Extinction Rebellion in Dresden

Alle fühlen sich wohl

Mehr als 30 junge Menschen beteiligen sich am Mittwoch bei einer Klimaschutz-Aktion in Dresden. Hierarchien gibt es keine, alles wird im Plenum besprochen.

Bei der Aktion von Extinction Rebellion liegen mehrere junge Menschen in Dresden auf dem Boden

Auch die Protestform „Die-In“ haben die jungen Demonstrant*innen am Mittwochabend gemacht Foto: Pia Stendera

DRESDEN taz | Am Mittwochnachmittag brennt die Sonne auf den Vorplatz des Dresdner Kulturpalastes. Am Brunnen, der an diesem Tag kein Wasser spuckt, steht eine Gruppe junger Menschen. Sie gehören zur Klimabewegung Extinction Rebellion. Ihre heutige Mission: „Swarming“, Ausschwärmen. Kira, ein junges Mädchen mit Zopf und in Blumentop und Rock erklärt der Gruppe, was es damit auf sich hat: Sieben Minuten lang soll der Autoverkehr aufgehalten werden.

Wer radikale Blockaden erwartet, wird enttäuscht. Da der Kampf gegen den Klimawandel keine individuelle, sondern eine Veränderung im System brauche, werden Autofahrende mit selbstgebackenem Kuchen besänftigt und „herzlich eingeladen“ sich der Bewegung anzuschließen.

Faltblätter aus Recyclingpapier erklären ihre Forderungen: Den Ausruf des ökologischen Notstands, null CO-Emissionen bis 2025 und eine sozialverträgliche Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen.

Ihre Kapitalismuskritik, aber auch die Aktionsformen und die offenere Entscheidungsfindung reichten über Fridays for Future hinaus, erklären vier SchülerInnen, während Sonnencreme verteilt wird. Neben ihnen macht ein Junge Yogaübungen – er ist der „Polizeibeauftragte“. Kira ist Koordinatorin für den Ablauf des Nachmittags.

Sechs Wochen im Osten: Vor der Landtagswahl in Sachsen am 1. September 2019 war die taz in Dresden. Seit dem 22. Juli waren wir mit einer eigenen Redaktion vor Ort. Auch in Brandenburg und Thüringen sind bzw. waren wir vor den Landtagswahlen mit unserem #tazost-Schwerpunkt ganz nah dran – auf taz.de, bei Instagram, Facebook und Periscope. Über ihre neuesten Erlebnisse schreiben und sprechen unsere Journalist*innen im Ostblog und im Ostcast. Begleitend zur Berichterstattung gibt es taz Gespräche in Frankfurt (Oder), Dresden, Wurzen und Grimma. Alle Infos zur taz Ost finden Sie auf taz.de/ost.

Hierarchien gibt es nicht. In Arbeitsgruppen werden Stimmungsbilder erhoben. Nach einer ersten Swarming-Runde, die neben Hupen der AutofahrerInnen und schüchternem Gesang der der KlimaschützerInnnen – „We float the streets with justice“ – ruhig abläuft, ist wieder Plenum.

Ihre erste Aktion feiern alle Beteiligten mit zustimmenden Handzeichen, danach wird wieder gesungen. Der Plan, nun eine Hauptverkehrsstraße zu blockieren, wird verworfen. Auf der ruhigeren Straße zwischen zwei Fußgängerzonen hätten sich alle wohlgefühlt, also wird hier auch die zweite Blockaderunde eingeleitet, sagt Kira.

Die Polizei ist verwirrt

In der Zwischenzeit sind die pink gekleideten TrommlerInnen der Gruppe „Rythms of Resistance“ gekommen. PassantInnen applaudieren, im Hintergrund kommen sechs Mannschaftswagen angefahren. Ob der Applaus der Blockade oder der Trommlergruppe gilt, bleibt unklar.

Die Polizei ist verwirrt, wohl weil ihre Mannschaftsstärke eine Eins-zu-eins-Betreuung der rund dreißig Beteiligten zuließe. Die Polizei fragt, ob die Klimaschützer nun eine Demo anmelden wollen. Doch auch das wollen die DemonstrantInnen erstmal im Plenum beraten, wie sie der Polizei freundlich mitteilen und sich artig bei ihr bedanken. Der Grundsatz „alle sind willkommen, so wie sie sind“ scheint auch für die Polizei zu gelten.

Das Plenum, der Polizeibeauftragte, der inzwischen kein Yoga mehr macht, und die Polizei einigen sich auf die Anmeldung einer Spontandemonstration. Der Anregung der Polizei, diese auf die Fußwege der Dresdner Altstadt zu beschränken, kommen die KlimaschützerInnen bereitwillig nach. Als sie zum Schluss auf dem Schlossplatz einlaufen, singt eine Straßenmusikantin Puccinis Arie „O mio babbino caro“.

Die KlimaschützerInnen klatschen begeistert, dann ziehen sie sich zum Biertrinken der „Regenerations-AG“ zurück. Die will wissen, wie sich alle bei der Aktion gefühlt haben. Kira ist zufrieden: Swarming, Die-In, Demo – „alle Aktionsformen an einem Tag geschafft“, sagt sie.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben