Essen in der Selbstisolation: Gut genährt durch die Krise

Täglich German Abendbrot und Nudeln mit Tomatensoße sind auch keine Lösung. Unsere AutorInnen berichten, was so auf den Tisch kommt.

Auf einer weiß-gelb karierten Tischdecke steht ein leerer Teller, darin ein Löffel, darauf bilden Buchstabennudeln das Wort "Ende"

Wer Homecooking und -schooling unter einen Hut kriegen muss, sollte Synergieeffekte nutzen Foto: Marlies Plank/plainpicture.com

Haushalt mit Vollpension

Kamen wir – meine Brüder und ich – damals nach Hause, stand unsere Mutter am Herd, es dampfte (Kartoffeln), es zischte (Bratwurst), es blubberte (Auflauf). Schule war mittags zu Ende, der Heimweg nicht weit, der Ranzen kam in die Ecke und wir an den Esstisch, auf dem eine Wachstuchdecke mit blau-gelbem floralem Muster lag, das wir an einigen Stellen mit Kugelschreiber noch verfeinert hatten.

Es ist die Geschichte einer westdeutschen Mittelklassefamilie in den frühen 80ern; Vater verdiente das Geld, Mutter war zu Hause, „für uns da“. Wie großartig, dass es jeden Tag ein mindestens sättigendes und zumeist auch leckeres Essen gab – mit Dessert und free refill. Haben wir es je so gedankt, wie es angemessen gewesen wäre?

Ich frage mich das in diesen Tagen manchmal, in denen wir aus einer Familie, in der wir zusammen frühstücken und die Kultur des German Abendbrot pflegen – Brot, Aufschnitt, kleingeschnittenes Gemüse –, zu einem Haus mit Vollpension geworden sind. Gar nicht so einfach, jeden Tag verlässlich und einigermaßen pünktlich ein gutes Essen anzurichten, das einerseits nicht bloß Milchreis, SSK (SpiegeleiSpinatKartoffeln) oder Pfannkuchen sein soll, andererseits aber auch nicht zu ambitioniert sein darf, weil wir es dann ohne die Kinder essen müssten (ganze Forelle im Mandelbett).

Wir kriegen es hin. Manchmal helfen Convenience-Produkte, Fertig-Tortellini zum Beispiel, die aber erst durch unsere handgerührte Soße zum vollgültigen Gericht werden. Manchmal sind wir nicht viel besser als die oft beklagte Hortküche. Manchmal ist es wirklich nur ein Kompromiss. Danke, Kinder, dass ihr es uns nachseht. Und danke, Mutter, du hast das damals wirklich super gemacht. Felix Zimmermann

Bratkartoffeln mit Vanillesoße

Riechen Sie es? Da im Treppenhaus, dieser Duft nach Reis und angebratenem Fleisch, das gab es jahrelang nicht mehr. Und auf der Straße, beim Joggen, zieht plötzlich das Aroma von Bratkartoffeln aus einem offenen Fenster. Dazu wirklich noch das: Eine Nachbarin kommt vorbei und verteilt Kuchen. Sie müsse jetzt backen, aber sie könne nicht alles selbst essen. „Müsse“, sagt sie. Und: „jetzt“.

Auch bei uns wird dieser Tage mehr gekocht, meistens von mir. Ich möchte meine Freundin glücklich machen, denn wenn ihr düstere Gedanken kommen, verzweifelt sie schnell. Ein Glück, dass sie auch dann noch genießen kann! Dankbar. Und weil ich Nahrungsmittel liebe, weil ich mir ausmale, welche Düfte, welche Geschmacksnoten, welche Farben zusammenpassen, erfinde ich Gerichte für sie. Die sind zwar meist simpel, aber wir geben ihnen versponnene Namen. Neulich etwa gab es „Hühnerconsommé mit Kornelkirscholiven“ und danach einen „Cedrizitronen-Rote-Bete-Salat unter gekochtem Ei an selbst gebackenem Leinmehl-Linsen-Brot“. Klingt gut, oder? Sah auch gut aus. Und meine Freundin lächelte.

Klar, ich verstehe, nicht jede hat Kornelkirscholiven. Dabei stehen die in Parks überall. Es sind diese Sträucher, die schon Ende Februar gelb blühen. Die Früchte kann man wie Oliven einlegen. In Suppen schmecken sie himmlisch. Der Salat wiederum, in seiner rot-gelb-weißen Pracht, war ebenso einfach, wenngleich es natürlich ein Glück war, dass wir noch Esszitronen hatten.

Und heute? Als wir beim Joggen an Bratkartoffelduftfenstern vorbeiliefen, war sofort klar: Das wollen wir auch. Vielleicht mit Vanillesoße wie bei meiner Oma Luise. Die hat die Spanische Grippe überlebt. Waltraud Schwab

Suppe mit Buchstaben

Besondere Zeiten erfordern besondere Fraßnahmen. Naiv dachten wir anfangs noch, dass wir den Kindern weiterhin das gleiche Futter wie immer vorsetzen können. Doch das wurde uns schnell selbst zu langweilig. Immer nur Nudeln mit Tomatensoße hält keine Sau aus.

Zum Glück hatte meine Schwester eine gute Idee: In ihrer Familie darf sich reihum jedes Familienmitglied ein besonderes Essen wünschen – muss es dann aber auch selbst zubereiten. Ein Plan, den wir sofort nachahmten. Anfangs mit Erfolg: Voller Begeisterung stürmten die Kinder die Läden, hamsterten die letzten Nudeln, Wraps und Burgerbrötchen und belegten sie – und das sogar mit echtem Salat und Gemüse!

Auch wir wurden anspruchsvoller, brieten und kochten, was das Zeug hielt. Ich durfte sogar den ersten frischen Spargel kaufen, einen aus Holland, der doppelt so teuer war wie sonst, dafür aber nach nichts schmeckte. Der Sohn servierte anderntags als Rache Weißwürste – mit Marmelade, denn Senf mag er nicht.

Sie sehen schon, so langsam lief die Aktion aus dem Ruder, spätestens, als die Tochter mit drei Tüten vom McDonald’s kam und freudig rief: „Schaut mal, was ich Leckeres gekocht habe!“ So konnte das nicht weitergehen. Für das gemeinsame Mittagessen haben wir uns daher erst einmal auf den kleinsten gemeinsamen, Homeoffice- und Homeschooling-tauglichen Nenner geeinigt: leckere Buchstabensuppe. Lukas Wallraff

Buchstaben notfalls auch pur

Seit ich gezwungen bin, zu Hause zu bleiben, lese ich krass viel. Allerdings keine Bücher, da habe ich bisher erst ein halbes geschafft. Was ich wegsauge wie andere gerade vielleicht Science-Fiction-Siebenteiler, ist der Text auf Lebensmittelverpackungen.

Ich lese während des Essens, es ist ein Tick, den ich seit meiner Kindheit habe, der sich aber in den letzten 25 Jahren stark zurückgebildet hatte. Jetzt ist er wieder da. Kein Wunder. So oft wie in den vergangenen Wochen hab ich seit Kindertagen nicht mehr in den eigenen vier Wänden gegessen. Und so wird alles, was auf dem Tisch steht und bedruckt ist, weggelesen. Meistens fange ich bei den Zutaten an: „Meersalz (44 %), getrocknete Zwiebeln, Zucker, Dill... Kann Spuren von Sellerie, Milch, Erdnüssen und Lupinen enthalten.“ Kein Plan, was Lupinen sind und ob es sie überhaupt in anderer Form gibt als in Spuren. Aber ich kenne sie inzwischen sehr gut.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Dann lese ich die Übersetzung hinter „NL“, „UK“, „CZ“ oder „H“ und lache jedes Mal über „zeezout“ oder „gedroogde uien“. Ich weiß jetzt, dass „Pfefferoni scharf“ nicht nur in „BIH“, „HR“ und „SRB“, sondern auch in „MKD“ „feferoni ljuti“ heißen und in „F“ die Kapern als „Nonpareilles“ klassifiziert werden, wenn es sich um die kleinste Größenklasse handelt.

Gern kaufe ich Produkte aus der Türkei, dem Balkan oder Asien: nicht nur zum Essen, sondern zum Lesen. Mein Lieblingspart ist nämlich der, wo die Importeure angegeben sind. Das ersetzt jeden Atlas der Migration. All die großartigen italienischen, balkanesischen, bajuwarischen Namen mit Adressen in Australien, Ohio, Bogotá oder Oslo. Schon lange habe ich den Plan, einmal alle Importeure zu besuchen, die auf einer Packung Bajadera-Pralinen aus Kroatien angegeben sind. Das wäre eine Weltreise mit etwa 25 Stationen. Ich hoffe, ich muss die nicht von meinem Küchentisch aus machen. Doris Akrap

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