Erster Tag beim Bachmannpreis: Anti-Klagenfurt in Klagenfurt

Philipp Tingler gibt als Neuer in der Jury den Rabauken. Die Diskussionen am ersten Tag des Bachmannpreises waren meist besser als die Texte.

Sieben Personen auf einem geteilten Bildschirm

Im Splitscreen wie bei einer Zoom-Konferenz: die Jury des Bachmannpreises Foto: Johannes Puch/ORF

Guter erster Lesetag, beim Bachmannpreis, was an den Texten eher weniger lag. Die waren alle fünf bestenfalls Durchschnitt, was aber der Jury und der Technik die Gelegenheit zur Selbstfindung gab. Mehr als auffällig dabei: Philipp Tingler, der eine der beiden Neuen, der sich offenbar einiges vorgenommen hatte. Auf Krawall gebürstet, nicht so sehr auf Reflexionsfähigkeit, der sehr bald alle mit ständigen Zwischenrufen gegen sich aufgebracht hatte.

Populistische Möchtegern-Opposition, hinter sich ein Foto von Margaret Thatcher auf dem Sims, Anti-Klagenfurt in Klagenfurt, antiintellektuelles Halbstarkengetue mit ostentativer Verachtung von Texten, die ihre Karten nicht auf den Tisch legen, die in Inhalt und Form ins Offene zielen. Das fein Gesponnene liegt ihm nicht, er will Texte, so schien es jedenfalls, die verständlich sein wollen.

Kurz machten die anderen das mit, dann gab es Krach, auch weil die Technik auf Zwischenrufe nicht gut reagiert. Die Signale kommen stets mit etwas Verzögerung an, so dass bei jedem Zwischenruf das Gespräch aus dem Gleis springt.

Erst gab es Kontra aus der Runde für den Störenfried, mal süffisant (Insa Wilke), mal deutlich (Klaus Kastberger), später nachdrücklich von Moderator Christian Ankowitsch, der in seiner abgedunkelten Studio-Black-Box in Klagenfurt stets die komplette Jury im Blick hat, sieben fast manns- und frauhohe Monitore nebeneinander, wie in einer Videoinstallation. Nach der Mittagspause wurde das besser, Tingler war, wie er bekannte, auch vom eigenen Ehemann zur Ordnung gerufen worden.

Porträt eines toxischen Mannes

Ein Problem: Das Los hatte Jasmin Ramadan an den Anfang gesetzt, eine von Tingler ausgewählte Autorin (unter anderem auch: taz-Kolumnistin). Und ihr Text war, mit einem Wort: schlecht. Ein Romanauszug in zwei Kapiteln mit wechselnden Protagonisten, offenbar der Versuch des Porträts eines toxischen Manns namens Ben, ungelenke Prosa mit unklarer Erzählperspektive, die einerseits aus dem Deklarationsmodus nicht herauskommt, andererseits aber nicht verständlich werden lässt, wie und warum sich eine Leila für ihn erwärmt oder warum man sich als Leserin für ihn interessieren sollte.

Tingler sagte was von „Stimme ihrer Generation“, das war so absurd, dass der zum Groben eigentlich konstitutionell unfähige Hubert Winkels in seinem Verriss sehr deutlich wurde.

Überhaupt war der Ton oft rauer als aus den letzten Jahren gewohnt. Das lag sicher auch am Rabauken Tingler, womöglich ist es aber auch ein Effekt der Tele-Präsenz. Der Schutz, den die spürbare räumliche Anwesenheit bietet, fällt weg.

Typische Überaktivität der Kameras

Was auch die Autor*innen traf, die sich in der digitalen Klagenfurt-Ausgabe ihrerseits spalten. Denn die Lesungen sind voraufgezeichnet, die live zugeschalteten Autor*innen werden so zum Publikum nicht nur der Jurygespräche, sondern auch ihrer selbst. So sieht man im Zwischenschnitt auch mal die Live-Carolina-Schutti, die in der Aufzeichnung der Carolina-Schutti-Lesung zusieht.

Im Fernsehbild wechselt die Darstellung zwischen Solo-Auftritt und Splitscreen, einer Zoom-ähnlichen Kachelung aller Jury-Mitglieder. Auch in den Aufzeichnungen der Lesungen gibt es Sperenzchen. Mal die Autorin aus verschiedenen Perspektiven selbdritt, mal fährt die Kamera in Naheinstellung von der Lesehand ins Profil, als wolle sie eine Bergwand erklettern: typische Überaktivität, die man von Theaterinszenierungen im Fernsehen kennt.

Ein Horror Vacui, der dem Publikum nicht zutraut, sich auf den Text oder ein Bild auch mal zu konzentrieren.

Gewagter erster Satz

Wozu, zugegeben, wie gesagt, die Texte des ersten Tags auch nur sehr bedingt Anlass boten. Lisa Krusche erzählte aus einer Zukunft, deren Konturen bewusst ins Unscharfe gehen. Es geht um eine Judith, die gleich im metaphorisch gewagten ersten Satz in einem Swimmingpool platziert wird, dessen Wasser grün leuchtet „wie giftige Milch“.

Gelegentlich wird man im Text von nicem Internetslang angetriggert, dann geht es in ein Videospiel, es gibt Briefe von einer Camille und detailbeschreibungsfreudiges Science-Fiction-Worldbuilding, dem eines allerdings fehlt: ein Sog, der einen hineinzieht und auf diese Welt wirklich neugierig macht.

Fiktive Reise nach Rumänien

Anders unbefriedigend: Leonhard Hieronymi, der im Porträtfilm seine Liebe zum Stunt bekennt, zu dem er auch seine Bachmann-Lesung erklärt. In der Aufzeichnung dann eine Kappe mit dem, holla, doppeldeutigen Schriftzug „Lies“, und ein Text, der von einer womöglich halb oder ganz fiktiven Reise des Erzähler-Ichs nach Rumänien erzählt.

Das Ich reist nicht allein, sondern mit seinen Kumpels Marius und Pascal, die der Kenner der Szene unschwer als die Schriftstellerkollegen Marius Goldhorn (gerade ist sein Debüt-Roman „Park“ in der edition suhrkamp erschienen) und Pascal Richmann entziffert.

Letzteres ist ein Problem, da bin ich nämlich befangen, denn Pascal kenne ich und schätze ich ganz außerordentlich, und zwar persönlich, aber auch für sein grandioses Buch „Über Deutschland, über alles“, das mit ähnlichen Mitteln wie Hieronymi unendlich viel raffinierter umgeht. Mir ist allerdings nicht ganz klar, was aus der Bekanntschaft nicht mit dem Autor, sondern mit dem Protagonisten eines Texts rezensionsethisch folgt.

Eingezogener doppelter Boden

Leider, oder zum Glück für mich, misslingt Hieronymi sein Stunt aber sowieso, der, da folge ich der einen Deutungslinie in der Jury, den ständig eingezogenen doppelten Boden der Selbstverwerfung des über Wikipedia-Wissen nicht hinausgelangenden Protagonisten als Abgrund missversteht.

Schon klar: Nichts an diesem Text ist 1:1 zu verstehen, aber ob das Realitäts- beziehungsweise Selbstreferenzverhältnis nun bei 1:1,3 liegt oder bei 1:1,5, dieser Unterschied macht das Kraut nicht fett und die Erzählung vielleicht zum Stunt, aber nicht im hinreichenden Maß zu Literatur.

Ganz anders, nämlich Literatur-Literatur, gab es von Carolina Schutti, eingeladen von Brigitte Schwens-Harrant, der zweiten Neuen in der Jury, die mit zwar in der Regel klug differenzierten, aber sehr seltenen Wortmeldungen am ersten Tag recht unauffällig blieb.

Talkshow-Logik des Ganzen

Was, nebenbei gesagt, das Problem der Talkshow-Logik des Ganzen verdeutlicht: Schwens-Harrant hat fraglos mehr und Spannenderes zu sagen als die Dumpfbacke Tingler, aber sie kam vor lauter Zurückhaltung an diesem ersten Tag selten dazu.

Allerdings war auch der Text ihrer Kandidatin kein Hit. Supersorgfältig gefeilte Innenlebensprosa, wie man sie, da hatte zu allem Unglück sogar Tingler einen Punkt, aus Klagenfurt-Zusammenhängen furchtbar vertraut ist. Die Sorte gut gearbeiteter Text, der mit jedem seiner sorgfältig gebosselten Sätze die Sehnsucht nach gröberen Reizen weckt.

Klaus Kastberger versprach: Von der Sorte kommt in den Tagen noch mehr, aber viel besser. (Cliffhanger der nur halb überzeugenden Art, für mich jedenfalls.)

Internet-Frühzeit-Nostalgie

Zu guter, aber auch nicht ganz überzeugender Letzt: Jörg Piringer, den Jurorin Nora Gomringer aus einer ganz anderen Ecke als der Klagenfurt-Literatur-Literatur mitgebracht hatte. Piringer macht sonst Sachen mit Elektronik, visuelle Posie, Computerspiel-Kunst. Seiner Erzählung „kuzushi“ gelang die Quadratur des Kreises, nämlich die Frage nach der Poesiefähigkeit von künstlicher Intelligenz klagenfurtkompatibel zu machen, nur halb.

Der Text selbst blieb nämlich fast ganz konventionell, wenn auch bei aller Internet-Frühzeit-Nostalgie klug. Spannender waren dennoch die Selbstverständigungsgespräche, die der offenkundige Versuch des Autors, sich an den Kontext anzupassen, hervorrief. Der Verdacht stand im Raum, Piringer traue dem von der Jury verkörperten Literaturbetrieb ein Verständnis der Dinge, die er sonst eigentlich treibt, gar nicht erst zu.

So blöd, diesen Move nicht zu erkennen, war die Jury jedenfalls nicht. Am Ende des ersten Tags stand im Kräftemessen zwischen Literatur und Diskurs, um das es in Klagenfurt immer schon eigentlich geht, darum ein Punktsieg für die Kritik.

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