Ex-US-Basketballer über das Hierbleiben: „Und auf einmal war ich Deutscher“

Wilbert Olinde kam als Basketballer nach Göttingen. Aus seinem Plan, eine Saison zu bleiben, ist nach und nach eine Entscheidung fürs Leben geworden.

Wilbert Olinde steht auf seinem Balkon in Hamburg

Gab 1983 seine US-amerikanische Staatsbürgerschaft auf: Wilbert Olinde Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Olinde, was haben Sie heute gefrühstückt?

Wilbert Olinde: Oh, sehr deutsch! Obwohl? Heute hatte ich Müsli, Joghurt und Obst. Sonst esse ich oft morgens Brot und Käse. So was habe ich früher nie gegessen.

Früher heißt: Als sie 1977 zum Basketballspielen aus San Diego nach Göttingen kamen?

Ja, ich bin mit Cereals und Milch aufgewachsen, mit Eiern und Bacon und Biscuits. Dann kam ich hierher und da waren diese Brötchen. Wenige Tage, nachdem ich hier angekommen war, kam die Mannschaft zu mir. Ich hatte es noch nie erlebt, dass Leute unangemeldet zum Frühstück vorbeikamen.

Die ganze Bundesliga-Mannschaft vom SSC Göttingen stand da morgens einfach bei Ihnen auf der Matte?

Ja genau! Das war in meiner ersten Woche in Göttingen und die haben alles mitgebracht. Brötchen, Marmelade, Wurst und auch Mett, aber ich konnte mir nicht vorstellen, rohes Fleisch zu essen. Die meinten zwar, es ist in Ordnung, aber ich hab das erst Jahre später probiert. Aber das ist nicht so meins.

Wie war denn der erste Tag hier? Sie waren 22 Jahre alt und wirklich weit weg von zu Hause.

Auf der Fahrt vom Flughafen haben sie uns erzählt, es war noch ein anderer Deutsch-Amerikaner dabei, ihr bekommt jetzt eine Wohnung in einem Haus und dieses Haus soll in zwei Jahren abgerissen werden. Aber es war dann ganz nett, nur alles anders.

Wie anders?

Anders als ich es kannte. Das fing schon mit dem Badezimmer an, da war ein Boiler. Man musste das Wasser heiß machen, wenn man es brauchte! Und sie haben uns ein halbes Hähnchen in einer Plastiktüte in den Kühlschrank getan, ich weiß noch, dass wir das nach zweieinhalb Wochen weggeschmissen haben, weil keiner von uns was damit anfangen konnte.

Wie viel Zeit hatten Sie vom Moment, in dem Sie sich entschieden haben, eine Saison in Göttingen Basketball zu spielen, bis zum Abflug?

So sechs Wochen? Mehr nicht. Und in der Zwischenzeit musste ich noch einige Dinge in Bewegung bringen. Einen Pass beantragen zum Beispiel.

Sie hatten keinen?

Wofür? Ich hatte noch nie die USA verlassen, ich hatte kaum Kalifornien verlassen. Und ich wusste, es wird Winter in Deutschland, also habe ich noch Klamotten gekauft für die kalte Zeit. Das gab es in Südkalifornien nicht, Jahreszeiten. Ich habe im Winter 1977/78 das erste Mal im Schnee gesehen.

Sie wurden hier als der US-Star angekündigt, ein Star waren Sie aber gar nicht, oder?

Sagen wir, noch nicht so ein Topstar. Aber ich habe an der Uni von Kalifornien, an der UCLA, gespielt und da spielten nur die besten Spieler der USA. Bei der UCLA zu spielen ist wie für Bayern München zu spielen.

Und da kamen Sie zu dieser doch eher unprofessionellen Mannschaft nach Göttingen. Wussten Sie worauf Sie sich einlassen?

Nee, ich kam zum ersten Training und wir haben mit Gummibällen gespielt, ich glaube, ich hatte zuletzt vor fünf oder sechs Jahren mit Gummibällen gespielt. Alle spielten mit Lederbällen. In den USA haben wir vor 20.000 Leuten auf Parkett gespielt und hier war dieses Linolium mit Tausenden von Linien in den kleinen Hallen. Auch die Spieler waren nicht so weit, wie ich das gewohnt war.

Denkt man da nicht: Verdammt, was mache ich hier?

Ich bin mit der Einstellung gekommen: Ich bleibe ein Jahr und ich betrachte alles als ein Abenteuer. Ich wollte auch keine neuen USA finden, sondern sehen, wie Dinge woanders gemacht werden.

65, der frühere Profi-Basketballer ist in New Orleans geboren und lebt seit 1977 in Deutschland. Er spielte in der Bundesliga für Göttingen und musste seine aktive Karriere 1987 wegen einer Krebserkrankung aufgeben. Heute arbeitet der Volkswirt und Diplom-Kaufmann als Mentaltrainer. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Aber warum Göttingen?

Ich wollte Mathematik studieren und hatte gelesen, wenn Du Mathematik studieren willst, sollst Du Deutsch können, weil die großen Mathematiker Deutsche waren. Ich habe mit Spanisch aufgehört und in der zehnten, elften und zwölften Klasse Deutsch gelernt. Nach den vier Jahren Uni wollte ich ein Jahr nach Europa und dachte, am besten wäre Deutschland, weil ich die Sprache ja ein bisschen kannte. Dann kam das Angebot aus Göttingen für ein Jahr.

43 Jahre später sitzen wir in Hamburg auf Ihrem Balkon.

Ich wusste nach zwei Jahren schon, dass ich etwas länger bleiben will als eine Saison. Dass ich jetzt 43 Jahre später hier in Hamburg sitze, hätte ich nicht gedacht, ich dachte so fünf, acht, zehn Jahre oder so.

Der Vereinspräsident wollte Sie aber schon nach der ersten Saison loswerden. „Der Neger muss weg“, sagte er zu Ihrem Trainer, aber der hat sich für Sie stark gemacht. Wussten Sie damals, wie die Vereinsoberen über Sie gesprochen haben?

Das habe ich erst viel später erfahren. Mir wurde nur gesagt, du kannst bleiben, aber für weniger Geld.

500 Mark im Monat weniger.

Das war ein Drittel weniger, aber ich habe gesagt, okay, ich bleibe noch ein Jahr, um zu zeigen, ich kann das. In der ersten Saison sind wir fast abgestiegen und ich wollte nicht mit so einem Erlebnis aufhören. Ich wurde auch besser, das Team wurde besser. In der zweiten Saison waren wir im Pokalfinale und da dachte ich, ach, wir waren so knapp an der Meisterschaft vorbei, da kann ich jetzt nicht gehen. Im dritten Jahr waren wir zum ersten Mal deutscher Meister und dann kam meine Tochter und dann kamen immer wieder Sachen und auf einmal war ich Deutscher.

1983 haben Sie den deutschen Pass bekommen und den amerikanischen abgegeben. Warum wollten Sie das?

Es gab verschiedene Gründe. Ich habe hier schon mehrere Jahre gelebt, ich habe eine Tochter und ich dachte, ich kann dann richtig an dem Deutschsein teilnehmen. Und ich muss eben nicht mehr als Amerikaner, als Ausländer spielen, sondern als Deutscher und kann dann auch einen gewissen Druck abgeben.

Wie gucken Sie heute auf die aktuelle Situation in den USA?

Das macht mich sehr traurig, was da passiert. Die Menschen werden auseinander dividiert, das kann nicht klappen.

Denken Sie jetzt an US-Präsident Donald Trump?

Nee nee, es haben ihn ja viele Millionen Menschen gewählt. Er ist ja nur derjenige, der es vorantreibt, Menschen auseinanderzutreiben, um daraus für sich Erfolge zu ziehen. Ich war hier in Hamburg auf Black-Lives-Matter-Demos mit meinen Söhnen und da wurde mir klar, dass es vor 50 Jahren ganz ähnliche Situationen in den USA gab. Da kriege ich gleich eine Gänsehaut. Und ich habe mich gefragt, wie viel hat sich denn überhaupt verändert?

Und?

Es haben sich Dinge verändert, aber wie lange dauert das noch! Als Dr. Martin Luther King Junior ermordet wurde, war ich zwölf Jahre alt. Mein Vater ist in den 1930er-Jahren aufgewachsen und da hat man Schwarze noch gelyncht und in Bäume gehängt. Da kann man sagen, dass das besser geworden ist. Aber bei manchen Menschen ist die Einstellung im Kopf nicht viel anders geworden.

Wie sind Sie denn aufgewachsen?

Ich bin in New Orleans, Louisiana, geboren und in San Diego, Kalifornien, aufgewachsen, in einer Nachbarschaft mit bis zu 90 Prozent Schwarzen. Meine Eltern haben das Haus dort 1958 gekauft und wir haben da gelebt bis ich 16 Jahre alt war. Das war eine richtige Community dort. Ich war die ganze Zeit draußen, hing mit meinen Freunden rum. Sonst bin ich zur Schule gegangen, war gut in der Schule und schlecht im Sport.

Schlecht im Sport?

Schlecht im Sport, gut in der Schule, ja. Das war in der Nachbarschaft eine schlechte Kombination, denn die ganze Anerkennung ging über den Sport. Ich habe Baseball gespielt, war aber schlecht, ich habe da viel geweint und es hat wenig Spaß gemacht. Aber in der Schule war ich gut.

Waren Sie einsam?

Nee, nicht einsam, ich hatte meine Leute und meine Familie, aber inzwischen weiß ich, ich war einfach anders. Ich war in meiner eigenen Welt. Wir waren zum Beispiel jeden Sonntag in der Kirche entweder mit Krawatte oder Fliege und auch da hatte ich immer die Beobachterrolle, das passt schon zu dem, was ich heute beruflich mache.

Sie haben als Basketballtrainer gearbeitet und sind heute Mentaltrainer.

Ah nee, nicht Mentaltrainer, das ist, was die anderen über mich schreiben. Ich möchte Leuten helfen, sich selbst zu inspirieren. Deswegen sage ich: Inspirationscoach. Meine Aufgabe ist es, zuzuhören, zu beobachten, zu hören, was die Menschen nicht sagen und dann Fragen zu stellen. Das habe ich schon als Kind gemacht.­

In Ihrem Wohnzimmer sieht es noch nach Geburtstag aus, ein Gabentisch mit Büchern und eine goldene Luftballon-65 in der Ecke. Herzlichen Glückwunsch nachträglich!

Ja danke, ich bin übrigens am 5. August genau 23.755 Tage auf der Erde, hier meine Mathematik-Leidenschaft, und der 23.7.55 ist mein Geburtstag. Ich weiß nicht, wie viele Leute das behaupten können!

Wie sehen Sie die Zukunft?

Ich habe die Hoffnung, dass sich Dinge weiter verändern und wir immer wacher werden und dass wir die Menschen weniger danach beurteilen, was wir von außen sehen.

Was meinen Sie damit?

Im letzten Jahr war ich im Grenzdurchgangslager Friedland in der Nähe von Göttingen und habe eine Rede gehalten. Und da hat jemand eine Frage gestellt, ich weiß gar nicht mehr genau, was er wissen wollte, aber ich merkte, er hat mich in eine Schublade gesteckt. Ich sagte ihm, was du nicht sehen kannst ist, dass ich erfolgreich war im Sport, erfolgreich in meinem Geschäft und ich fühle mich erfolgreich mit meiner Familie, ich habe zwei Studiengänge abgeschlossen, ich habe Menschen geholfen, die sich das Leben nehmen wollten. Ich sagte ihm, ich verdiene nicht, dass Du mich anguckst und sagst: Ok, das ist ein Zwei-Meter-und-Zwei-Zentimeter-großer schwarzer Basketballer. Ich habe irgendwann mal aufgehört zu sagen, ich bin ein Basketballer, ich habe gesagt, ich spiele Basketball.

Das ist ein Unterschied.

Ja, seit April ernähre ich mich vegetarisch und die Leute sagen: Du bist Vegetarier. Und ich sage, Nein, ich ernähre mich vegetarisch. Die Leute sollen erkennen, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was wir tun und dem, wer wie sind. Das ist mein Traum.

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