Erster Spielfilm von Brezel Göring: Männer sind ein Problem
Brezel Görings Spielfilm „Für immer 16“ ist ein Super-8-Spektakel. Bunt, frei, bekloppt. Er beruht auf dem Roman „Lebenslänglich vierzehn“ von Françoise Cactus.
Foto: Rapid Eye Movies
„Sie sprang auf und betrachtete sich im Spiegel. Wirklich, sie hatte die Nase voll davon, hässlich zu sein, jeden Tag hässlicher zu werden! Ihre Wut ließ sie noch schauderhafter aussehen […] Sie war zu alt, und es wurde immer schwieriger, es zu vertuschen.“ „Lebenslänglich vierzehn“ heißt der Roman der verstorbenen Françoise Cactus, der vor einigen Jahren, posthum und pünktlich zu Cactus' 60. Geburtstag, im Band „Oh Oh Mythomanie“ erschienen ist.
Partner und Bandkollege Brezel Göring, mit dem Cactus 1993 die illustre Musikgruppe Stereo Total gründete, hat die Auswahl des sehr bunten, sehr lustigen Kompendiums kuratiert. Von dessen Cover guckt eine ziemlich coole Françoise Cactus: herausfordernd und offen, von draufgängerischer Wärme. Das Buch versammelt Gedichte, frech-laszive Zeichnungen, Fotografien – und ebenjenen Roman, den Cactus eigentlich auf eine Länge von 600 Seiten ausdehnen wollte. In seiner veröffentlichten Fassung sind es 160 Seiten geworden. Sie sind es, die Brezel Göring nun als Drehbuchvorlage für seinen ersten Film dienten. Sein Titel: „Für immer 16“.
Er kommt nicht von ungefähr. Auf dem Album „Musique Automatique“ (2001), das direkt mit einigen der populärsten Stereo-Total-Stücke eröffnet („Musique automatique“, „Liebe zu dritt“, „Wir tanzen im 4-Eck“), harrt das kurze „Für immer 16“ an achter Stelle. „Ich könnte deine Mutter sein / Dann hättest du den Salat / Aber für mich wäre das fein / Hinten auf deinem Fahrrad / Ich will bleiben …“. Und als Cactus am 17. Februar 2021 dem Brustkrebs erlag, schrieb Göring: „Rest in peace, notre amie! FOREVER 16!“
„Für immer 16“. Regie: Brezel Göring. Mit Lilith Stangenberg, Chang Wang u.a. Deutschland 2026, 73 Min., ab 28. August im Kino.
Der lange Vorlauf, bevor es um den Film gehen darf, hat einen Grund. Denn obwohl „Für immer 16“ als eigenständiges Werk sehr gut bestehen kann, ist sein ganzer Kern doch eingemeindet in das Werk Stereo Totals und vielleicht noch mehr in die Biografie Françoise Cactus'. Kurz: „Für immer 16“ macht Spaß, wenn man ihn einfach so sieht. Aber es macht auch Spaß, wenn man beim Lesen plötzlich die Stimme Lilith Stangenbergs im Ohr hat.
Eine eher leise, wenig prononcierte Stimme, was vielleicht daran liegt, dass Göring „Für immer 16“ vorvertont hat: Die Tonspur ist das Ergebnis der ersten Leseproben des Drehbuchs. Stangenberg spielt Charlotte, Zentrum und Abgehängte, eine durch ein überraschendes Erbe zu Reichtum gekommene mittelprächtige Schauspielerin mittelprächtiger TV-Formate mittleren Alters. Wie die Buch-Charlotte findet sich auch die Film-Charlotte unansehnlich. Man solle sie erst einmal im Badeanzug erleben, da könne man sehen, wie sehr sie zugenommen habe. All diese Fettröllchen …
Sie erlebt sich so
Das ist, betrachtet man Stangenberg in „Für immer 16“ und auch sowieso, natürlich völlig absurd, fast schon verletzend – so schön, so jung torkelt, raucht, sinniert sie durch Palermo. Im Buch ist Charlotte, wie Cactus gleich das erste Kapitel betitelt, „alt und potthässlich!“ Zumindest erlebt sie sich so. Einerseits könnte Göring damit den Umstand karikieren, dass Frauen nicht selten die Tendenz haben, sich grundlos niederzumachen. Andererseits ist die Besetzung mit jungen Darstellerinnen – die im Roman sicherlich zwischen 50 und 60 Jahre alte Helena wird im Film von der 17-jährigen Mücke verkörpert – auch ein schlauer Kniff.
Im Vorwort zu „Oh Oh Mythomanie“ schreibt Brezel Göring: „Die Erzählung sollte, so der Plan von Françoise, unterbrochen werden durch Rückblenden über das Treiben der drei Protagonisten in der Subkultur der Mauerstadt.“ Und tatsächlich schimmern derlei Momente in „Lebenslänglich vierzehn“ häufig durch. Es sind lesenswerte und amüsante Einsprengsel, bissige Kommentare über dünne Speed-Männer und -Frauen in den achtziger Jahren, die riesiger und riesiger werdende Love Parade („quelle horreur!“).
Auf sie wird in „Für immer 16“ – wahrscheinlich auch aus produktionstechnischen Gründen – verzichtet. Genauso wie auf die spanische Vulkaninsel Lanzarote und die eindrucksvolle Villa, in die sich Charlotte, Helena und deren schwuler Freund Oskar (besetzt mit Drummerin Chang Wang aus Görings Bandprojekt Psychoanalyse) eingemietet haben. Dafür ist ein wunderbar verdrecktes, eher hässliches Palermo zu sehen. Müll am Strand, schäbige Bettenburgen.
Den Vibe früherer Tage aufleben lassen
Hier arbeiten sich die drei an den Ruinen ihrer Freundschaft ab. Ein schöner, wenn auch obskurer Fremder, der mit allen ein Techtelmechtel beginnt – Rudolph (Twiggy Glouglou) –, sorgt für Schärfe und Streit. Ohnehin sind Männer ein Problem: So bereitet Charlottes sehr viel jüngerer Freund, der sich entweder nur sporadisch und wenn, dann gelangweilt meldet, Kummer. Immerhin kann Rudolph für das Trashfilm-Projekt nutzbar gemacht werden, das die drei ehemaligen amies initiieren, um den Vibe früherer Tage aufleben zu lassen.
In ihm sinnt die Serienmörderin Demenzia auf Rache, Rudolph wird mit allerlei Low-Budget-Tricks zu Leibe gerückt. In „Lebenslänglich vierzehn“ sind Charlotte, Helena und Oskar durch Garstigkeit miteinander verbunden. Ihr gemeinsames Projekt („Die Friseure“) samt Kunstraum auf der Potsdamer Straße ist auch Hauptzentrale der Lästerei und Abgrenzung. Im Morden nun kommen sich die drei in Buch und Film wieder und endlich näher. Das geteilte Feindbild „Mann“ verbindet – nicht umsonst war ein früheres Vorhaben von „Die Friseure“ eine Soap-Opera, basierend auf Valeria Solanas S.C.U.M.-Manifest.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Für immer 16“
Der Film-im-Film-Dreh wird zum Hauptmotiv in Brezel Görings knackig kurzem (73 Minuten) Super-8-Spektakel. Die Bilder von Kameramann und Produzent Stephan Holl sind alles andere als amateurhaft, sie sind bunt, frei, bekloppt. „Für immer 16“ könnte die Pulp-Verfilmung eines frühen Georges Simenon (den Charlotte verehrt) sein, gekreuzt mit einer guten Portion Female Revenge. Eine Spielwiese, immer wieder kommentiert von den Stücken Stereo Totals.
Im Anschluss an die Vorführung sagt Göring, Idee sei es gewesen, „die Stimme der Verstorbenen noch mal zu Gehör zu bringen“. Das geschieht selbstredend durch die gesungenen Zeilen der Françoise Cactus. Sie vermittelt sich aber auch durch die Nöte und Unverfrorenheit der Protagonist:innen, ihr Nicht-einverstanden-Sein mit dem Erwachsenwerden. Im Buch erkennt Charlotte ihre alten Freunde sofort wieder: „Die einzigen schrägen Vögel, die einzigen lebendigen Wesen inmitten der Neckermann-Zombies.“ Lebensüberdrüssig sind sie trotzdem. „Aber sterben wollten sie erst nach dem Urlaub.“
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