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Explodierende PflegekostenEs muss uns alle kümmern

Eva Fischer

Kommentar von

Eva Fischer

Die Pflegekosten in Deutschland steigen und steigen. Nur: Viele Menschen interessieren sich gar nicht dafür. Das beeinflusst die politische Agenda.

Pflegeheime können sich nur sehr Wohlhabende leisten. Beim Rest der Bevölkerung müssen meist die Frauen ran Foto: Marijan Murat/dpa

M enschen tendieren dazu, Unangenehmes vor sich herzuschieben oder es einfach zu ignorieren. Dafür können wir nur bedingt etwas: Unser Gehirn ist stark darauf ausgerichtet, unangenehme Gefühle zu vermeiden. Pflege ist so ein unangenehmes Gefühl. Wir empfinden es als existenziell bedrohlich, weil wir dadurch mit unserem eigenen Verfall konfrontiert sind.

Unabhängig davon ist es ein Thema, das für die meisten Menschen weit weg ist. Unser Gehirn ist nämlich nicht gut darin, sich zukünftige Situationen und Bedürfnisse realistisch auszumalen – und je weiter weg sie in der Zukunft liegen, desto schwieriger fällt es uns. Nur: Pflege ist eins der größten sozialpolitischen Probleme unserer Zeit. Eins, das wir nicht einfach ignorieren dürfen. Das macht aktuell eine Auswertung des Verbands der Ersatzkassen deutlich, die Pflege in einem Heim ist erneut teurer geworden. Für das erste Jahr in einer Einrichtung werden für Pflegebedürftige im bundesweiten Schnitt 3.245 Euro pro Monat fällig. 261 Euro mehr als im Vorjahr.

Von diesen Kosten übernimmt die Pflegeversicherung nur einen Teil. Der Eigenanteil liegt bundesweit bei 1.982 Euro. Das übersteigt sowohl eine in Deutschland durchschnittlich ausgezahlte Rente als auch die fiktive Rente von rund 1.800 Euro, die bei einem Durchschnittsgehalt nach 45 Beitragsjahren ausgezahlt wird. Das wirft die Frage auf, wer das bezahlen kann. Können es sich in der Zukunft nur noch sehr Vermögende erlauben, in einem Pflegeheim unterzukommen?

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Die sozialen Auswirkungen der hohen Pflegekosten sind bereits heute immens, sie sind unter anderem auch ein Faktor für fortlaufende Geschlechterungerechtigkeit. Durch die hohen Kosten wird Pflege ins Private gedrängt, es sind in der Regel Frauen, die sich kümmern. Die Kosten gehen ans Ersparte der Mittelschicht und tragen so zu einer weiteren Vermögensungleichverteilung bei. Damit können Po­li­ti­ke­r:in­nen natürlich nicht punkten, sodass Pflege keine Priorität auf der politischen Agenda hat. Aber Pflege muss ein großes Thema werden – politisch und privat. Denn es muss etwas passieren.

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Eva Fischer
Chefin vom Dienst
Jahrgang 1989; seit Anfang 2025 bei der taz, derzeit als Nachrichtenchefin und Chefin vom Dienst bei taz.de. Vorherige Stationen: u.a. EU-Korrespondentin in Brüssel beim Handelsblatt, Redakteurin für Internationale Politik beim Tagesspiegel, Redakteurin bei der ZDF-Talkshow "Markus Lanz". Wirtschaftspsychologie-Studium mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie und dem Nebenfach Politikwissenschaft, Besuch der Holtzbrinck-Journalistenschule, gelernte Medienkauffrau Digital und Print beim Spiegel-Verlag.
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