Evangelikale Lobby: Wenn radikale Christen den Schnitt diktieren
Nach einer Beschwerde entschärft Spiegel-TV eine Investigativ-Doku „aus Kulanz“ – ohne Hinweis und zulasten des Vertrauens in die eigene Recherche.
Da ist Spiegel-TV tatsächlich eingeknickt – ausgerechnet vor Evangelikalen. Aus der im Januar veröffentlichten Reportage „Radikale Christen: Hass im Namen des Herrn“ hat das Investigativ-Format Passagen zur International Christian Fellowship (ICF) herausgeschnitten – kurz nachdem sich die Freikirche darüber beschwert hatte.
Ein Hinweis zu dem Eingriff fehlt in der jetzt abrufbaren Version. Matthias Pöhl vom Aufklärungsprojekt FundiWatch hat damit ein Problem. Er sagt: „Wenn redaktionelle Inhalte auf öffentlichen Druck hin verändert werden, braucht es Transparenz.“
Die am 12. Januar veröffentlichte Doku dreht sich um die vom Verfassungsschutz beobachtete Gemeinde „FWBC Seelengewinnen“ aus Pforzheim sowie die rechten Christfluencer:innen Jasmin Friesen und Leonard Jäger. Letzterer nennt sich im Netz „Ketzer der Neuzeit“ und steht der AfD sowie der US-amerikanischen MAGA-Bewegung nahe.
In der ersten Version des Beitrags hieß es im Spiegel-TV-Sound: „Auch in der Freikirche ICF Church in München wird gegen Abtreibung gehetzt. Auf der Kanzel im lässigen Tarnhemd ein selbsternannter Moralapostel.“ Gezeigt wurden dann Ausschnitte aus einer ICF-Predigt gegen Abtreibungen. Der Münchner Ableger der ICF beschwerte sich daraufhin in den sozialen Medien und auf seiner Webseite.
Szenen aus Predigt nachträglich entfernt
Es sei falsch, hieß es dort, dass in der ICF München „gegen Abtreibung gehetzt“ würde. Die Autor:innen des Spiegel-TV-Beitrags hätten nicht versucht, „theologische Gedanken in ihren Bericht zu integrieren. Bei einem Bericht über eine christliche Kirche ist das allerdings unumgänglich, so dass hier u.a. das Prinzip der Sorgfalt, der Objektivität und ethische Standards für den Journalismus klar missachtet werden.“
Kein journalistischer Beitrag muss „theologische Gedanken“ integrieren, um journalistischen Standards zu entsprechen. Doch könnte es sein, dass Spiegel-TV der Freikirche tatsächlich nicht ausreichend Gelegenheit gegeben hat, Stellung zu den erhobenen Vorwürfen zu nehmen? Das wäre in der Tat journalistisch unsauber.
Aus der jetzt online verfügbaren Version des Films hat Spiegel-TV die Szenen aus der ICF-Predigt entfernt. Allein in den diversen Reaction-Videos evangelikaler Christfluencer:innen sind die Stellen noch zu sehen. Ein Transparenzhinweis auf den nachträglichen Eingriff fehlt in oder unter dem Film auf spiegel.de.
Das rechts-evangelikale Magazin „Idea“ hat zu der Causa den Pressesprecher der ICF befragt. Der sieht die erfolgte Löschung als Ermutigung, „auch künftig entsprechend auf eine etwaige Berichterstattung zu reagieren, wenn es notwendig“ sei. Ein Eins-zu-null gegen den kritischen Journalismus.
Fake News über Abtreibung verbreitet
In der ursprünglich gezeigten Predigt spricht ICF-Mitarbeiter Jens Koslowski über Proteste für eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts: „Da siehst du auch solche Sachen wie zum Beispiel ‚Abortion ist Healthcare‘. Also Abtreibung ist sowas wie Gesundheitsfürsorge. Das wäre in etwa so – ich muss es so ausdrücken – wie wenn du Sklaverei als Festanstellung betiteln würdest.“
In ihrer Stellungnahme zur Doku betont die ICF München: „Die im Beitrag von Spiegel TV behauptete ICF-Position zu Abtreibung wird falsch und pauschal dargestellt.“ Die Aussage, dass die ICF gegen Abtreibungen hetzen würde, entbehre jeder Grundlage. Rechtsanwalt Matthias Pöhl von FundiWatch aber sagt: „Die Charakterisierung als Hetze ist gerechtfertigt.“ So fänden sich auf der ICF-Webseite Aussagen, die den Vorwurf von Spiegel-TV „noch weiter nachvollziehbar, wohl eher sogar als zu harmlos erscheinen lassen“.
Tatsächlich vergleicht dort Tobias Teichen, Leiter der ICF München, unter dem Titel „Fighting for Truth“ Schwangerschaftsabbrüche mit „Götzenopfern“. Christina Koslowski, die bei der ICF München im gleichen Bereich wie ihr Ehemann Jens tätig ist, bezeichnet Abtreibungen als „Geistliche Ursache für psychische Krankheiten“, die sich nach ihrer Auffassung offenbar wie ein Erbfluch auf folgende Generationen auswirken kann. Bei der ICF Hamburg werden Schwangerschaftsabbrüche sogar mit „Völkermord“ verglichen.
ICF nicht nur misogyn, sondern auch homophob
Dass die Positionen der ICF nicht nur bei diesem Thema problematisch sind, darauf weist etwa die Kirchliche Fachstelle Religionen, Sekten und Weltanschauungen aus der Schweiz hin, dem Ursprungsland der ICF. 2025 deckte der Journalist Kevin Ebert in einer ARD-Recherche zudem Konversionsbehandlungen bei der ICF Augsburg auf. Ebert sollte durch Handauflegen und Zungengebet von seiner Homosexualität „befreit“ werden.
Spiegel-TV schlägt in der betreffenden Doku einen recht großen Bogen von der vom Verfassungsschutz beobachteten „FWBC Seelengewinnen“ mit ihrem wegen Volksverhetzung verurteilten Prediger Anselm Urban über rechte Christfluencer:innen bis zum „Marsch für das Leben“ und die ICF München.
„Wir halten es für wichtig, aufzuzeigen, wo die ideologischen Verbindungen zwischen diesen Akteur*innen liegen“, sagt Matthias Pöhl von FundiWatch. Der Beitrag stelle trotz einiger Schwachstellen einen mutigen Versuch dar. „Gerade in einer Zeit, in der Abtreibung gezielt durch ultrakonservative bis extrem rechte Kampagnen politisiert wird, besteht ein erheblicher Aufklärungsbedarf.“ Die nachträgliche Bearbeitung findet FundiWatch aber problematisch. „Eine öffentliche Erläuterung seitens Spiegel-TV wäre das Mindeste.“
Auf taz-Anfrage schreibt Spiegel-TV, die Redaktion habe „nach intensiver interner Diskussion aus Kulanz Sequenzen aus besagtem Beitrag entfernt“. Vorausgegangen sei ein direktes Schreiben der ICF München an die Redaktion, eine juristische Warnung sei „nicht bekannt“. Die Frage, ob Spiegel-TV der Freikirche vielleicht nicht ausreichend Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben hat, lässt die Sprecherin unbeantwortet. Dass der Beitrag nachträglich bearbeitet wurde, habe man nicht kenntlich gemacht, weil solche Nachträge bei Bewegtbildbeiträgen unüblich seien. Angebracht wären sie allemal.
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