Experte der Straffälligenhilfe über Haft: „Viele Menschen werden ins Nichts entlassen“
Der deutsche Strafvollzug soll Menschen auf ein Leben nach der Haft vorbereiten. Oft fehlt es jedoch an Personal und Strukturen, sagt Hartmut Kahle.
Foto: Christian Charisius/dpa
taz: Hartmut Kahle, wie ist in Deutschland ein Leben hinter Gittern?
Hartmut Kahle: Das Leben im Vollzug ist jeden Tag gleich. Und es ist weitgehend fremdbestimmt. Fast jeder Gefangenen steht unter Dauerstress. Das liegt natürlich zunächst am Freiheitsentzug an sich – die vielen Stunden allein. Das macht etwas mit einem. Hinzu kommen bei vielen Insassen psychische Erkrankungen und belastende Haftbedingungen. Vielerorts fehlt es an Personal und an einer ausreichenden Gesundheitsversorgung.
taz: In 10 der 16 Bundesländer sind Gefängnisse derzeit voll- oder überbelegt.
Kahle: Ja. Gerade für Menschen mit psychischen oder Suchterkrankungen ist es dann schwer, Hilfsangebote überhaupt wahrnehmen zu können. Ein großes Problem ist zudem, dass man zwischen zwei Systemen hin- und hergerissen ist. Da sind zunächst die Regeln der JVA, dem formellen System. Und gleichzeitig gelten die Regeln einer ganz eigenen Subkultur. Man ist in Kontakt mit Gefangenen, die glauben, dass der Flur ihnen gehört. Es kommt immer wieder zu Gewalt. Man braucht eine starke Resilienz, um im Strafvollzug angepasst funktionieren zu können. Gerade wenn man psychisch erkrankt ist oder Suchtdruck hat, kann das aber schwierig sein.
taz: Resozialisierung ist ja ein gesetzlich verankertes Ziel des Strafvollzugs, aber bereiten Gefängnisse in Deutschland auf ein Leben nach der Haft vor?
Kahle: Zunächst stellt sich doch die Frage: Fördert Haft den Ausstieg aus der Kriminalität? Die kriminologische Forschung zeigt, dass dieser Prozess durch die Inhaftierung oft eher verzögert wird. Ein erheblicher Teil der Menschen sitzt die Zeit ab und wird unter Umständen unbehandelt und ohne Perspektive entlassen. Die eigentliche Arbeit fängt oft erst nach der Entlassung an, etwa in der Straffälligenhilfe. Wie gut die Vorbereitung im Vollzug gelingt, hängt stark von den örtlichen Bedingungen ab.
taz: Inwiefern?
Kahle: Ein vernünftiges Übergangsmanagement stellt den deutschen Strafvollzug vielerorts noch vor erhebliche Herausforderungen. Viele Menschen werden im wahrsten Sinne des Wortes ins Nichts entlassen: kein soziales Netz, keine Wohnung, kein Job. Sie sind zunächst nicht krankenversichert und nicht im Leistungsbezug. Und gesellschaftlich erleben sie viel Stigmatisierung. Ohne gute Unterstützungsangebote kann man kaum einen Job oder eine Wohnung finden. Aber dass man Unterstützung annehmen kann, muss man aber auch erst wissen und lernen.
taz: Was ist das Ziel der freien Straffälligenhilfe?
Kahle: Menschen verlernen im Gefängnis ein Stück weit, wie das Leben in Freiheit funktioniert. Unser Ziel ist es, ihnen dabei zu helfen, Selbstbestimmung zurückzuerlangen. Was es dafür braucht, sind ganzheitliche Unterstützungsstrukturen: von der Begleitung zum Jobcenter über Suchthilfegruppen bis hin zu stationären Therapieplätzen. Ganz wichtig sind zudem unsere Wohnprojekte und niedrigschwellige Beschäftigungsstrukturen.
taz: Sie selbst waren auch eine Zeit lang im Vollzug. Heute arbeiten Sie als sogenannter Experte aus Erfahrung mit Straffälligen. Wie kam es dazu?
Kahle: Ich hatte eine schwere Suchterkrankung, war mehrfach in Haft und bin immer wieder rückfällig geworden. Während meiner Therapie ist dann ein solcher Experte aus Erfahrung auf mich zugekommen, der seit vielen Jahren abstinent war. Er hat mich ermutigt, dass ich den Ausstieg auch schaffen kann.
Aktionstag Gefängnis
„Hinter Gittern und danach? Den Folgen von Inhaftierung auf der Spur“, 5.11., 12 bis 15 Uhr, am Infostand von Hoppenbank am Bremer Domshof können Besucher*innen per Kopfhörer zuhören, wie Menschen über ihr Leben in der Haft berichten.
taz: Das scheint ja geklappt zu haben.
Kahle: Ja. Heute bin ich Teil eines Teams, das genau diese Übersetzungsarbeit leistet, zwischen der Lebenswelt ehemals Inhaftierter und dem Hilfesystem. Ich bin dafür da, Vertrauen herzustellen und Hoffnung zu geben. Für den Ausstieg aus der Kriminalität ist das Gefühl entscheidend, gebraucht zu werden und Teil von etwas zu sein. Aber damit Menschen diese Erfahrung machen können, braucht es auch eine Gesellschaft, die die entsprechenden finanziellen und personellen Mittel bereitstellt.
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