Roman „Nelka“ von Svenja Leiber: Es kostet zu viel
Spätes Wiedersehen: Eine polnisch-jüdische Zwangsarbeiterin trifft in Svenja Leibers Roman auf ihren einstigen Vorgesetzten und Vergewaltiger.
Den Rahmen stellt ein seltsames Date. Die 66-jährige Nelka reist Anfang der 1990er Jahre aus dem postsowjetischen Lwiw zum 77-jährigen Marten auf dessen schleswig-holsteinisches Anwesen inmitten von Apfelplantagen. Angelegt hat sie der einstige Gutsverwalter nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf Basis jenes Wissens über Obstanbau und -veredelung, das Nelka, damals Zwangsarbeiterin und Zwangsgeliebte ihres Vorgesetzten, an ihn weitergegeben hat. Marten ist mit den Äpfeln reich geworden; Nelka hat ihre Familie durch sozialistische Entbehrungen gebracht. Kommt es nun zur späten Abrechnung und Konfrontation?
Svenja Leiber, 1975 in Hamburg geboren und selbst in Norddeutschland aufgewachsen, hält die Spannung, wohin die Wiederbegegnung von Opfer und Täter noch führt, lange aufrecht. Mal erzählt sie aus Nelkas Perspektive – „Es kostet zu viel, denkt sie. Diese Reise wird meine Zeit verkürzen. Aber hatte ich eine Wahl? Jede Wahl wird falsch gewesen sein. Die Sache selbst war falsch“ –, mal lässt sie den grübelnden Marten wie den Kanzler klingen: „[…] ein paar Dinge hätte er doch gern geklärt. Fragen der Notwendigkeit, der Unumgänglichkeit, aber auch Fragen der Überzeugung, der Pflicht. […] Die Dinge sind kompliziert. Irgendwer muss auch die Drecksarbeit machen.“
Dazwischen aber blickt die Autorin mit Nelka zurück auf das von der deutschen Wehrmacht besetzte, ehemals polnische Lemberg. Nelka ist 16, dreisprachig und frisch in den musikalischen Yasha verliebt, als ihre jüdischen Eltern von den Deutschen ermordet oder deportiert werden – sie selbst aber Glück im Unglück hat: Weil in ihrem Pass das „J“ fehlt, wird sie mit anderen „Ostarbeitern“ ins Reich verschickt. Dort erfährt sie Gewalt und Hunger im „deutschen Barackenwesen“, begegnet militarisierter und gefühlsgepanzerter Männlichkeit, die sich trotz „Rassenschande“ an Frauenkörpern schadlos hält.
Svenja Leiber: „Nelka“. Suhrkamp, Berlin 2026. 200 Seiten, 24 Euro
Doch im Elend entstehen auch Freundschaften und Zuneigung, erst unter den jungen Lembergerinnen Nelka, Margaryta und Schura, dann zwischen der vom begehrlichen Verwalter Marten ins Gutshaus beförderten Protagonistin und dem deutschen Dienstmädchen Else, die ebenfalls sexuell missbraucht wird, allerdings vom Freiherrn. Schließlich vom russischen Zwangsarbeiter Iwan, der die schwangere Nelka auf dem schwierigen Weg zurück nach Lemberg begleitet, nachdem Marten sie zurückgelassen hat und sie von britischen Soldaten vergewaltigt wird.
Gut recherchiert
Svenja Leiber erzählt das souverän vor gut recherchiertem Hintergrund. Dabei neigt ihre personale Einfühlung in die Figuren zu einem poetisch-schlichten Ton, der vielleicht so etwas wie eine warme Distanz wahren will. Im besten Fall wird er sarkastisch wie bei Nelkas erneuter Ankunft im Westen: „Sie kann kaum glauben, dass man hier nun also einfach lebt, Abende hat, Gemütlichkeit. Eine grausame Gemütlichkeit.“ Im ungünstigeren Fall führt er zu etwas einfältigen Bildern der Schicksalsergebenheit, wenn Iwan sagt: „Der Mensch ist eine Landschaft, Nelka, und Gott geht darin spazieren. Das lässt sich nicht ändern.“
Obwohl Svenja Leiber immer wieder auch abweichende Nebenfiguren erfindet wie den selbstlosen Iwan oder Martens misstrauische Ehefrau Inge, obwohl auch Gulag und Gewalt im sowjetischen Osten zumindest Erwähnung finden, zieht sich ein etwas schematisches Denken von Tätern und Opfern, Westen und Osten durch den Roman.
Auch in Hinblick auf das Wesen der Arbeit, über das der entkräftete KZ-Häftling Yasha beim Bau der Wehrmachtsversorgungsroute zwischen Lemberg und Tarnopol erstaunlicherweise noch nachdenken kann: „Für sich betrachten sie [die Deutschen] Arbeit als ihren größten Stolz, für andere machen sie aus der Arbeit einen Hohn, und dann machen sie aus der Arbeit den Tod. Was sie nicht wissen: Diese Hände sind, solange sie können, einander behilflich, stützen, trösten, segnen vielleicht, wenn sie es noch gelernt haben. […] Das ist, denkt er, die Wahrheit der Hände und die Wahrheit der Arbeit.“
In dieses Muster passt natürlich auch Nelkas schöpferisch fürsorgliches Tun, ob mit den okulierten Äpfeln oder der ängstlich erwarteten eigenen Tochter, die aus der missbräuchlichen Beziehung zu Marten hervorgeht. Beharrlich hält sie der destruktiv-ausbeuterische Sklavenarbeit, die die Deutschen den Zwangsarbeiter:innen auferlegt haben, so ihren Widerstand entgegen. Und damit darf Nelka sich in dieser manchmal etwas zu didaktischen Geschichtsfiktion treu bleiben bis zum Schluss – auch wenn es sie, wie sie selbst sagt, zu viel kostet.
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