FIND-Festival an der Berliner Schaubühne: Scheiß auf die Nachhaltigkeit

Radikal-Performerin Angélica Liddell hält nichts von MeToo oder Fridays for Future. Fraglich, ob es derzeit einen Abend braucht, der das Patriarchat feiert.

Eine Frau im dunklen Kleid hängt sich an die Hörner eines Stiers

Wagners „Tristan und Isolde“-Mythos trifft Liddells „Liebestod“ auf spanischen Stierkampf Foto: Christophe Reynaud de Lage

Das gab es in Berlin schon lange nicht mehr: Zuschauer, die aus dem Saal getragen werden, weil sie beim Blick auf die Bühne ohnmächtig geworden sind. Begleitet von solchen, die demonstrativ (auf eigenen Beinen) den Saal verlassen. Dabei hatte Angélica Liddell nur wiederholt, was sie schon vor zehn Jahren exerziert hat: In Trauerflor sitzt sie mit Rotwein und Weißbrot am Tisch und zelebriert ihre persönliche Messe – sie ritzt sich mit Rasierklingen in die Beine, saugt ihr Blut mit dem Brot auf und verspeist es.

Mit Liddell könnte man sagen: Angesichts des unmessbaren Leids in der Welt, das wir alle täglich tolerieren, wirkt eine Ohnmacht wegen ein paar Tropfen Blut zynisch – aber was soll man machen, wenn der Kreislauf versagt …

Kaum anzunehmen, dass das Publikum nicht weiß, worauf es sich einlässt: Liddell ist zum mindestens vierten Mal an der Schaubühne zu Gast, und auch die Berliner Festspiele hatten ihr 2015 einen Schwerpunkt beim Festival „Foreign Affairs“ gewidmet. Beim FIND-Festival 2018 zeigte sie einen ihrer fulminantesten Abende.

Masturbation mit Oktopus

Damals nahm sie einen französischen Kannibalen, der in den 1980er Jahren ein Mädchen getötet und gegessen hatte, als Vorlage, um die totale Hingabe und das scheinbar personifizierte Böse zu feiern. Acht nackte junge Frauen masturbierten in einem animalischen Veitstanz mit toten Oktopussen – deren Gestank trieb auch damals einige Menschen aus dem Saal.

Ihre neue Arbeit „Liebestod“, uraufgeführt im Sommer in Avignon, widmet sich da vergleichsweise zarten Stoffen: dem Wagner’schen „Tristan und Isolde“-Mythos und dem spanischen Stierkampf. Doch auch hier geht es um nichts weniger als die Sehnsucht nach absoluter Verschmelzung – und, angelehnt an ihren „Auferstehungszyklus“ 2014/15, nach Transzendenz und Spiritualität.

Diesmal steht ihr der berüchtigte Torero Juan Belmonte Pate, der den Stierkampf als religiösen Akt begriff und 1.650 Tiere in der Arena tötete – bevor er sich nach seiner Karriere selbst das Leben nahm.

Liddell wechselt vom Trauerkleid ins Brautkleid in die Torero-Hosen, wünscht sich vom ausgestopften Stier auf der Bühne die Vergewaltigung, schwenkt den Weihrauch und zelebriert den Abend als orthodoxe Messe, als Pieta und Trauerfeier.

Abgesang auf die eigene Kunst

Ein Abgesang auf ihre eigene Kunst, die sich aus mythologischen Quellen speist, sich von Extremkünstlern wie Caravaggio und Artaud leiten lässt, Schönheit, bedingungslose Liebe, besinnungsloses Begehren und die Freiheit der Kunst feiert. Ein Hohelied auf das Anti-Rationale und Anti-Moralische, bei der die Publikumsbeschimpfung nicht fehlen darf.

Die Gefühllosigkeit, Gleichgültigkeit, Gottlosigkeit klagt Liddell an – und all jene Künstler, die wie „Beamte, Statisten, Techniker“ auf ihre „rechtlichen Ansprüche“ pochen, all jene Zuschauer, die einen „Pasolini ohne Pasolini“ wollen, einen „Genet ohne Genet“. Auch die Fridays-for-Future-Generation kriegt ihr Fett weg: „Eisig, scheinheilig, geizig und umweltbewusst würzen sie punktgenau ihren nachhaltigen Durchfall. Scheiß auf die Nachhaltigkeit.“

Die Performance „The Scarlet Letter“ spielt auf den Roman von Nathaniel Hawthorne an Foto: Bruno Simao

Liddell beschwört die Theokratie, die überrationalisierte Welt habe die Menschen zu Idioten gemacht. Ihre Worte sind voller Poesie und Furor – die Spanierin speit sie heraus wie ein Vulkan seine kochende Lava. Sie ist eine Sprachkünstlerin sondergleichen, absolute Ausnahmeerscheinung in einem Kunstbetrieb, der es allen recht machen will.

Ihr Ziel ist nicht Provokation – und doch darf man sich von der zweiten Festivaleinladung provoziert fühlen: „The Scarlet Letter“ spielt auf Nathaniel Hawthornes Roman an, der die Prüderie der Gesellschaft um 1850 beklagt. Die Inszenierung ist nicht deshalb provokant, weil einer der zehn nackten Männer der Performerin demonstrativ einen Finger in die Vagina schiebt oder sie den Penis eines anderen genussvoll in den Mund nimmt.

Loblied auf den Mann als solchen

Sondern weil Liddell das Loblied auf den Mann als solchen singt, dem sie bis in alle Ewigkeit die Füße küssen möchte – während sie alle Frauen verbannen will. Jenseits der 40 würden Frauen zu überheblichen „Männerhasserinnen“, die sagen: „Was früher kein Verbrechen war, ist heute eins.“

Damit erteilt Liddell der MeToo-Bewegung, es war nicht anders zu erwarten, eine vehemente Absage. Viele Zuschauerinnen lachen, wenn Liddell die Männerwelt preist – doch ob tatsächlich Ironie im Spiel ist, darf man bezweifeln. Später tanzt sie in einer kryptischen Szene mit Affengebärden um einen nackten schwarzen Mann und besingt seine „schwarze Seele“ – was immer das bedeuten soll.

Letztlich fordert die Künstlerin in „Scarlet Letter“ einmal mehr unbedingtes Begehren, das sich keine Regeln auferlegen lässt. Fraglich nur, ob es derzeit wirklich einen Abend braucht, der Patriarchat und Heterosexualität als das einzig Wahre feiert.

Doch auch wenn manches in diesen beiden Inszenierungen daneben ist (außerdem weniger opulent und spielfreudig als die unvergessliche Oktopus-Sause), zudem natürlich Wasser auf die Mühlen all jener Männer, die immer noch nicht verstehen, warum eine patriarchale Gesellschaft ein Problem sein könnte – Liddell ist und bleibt ein so furioses wie notwendiges Korrektiv für ein Theater, in dem sich die lauwarme Besserwisserkunst brav darauf zurückzieht, auf der moralisch und politisch richtigen Seite zu stehen.

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