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Familiendrama „Wir glauben euch“Ihre Augen und Mimik sind wie ein Buch

„Wir glauben euch“ von Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys inszeniert einen Sorgerechtsstreit in Echtzeit. Der Film zeigt eine Familie im Ausnahmezustand.

Gesichter in Großaufnahmen einfangen: Alice Piron (Myriem Akheddiou) und M. Goossens (Laurent Capelluto) in „Wir glauben euch“ Foto: eksystent

Wahrhaftigkeit ist die Währung, der das naturalistisch gedachte Kino nachjagt. Es sucht nach „echten“ Momenten, nach kinematografischen Wirklichkeitssplittern, die durch Authentizität – in der Bewegtbildkunst ohnehin ein schwieriger Begriff – nahegehen. Die Idee eines Wirklichkeitskinos atmet auch Charlotte Devillers' und Arnaud Dufeys' Debüt „Wir glauben euch“ in jeder Sekunde und schmettert sie in meisterlicher filmischer Konzentration in gerade einmal 78 Minuten auf die Leinwand.

Das belgische Drama, das seine Premiere in der Debütfilm-Sektion Perspectives auf der Berlinale feierte und etliche Preise gewann, hangelt sich in drei atemlosen Akten um einen Kampf, buchstäblich: Die 40-jährige Alice (Myriem Akheddiou) will vor Gericht gegen den Vater (Laurent Capelluto) das alleinige Sorgerecht für ihre Kinder durchsetzen – die Gründe dafür, das legt der vielschichtige Film Schicht um Schicht frei, sind markerschütternd.

„Wir glauben euch“ beginnt auf der Straße. Gefilmt in quadratisch engen Bildern, in denen die immer wieder in Großaufnahmen eingefangenen Gesichter zum narrativen Geigerzähler der Ereignisse werden, versucht Alice ihren Sohn Etienne (Ulysse Goffin) in die Straßenbahn zu verfrachten. Der Zehnjährige wirft sich auf den Boden und will partout nicht einsteigen, erst seine punkige Teenager-Schwester Lila (Adele Pinckears) dringt zu ihm durch.

Der Film

„Wir glauben euch“. Regie: Charlotte Devillers, Arnaud Dufeys. Mit Myriem Akheddiou, Laurent Capelluto u.a. Belgien 2025, 78 Min.

In dem sterilen, kalten Gerichtsgebäude dann verschiedene Schocks. Der Vater, gegen den parallel noch ein Strafverfahren läuft, wie später herauskommt, sitzt mit seiner Anwältin im Warteraum. Und dass, obwohl Etienne die Richterin schriftlich gebeten hat, ihm nicht begegnen zu müssen. Wenig später dann werden ihre Kinder, ohne dass sie darüber Bescheid wusste, isoliert von einem vom Gericht gestellten Anwalt befragt. Die Trennung löst bei Alice einen hysterisch wirkenden Ausbruch aus.

Den Kindern nicht gerecht werden

Was im zweiten, zentralen Akt folgt, ist eine Lehrstunde in filmischer Verdichtung. Über 55 Minuten folgt die Kamera dem Verfahren und den verschiedenen Monologen der Anwesenden. Gedreht wurde in Echtzeit in einem einzigen Take mit drei Kameras, die durch eine Montagechoreografie der sprechenden und vor allem der schweigend zuhörenden Gesichter eine unfassbare Intensität erzeugen. Die An­wäl­t:in­nen sind echt und haben nie zuvor vor Kameras gespielt.

Die junge Anwältin kämpft für das Umgangsrecht des Vaters und zeichnet Alice als psychisch und physisch labile Frau, die den Kindern nicht gerecht werden kann, sie von der Welt abschneidet und, wie sie sagt, in einen Kokon steckt. Es folgen Aussagen des Kinderanwalts, von Alices Anwältin, dem Kindsvater und schließlich von Alice selbst.

Alles spitzt sich auf die Aussage der Mutter zu, die zuvor mit sichtlicher Anstrengung um Fassung ringen musste. Myriem Akheddiou spielt diese Frau mit unfassbarer emotionaler Vulnerabilität bei gleichzeitigem Kampfgeist, dass einem der Atem stockt – echter kann sich Schauspiel nicht anfühlen. Ihre Augen und ihre Mimik sind ein Buch, in dem sich Abgründe und Traumata auftun. Im dritten Akt schließlich verlässt die Familie das Gebäude, auch hier kommt es zu einem Übergriff.

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Trailer „Wir glauben euch“

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„Wir glauben euch“ wird durchweg begleitet von einer beklemmenden Anspannung. In diesem Modus erzählt das Regieduo nach eigenem Drehbuch von einer Familie im Ausnahmezustand und von den Mühlen eines Justizsystems, das hinterfragt und dabei alles andere als rücksichtsvoll mit denjenigen umgeht, die sich selbst nicht schützen können. Geschickt verschiebt der Film das Bild der Gesamtsituation von Aussage zu Aussage, setzt es neu zusammen und macht die Zuschauenden, ohne falsch zu moralisieren, zu Komplizen. Ja, wir glauben euch!

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