Ex-Fußballprofi über Transplantation

„Ich kann nicht so tun, als wäre nichts gewesen“

Ivan Klasnić hat drei Nierentransplantationen hinter sich. Der Ex-Profi-Fußballer über das Versagen der Vereinsärzte, Leben mit Transplantat und seine Heimat Kroatien.

Ivan Klasnić: Glaube an Gott half ihm durch die schwere Zeit nach den Transplantationen. Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Klasnić , wie geht es Ihnen heute – ein Jahr nach Ihrer dritten Nierentransplantation?

Ivan Klasnić: Gut. Zum Glück muss ich ja fast schon sagen.

Haben Sie vor der diagnostizierten Funktionsschwäche Ihrer Niere anders über die Beantwortung solcher Fragen nachgedacht?

Ja, klar. Auch wenn man das erst nicht wahrhaben will, ist man ja immer noch krank und kann nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen – das schlägt sich auch auf die Antwort nieder. Man ist einer der Kranken, die mit Glück ein Organ bekommen haben und damit muss man einfach lernen umzugehen.

Wie haben Sie von der Funktionsschwäche Ihrer Nieren erfahren?

Ich habe nach einer Blinddarm-Operation im Jahr 2005 von den Ärzten im Krankenhaus erfahren, dass ich eine sogenannte Niereninsuffizienz habe. Die Vereinsärzte von Werder Bremen …

Jenem Club, für den Sie von 2001 bis 2008 Fußball gespielt haben …

geboren 1980 in Hamburg, kroatischer Staatsbürger und ehemaliger Fußballspieler, lebt in Hamburg und hat eine Tochter. Beim FC St. Pauli startete er seine Karriere und feierte mit Werder Bremen seine größten Erfolge. Er spielte auch für die kroatische Nationalmannschaft. Es folgten Aufenthalte in Frankreich und England. 2013 beendete er wegen eines Nierenleidens, das drei Transplantationen nach sich zog, seine Fußball-Profikarriere bei Mainz 05.

… hatten das offenbar nicht erkannt und die Behandlung mit Medikamenten falsch weitergeführt. Ich habe Schmerzmittel bekommen, die schädlich für die Nieren waren und die Insuffizienz weiter verschlimmert haben.

Sie liegen jetzt seit fast zehn Jahren im Rechtsstreit mit den Ärzten von Werder Bremen. Wie geht es da weiter?

Ich sage deutlich, dass die Vereinsärzte damals grobe Fehler begangen haben, die sie bis heute nicht zugeben möchten. Im ersten Urteil habe ich durch das Bremer Landesgericht im vergangenen Jahr Recht und Schadensersatz zugesprochen bekommen, weil die Niereninsuffizienz schon seit 2001 bekannt war, wie ein Gutachten belegt. Die Nierenwerte waren damals schon dermaßen erhöht, dass es den Vereinsärzten hätte auffallen müssen. Jetzt muss noch geprüft werden, wie hoch das Verschulden der Vereinsärzte tatsächlich war.

Sind Sie wütend auf die Vereinsärzte, dass sie die Insuffizienz nicht frühzeitig erkannt haben?

Es sind jetzt so viele Jahre vergangen, dass ich mich nicht mehr frage, was gewesen sein könnte. Trotzdem habe ich mich oft gefragt, warum es gerade mir passiert. Ich kann nur noch darauf hoffen, dass die Richterinnen und Richter einen Weg finden werden, um damit endlich abschließen zu können. Dass ich jeden Tag Tabletten nehmen muss, erinnert mich natürlich immer wieder daran, dass ich immer noch krank bin. Als Wut würde ich das aber nicht bezeichnen.

Sie hatten in den vergangenen zehn Jahren drei Nierentransplantationen. Sind Sie heute im Alltag eingeschränkt?

Nicht, wenn ich meine Medikamente ordentlich nehme. Vorhin habe ich meine Tochter in die Schule gebracht und nachher gehe ich noch zum Training. Das Leben ist wieder normaler geworden. Ich spiele privat noch Fußball, esse und trinke die Dinge, die ich mag. Während der Dialyse war das natürlich anders.

Wie sah denn dieser Alltag mit Dialyse aus?

Ich musste die Mengen der einzunehmenden Flüssigkeiten stark überwachen. Und auch stärker auf die Ernährung achten. Ich musste drei Mal in der Woche für fünf Stunden zur Dialyse. Das schränkt natürlich das eigene Leben und auch das der gesamten Familie ein.

„Ich hatte nie das Gefühl, dass ich sterben könnte. Und den Glauben an Gott hatte ich schon immer, und der half mir auch während dieser schwierigen Zeit.“

Gab es auch depressive Phasen?

Ich habe immer darauf geachtet, auch während der Dialysen, dass ich genug Action um mich herum habe, um nicht in eine depressive Phase zu kommen. Denn letztendlich geht es auch darum, Spaß im Leben zu haben. Man muss halt immer auf seine Grenzen achten und es sich beispielsweise während der Dialysen gemütlich machen. Wenn ich müde war, schlief ich, wenn ich Lust auf einen Film hatte, schaute ich den währenddessen. Es geht auch um eine angenehme Umgebung, die man sich selber schaffen kann.

Ihre Eltern sind auch Ihre Spender, wie lief das ab?

Meine Mutter hat 2007 eine ihrer Nieren gespendet, das schlug leider fehl. Mein Vater hat acht Wochen später eine seiner Nieren gespendet, die auch fast zehn Jahre funktioniert hat. Leider versagte 2016 dieses Organ auch – ich musste dann wieder auf die Warteliste.

Was mussten Ihre Eltern tun, damit sie Ihnen jeweils eine ihrer Nieren spenden durften?

Bei Verwandten ist es so, dass sie gefragt werden, ob sie spenden möchten. Danach werden Kreuzproben des Blutes erstellt und geschaut, ob sie passende Spender und gesund sind. Am Ende entscheidet ein Gremium darüber, ob eine Spende in Ordnung ist und stellt sicher, dass beispielsweise dafür kein Geld genommen wurde. Das ist ein Verfahren, das nicht von heute auf morgen geht, man braucht schon Geduld.

Die dritte Niere haben Sie im vergangenen Jahr in Ihrem Heimatland Kroatien bekommen – warum Kroatien?

Weil die Chance, eine Niere zu bekommen, in Kroatien höher ist als in Deutschland. Das liegt daran, dass es zum einen in Kroatien viel weniger Menschen gibt und der Anteil der Organspender prozentual höher ist als in Deutschland. Zum anderen liegt es auch daran, dass in Kroatien die Widerspruchslösung gilt und somit erst mal jeder Organspender oder Organspenderin ist, solange er oder sie nicht explizit einer Organentnahme widerspricht.

Sollte das in Deutschland auch so geregelt werden?

Ja, das wäre ein Fortschritt. Die Leute müssten sich bei der Widerspruchslösung aktiv mit dem Thema Organspende auseinandersetzen. Das sind so Dinge, die im Leben geklärt werden sollten. Ich habe gehört, dass in den Vereinigten Staaten auch im Führerschein steht, ob jemand Organspender ist oder nicht. So etwas wünsche ich mir auch für Deutschland. Als großes und mächtiges Land in Europa. Letztendlich muss sich aber jeder fragen, ob er oder sie in einem Notfall darauf vertrauen kann, dass einem geholfen wird.

Sie sprechen offen über Ihre Geschichte.Versuchen Sie auf diese Weise, andere dazu zu bringen, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen?

Ja, denn jeder könnte irgendwann ein Organ brauchen und sollte dann nicht sterben müssen, nur weil es zu wenig Organspender gibt. Die Leute müssen sich mit dem Thema beschäftigen. In Deutschland leben über 80 Millionen Menschen, da sollte es keinen Mangel an lebenswichtigen Organen geben.

Was bedeuten Ihnen Ihre kroatischen Wurzeln?

Ich bin zwar in Hamburg geboren und auch hier zur Schule gegangen. Die Mentalität hat mich in Deutschland schon geprägt. Ich war in Kroatien nie in der Schule und ich habe nie länger in Kroatien gelebt. Aber ich habe den kroatischen Pass, weil ich für mich entschieden habe, dass ich keinen deutschen Pass brauche. Ich wollte die doppelte Staatsbürgerschaft haben, aber das durfte ich nicht. Und weil Kroatien jetzt in der Europäischen Union ist, will ich den Pass auch nicht abgeben, weil ich einfach daran hänge.

Sie haben ja auch für die kroatische Nationalmannschaft gespielt.

Genau. Ich wollte auch nicht in die deutsche Nationalmannschaft, weil ich mich als Kroate fühle.

Die Kroaten haben bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland auch beeindruckend gespielt und sind Vize-Weltmeister geworden.

Was sie geleistet haben, war überragend. Ich habe mit vielen aus der Mannschaft selber noch gespielt und wäre sehr gerne dabei gewesen. Aber ich habe jedes Spiel gesehen und immer die Daumen gedrückt. Dass sie es ins Finale geschafft haben, hat mich einfach nur sprachlos gemacht.

Wie waren Ihre Anfänge als Profi-Fußballer?

Mit 17 Jahren habe ich meinen ersten Amateurvertrag beim FC St. Pauli bekommen. Dort durfte ich mit den Profis trainieren, obwohl ich zur selben Zeit in der A-Jugend bei den Amateuren gespielt habe. In diesem Alter habe ich dann meinen Fokus auf das Training und die Schule gelegt. Und danach ging alles seinen Lauf.

Sie haben als erster Profi-Fußballer mit einem transplantieren Organ gespielt. Wie haben Sie das geschafft?

Das war erst mal ein sehr harter Weg, mit einem Jahr intensivem Aufbautraining, bevor ich wieder normal Fußball spielen durfte. Das war ein Jahr voller Qualen. Nach der Transplantation der Niere meines Vaters habe ich noch für Werder Bremen gespielt und bin dann mit Zwischenstopp in Frankreich beim FC Nantes und in England bei den Bolton Wanderers zu Mainz 05 gegangen.

Warum Mainz 05?

Weil ich nach Deutschland zurück wollte, um bei meiner Tochter zu sein. Mainz wollte mich auch in dieser Zeit unbedingt haben und deswegen bin ich gerne wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Ihre intensivste Zeit als Fußball-Profi hatten Sie aber bei Werder Bremen, oder?

Ja. Meine größten Erfolge habe ich mit diesem Verein gefeiert. Ich fahre auch noch häufig nach Bremen und spiele auch dieses Jahr in der Traditionsmannschaft mit. Ich habe auch gerne für Werder gespielt. Im Gegensatz zum FC Bayern oder dem FC Schalke ist Werder ja ein kleiner Verein und es war trotz allem, was passiert ist, eine tolle Zeit.

Wie gehen Sie mit dem Gedanken an den Tod um?

Natürlich denkt man darüber nach. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich sterben könnte. Und den Glauben an Gott hatte ich schon immer, und der half mir auch während dieser schwierigen Zeit.

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