unter menschenunwürdigen Bedingungen.
Die Zeitung La Repubblica berichtet von Schichten von mehr als 12 Stunden, bis zu 84 Stunden pro Woche bei einem Stundenlohn von zehn Euro und ohne bezahlte Krankheitstage. In der Nacht seines Todes waren es -12 Grad. Er hatte schon länger über die Kälte geklagt. Gegen den Chef der Sicherheitsfirma wird nun wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Der verstorbene Wachmann kam für den Job aus dem Süden, aus dem apulischen Brindisi. Ein Zufall, aber ein symbolträchtiger.
Neue Talente
Und doch ändert sich vielleicht gerade wirklich was an der Repräsentanz im Wintersport, auf verquere Art und Weise. Die Agentur Reuters berichtet, dass die privaten Kosten pro Jahr für ein mittelklassiges 16-jähriges Skitalent in Italien mittlerweile bei 20.000 Euro lägen. Finanzielle Unterstützung gebe es vor der Berufung in den Nationalkader weder vom Verband noch von den Skiklubs. Das führe dazu, dass immer weniger Talente aus den traditionellen Wintersportregionen stammten und mehr aus privilegierten Familien in Großstädten. Auch und zunehmend aus dem Süden – so wie Giada d'Antonio.
Vielleicht wird der Süden also künftig wirklich sichtbarer sein. Zumindest die Wohlhabenden. Für alle anderen werden reale Erfahrungen mit Schnee immer weniger. In Apulien etwa haben sich die Winter durch den Klimakollaps noch einmal deutlich erwärmt. Die meisten Kinder dort kennen keinen Schnee mehr.
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