: Erst Öllager, dann Kunstmuseum
Worin die aktuelle Strategie der russischen Armee besteht und was das für Städte wie das westukrainische Luzk bedeutet
Foto: Pressedienst des staatlichen Katastrophenschutzdienstes der Ukraine/reuters
Von Juri Konkewitsch
Die westukrainische Stadt Luzk, die 60 Kilometer von der Grenze zur EU entfernt liegt, ist täglich russischen Angriffen ausgesetzt. Vier oder fünf Luftalarme am Tag überraschen die Einheimischen längst nicht mehr.
Doch in diesem Herbst müssen die Menschen sich immer häufiger in Schutzräume begeben. Im fünften Jahr der großangelegten Invasion setzen die Russen darauf, die Bevölkerung in Städten weit hinter der Front einzuschüchtern. Daher führen sie dort verstärkt wahllose Angriffe durch. Am Mittwoch kamen in Luzk sechs Menschen ums Leben, als eine Drohne vom Typ „Geran-5“ in einem Wohnviertel in ein Lager-Geschäft einschlug. Fast 20 weitere Personen wurden verletzt.
„Es war ein direkter Treffer. Die Trümmerteile flogen direkt über unsere Köpfe hinweg. Wir haben das Blut der Verletzten mit Taschentüchern abgewischt und den Rettungsdienst sowie die Feuerwehr gerufen“, sagt Maria, eine Bewohnerin von Luzk. Nach der Explosion half sie dabei, die Verletzten aus dem Gebäude zu tragen.
An jenem Tag hatten russische Drohnen zunächst ein Öllager in Luzk angegriffen und anschließend zivile Infrastruktur ins Visier genommen. Neben einem Geschäft wurden ein Wohnhaus, die Lagerräume einer Buchhandlung sowie das Museum für zeitgenössische ukrainische Kunst beschädigt.
Die Inhaberin der Buchhandlung, Switlana Bohinska, lässt sich trotz des Schocks über den Angriff nicht aus der Ruhe bringen. Sie berichtet, dass einige Mitarbeiter leichte Verletzungen erlitten hätten. In den Lagerräumen seien Bücher und Lehrbücher im Wert von Millionen Hrywnja aufbewahrt worden. „Die Russen vernichten schon seit Langem ukrainische Bücher. Auch Lager und Druckereien des Verlags ‚Ranok‘ wurden niedergebrannt, der Markt ‚Petriwka‘ in Kyjiw wurde zerstört und jetzt brennt das ‚Haus des Buches‘ in Luzk. Wir werden alles wieder aufbauen. Das Wichtigste ist aber, Menschenleben zu retten“, sagt sie.
Trümmer einer abgeschossenen Drohne beschädigten auch das Museum für zeitgenössische ukrainische Kunst. Ein Teil des Kunstprojekts „Kosmogonie“ – das weltweit größte Gemälde mit einer Fläche von mehr als 2000 Quadratmetern – geriet in Brand.
Das Projekt besteht aus sechs Teilen, die drei Fragen nachgehen: Woher wir kommen, wer wir sind und was aus uns werden wird. Am stärksten beschädigt wurde der sechste Teil – „Die Zukunft“. „Durch Angriffe auf Kunst und Kultur will Russland der Ukraine die Zukunft rauben“, sagt Museumsdirektorin Tetjana Repnyzka.
Derzeit prüft das Museum zwei Optionen: das beschädigte Gemälde zu restaurieren oder es als Zeugnis der Kriegsfolgen so zu belassen, wie es jetzt ist. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Johannes Volkmann reagierte auf den Angriff. Er hatte das Museum im August besucht und dort mit ukrainischen Jugendlichen über die europäische Zukunft des Landes gesprochen. „Russlands Terror aus der Luft richtet sich gegen die europäische Kultur“, schrieb er auf X.
Bei einem anderen Angriff auf Luzk wurde ein Zug im Bahnhof getroffen. Opfer gab es keine, da die Fahrgäste rechtzeitig aus den Waggons evakuiert wurden.
Die Drohnen fliegen auf zwei Routen in den Westen der Ukraine. Die „Route des Todes“ verläuft in der Nähe der Grenze zu Belarus. Dort gibt es sehr viele Wälder, in denen es für die Ukrainer oft unmöglich ist, Flugabwehrstellungen zu errichten. Von Russland aus legen die Drohnen eine Strecke von 700 bis 800 Kilometern bis nach Luzk oder Riwne zurück. Die andere Route führt von der besetzten Krim bis zur Grenze nach Polen. Sie verläuft entlang der Grenze zu Moldau und Transnistrien.
Das ukrainische Verteidigungsministerium arbeite an Gegenmaßnahmen gegen strahlgetriebene Drohnen, teilte der ukrainische Verteidigungsminister Jewhen Chmara unlängst bei einem Treffen mit Journalisten mit. Ihm zufolge läuft die Abwehr von Bedrohungen aus der Luft nach einem System aus mehreren Staffeln, zu dem eine luftgestützte Komponente gehört – darunter auch Flugzeuge des Typs Mirage und F-16.
Während Gegenmaßnahmen vorbereitet werden, müssen Schüler und Studierende in Luzk dreimal täglich den Unterricht unterbrechen und Schutzräume aufsuchen. Patienten in Krankenhäusern werden eilig per Aufzug in die Kellerräume gebracht. Die Luftalarme legen das städtische Leben lahm. Doch bislang haben sie nicht dazu geführt, dass die Einwohner von den Behörden fordern, sich den russischen Truppen zu ergeben.
Aus dem Russischen Barbara Oertel
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