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Essay über Moralisieren als WaffeGesellschaft im Daueralarm

In seinem Essay „Moralisieren als Waffe im Kulturkampf“ entlarvt der Psychologe Fritz B. Simon die gesellschaftliche Dauerempörung als politische Machtstrategie.

Klimafolgenforschung – purer Moralismus. Gendersprache – nichts als Ideologie. Diffamierung und Dauerempörung prägen seit Jahren immer stärker den öffentlichen Diskurs. Die Klage darüber ist nicht neu. Der Psychiater und Organisationsberater Fritz B. Simon betrachtet das Phänomen einmal ganz anders: Mit den Mitteln der Systemtheorie von Niklas Luhmann zeigt er auf, wie das Wissenschaftssystem und andere gesellschaftliche Subsysteme wie das Rechtssystem oder der Journalismus, durch eine „Moralisierung zweiter Ordnung“ in die Mangel genommen werden.

Nicht innerhalb der Systeme, die über klare spezifische Funktionsregeln verfügen, findet die Moralisierung statt. Vielmehr handelt sich bei dem, was Simon „Moralisierung 2.0“ nennt, um eine politische Strategie: Durch den Vorwurf, wissenschaftliche Erkenntnisse oder Gerichtsentscheidungen seien moralisch begründet, würden Erkenntnisse, die unter Einhaltung der Normen des Wissenschafts- oder Rechtssystems gewonnen wurden, disqualifiziert. Die Erkenntnisse, die diese Systeme hervorbringen, könnten so als von „Gutmenschen“ erdachte „Fake News“ politisch ignoriert werden.

„Der Fokus der Aufmerksamkeit wird von der Sachebene auf die Ebene der Moral verschoben“, beobachtet Simon. Diese basiert nach Luhmann auf informellen und gesellschaftlich tradierten Vorstellungen von gut und böse beziehungsweise anständig-unanständig und entscheidet über gesellschaftliche Achtung oder Missachtung. Luhmann spricht von einer „Alarmierfunktion“ der Moral.

Immer wieder lenkt Simon den Blick darauf, dass Moralismus eine Machtstrategie ist

Deren Beginn verortet Simon in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960erjahre, die ihre Fortsetzung in der Forderung nach Political-Correctness in den 1980er- und 1990erjahren gefunden habe und heute in Wokismus und Cancel Culture weiterlebe.

Den Freispruch des Polizisten, der 2012 den afroamerikanischen Jugendlichen Trayvon Martin erschossen hatte, nennt Simon „ein gutes Beispiel dafür, dass Moralkommunikation alarmiert, wenn ein Funktionssystem nicht zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems beiträgt, sondern es sogar noch verstärkt.“

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Dass sich der gesellschaftliche Fokus auf weitere Formen gesellschaftlicher Ungleichheit und erlebter Ungerechtigkeiten ausgeweitet habe, führte dem Autor zufolge zu immer weiteren kommunikativen Grenzziehungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Diese kommunizierten untereinander durch eine „Verachtungskommunikation“ – die mit der Verbreitung digitaler Medien an Schärfe gewinne, bis zum „hate speech“.

Fritz B. Simon lenkt immer wieder den Blick darauf, dass Moralismus eine Machtstrategie ist: Jede öffentlich ausgetragene „Moralismus-Olympiade“, ob es nun um die Forderung nach dem Ausschluss Israels vom ESC gehe oder um die Frage, ob man noch Müllermilch trinken dürfe, sei ein Kampf um politischen Einfluss jenseits von Parteipolitik. Diesen führen, dem Autor zufolge, mächtige wirtschaftliche Interessengruppen – und einzelne reiche, einflussreiche Männer, um politische Regulierung abzuwehren.

Firtz B. SImon

Fritz B. Simon: „Moralisieren: Waffe im Kulturkampf“. Carl Auer Verlag, Heidelberg 2026,101 Seiten, 14,50 Euro

Simons Diagnose, wonach wir in einer refeudalisierten, von Marktfundamentalismus getriebenen Gesellschaft lebten, untermauert er geschickt mit Nietzsches Konzept der „Herren- und Sklavenmoral“: Wir leben demnach in einer Gesellschaft der Herrenmoral, an deren Spitze wenige Reiche stehen.

Den von ihnen Beherrschten bleibt nur eine Sklaven-Moral, in der die (durch Populisten geschürte) imaginierte Rache an „denen da oben“ Ersatz für echten politischen Entscheidungsspielraum ist. Und eine Ablenkung von der Tatsache, dass ökonomische Akteure ihren durch den Siegeszug des Neoliberalismus eroberten Platz an der Spitze der Gesellschaft mit allen Mitteln verteidigen.

Es ist schade, dass Simons Essay etwas abrupt bei der Klage über den libertären Primat der „Märkte“ endet – eine ausführlichere Analyse dieses Subsystems und seiner Schwächen hätte der Argumentation gutgetan. Trotzdem ist sein kühler Blick auf die Funktion der allgegenwärtigen Empörungsdebatten erhellend und bereichernd.

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