: „Erinnerungskultur wird geformt von denen, auf die gehört wird“
Die Behindertenrechtsaktivistin Fia Neises über Erinnerungskultur, Behinderungen und ihr neuestes Stück BIOFUCK am Berliner Ballhaus Ost
Interview Lilli Braun
taz: Zusammen mit Ihrem Kollektiv haben Sie sich in Ihrem neuesten Projekt BIOFUCK am Berliner Ballhaus Ost mit dem Konzept von Normbiografien und Erinnerungskultur beschäftigt. Welche Fragen haben Sie sich gestellt?
Fia Neises: Wir haben uns gefragt, wer eigentlich in Erinnerungskultur fehlt. Denn die wird geformt von denen, auf die gehört wird. Behinderte Leute sind außerhalb dieses Kosmos, derer, denen zugehört wird, außerhalb der Gesellschaft. In Deutschland gibt es zum Beispiel noch nicht mal eine Zählung davon, wie viele blinde und sehbehinderte Menschen es gibt. Wer bekommt also Aufmerksamkeit und wer nicht? Wenn man keine Erinnerungskultur schafft mit allen, die dazugehören, dann kann man auch keine Zukunft gestalten, in die alle einbezogen sind.
taz: Sie beziehen deshalb alle ein, explizit eben auch an jene, die keine lineare Biografie haben, keinen normierten Körper. Wie sind Sie an diesen Anspruch herangegangen?
Neises: Für uns alle war total klar, dass wir nichts an Barrierefreiheit am Ende anfügen wollen, sondern ästhetische Barrierefreiheit stattfinden soll. Zusätzlich zu unserer Produktionszeit hatten wir Forschungsresidenzen, sodass wir uns damit ausführlich auseinandersetzen konnten.
taz: Ästhetische Barrierefreiheit oder im englischen Aesthetics of Access ist ein Konzept, das Barrierefreiheit nicht als Zusatz oder Service versteht, sondern von Beginn an mit einbezieht.
Neises: Direkt übersetzt heißt es „Ästhetik des Zugangs“, das bedeutet aber einfach nur, dass du generell reinkommst. Barrierefrei bedeutet, dass etwas für dich autonom nutzbar ist. Der Raum, den wir versuchen zu schaffen, ist einer, in dem Menschen nicht behindert werden. Bei der Gestaltung gilt: Nichts ohne uns, über uns. Behinderte Leute selbst müssen gestalten.
taz: Wie haben Sie das Konzept konkret umgesetzt?
Neises: Jede Entscheidung, die wir in dem Stück treffen, hat einen langen Rattenschwanz. Für die Videoebene, für die Übertitelebene, für die gebärdensprachliche Ebene, für die Audiodeskriptionsebene. Wir haben uns viel damit beschäftigt, wie wir das Bühnengeschehen übersetzen können. In der Tauben-Dramaturgie ging es darum, Klang und sprachliche Metaphern in Bilder und Deutsche Gebärdensprache zu übersetzen und in der Blinden-Dramaturgie ging es um die Übertragung von rein sichtbaren Elementen in taktile oder auditive Ebenen. Wir fragen uns aber auch, wie wir eine relaxte Umgebung schaffen können. Wie können sich körperlich-behinderte Menschen so wohlfühlen, dass sie jederzeit einfach rein und raus können? Und dazu gehört nicht nur das Stück selbst, sondern auch die Frage, wie komme ich überhaupt zum Theater? Habe ich die Möglichkeit, entspannt anzukommen? Unsere Bar hatte ein Menü in Brailleschrift. Das gehört für uns alles zum Theaterabend dazu.
Fia / Sophia Neises lebt seit 2015 in Berlin und ist freischaffende Performerin, Choreografin, Access-Dramaturgin, Theaterpädagogin und Behindertenrechtsaktivistin im Kulturbereich. Im letzten Jahr hat sie zusammen mit Irene Giró, Liv Schellander und Tanja Erhart das LIFT-Kollektiv gegründet, einer Konstellation von crip, queeren und migrantischen Körpern. In ihrer Zusammenarbeit möchten sie neue narrative und performative Räume schaffen und ästhetische Barrierefreiheit in den Mittelpunkt stellen.
taz: Sie beschäftigen sich viel mit Tanz und Performance, einer Kunstform also, die oft mit wenig Sprache arbeitet. Im Stück waren Sie für die Dramaturgie für blindes und sehbehindertes Publikum zuständig. Was war Ihnen in diesem Bereich wichtig?
Neises: Dass wir nicht diese „leisen Tänzer*innen“ sind. Im Tanz ist es das Gros, dass man sich so leise wie möglich bewegt. Es gibt bloß kein Stampfen, weil das bedeutet, dass man irgendwie ungeschickt oder holprig ist. Ich wollte da rauskommen, weil ich es liebe, die anderen Tänzer*innen zu hören und zu wissen, da ist eine physische Präsenz auf der Bühne. Dadurch kamen unterscheidbare Instrumente oder eben Geräusche dazu, die jede von uns an ihrem Kostüm oder am Rollstuhl hat. Und am Schluss beim gemeinsamen Tanzen mit dem Publikum gibt es sogar die Möglichkeit, uns zu berühren und den Tanz mit dem eigenen Körper zu spüren. Das gibt dem blinden Publikum Sicherheit.
taz: Im Stück gibt es eine Stelle, in der Sie sagen, dass Sie in Ihrem Leben erreichen möchten, dass Blinde und sehbehinderte Menschen Teil der Kunstszene sind. Was muss sich dafür verändern?
Neises: Ich meine klar, das eine wäre jetzt zu sagen, Politik, Finanzierung etc., aber das ist ja allen klar. Ich glaube, wir müssen rauskommen aus den eigenen Vorurteilen und eigenen Annahmen blinden Menschen gegenüber. Man sieht eine Person mit Blindenstock und zack, gehen die Vorurteile an. Das war mir schon auch wichtig, dieses Bild aus dieser Hilflosigkeit, aus dieser bemitleidenswerten Haltung, zumindest für die fünf Minuten auszuhebeln, in denen ich meinen Blindenstock auf der Bühne nutze. In denen ich bezahlt werde, dort zu sein und Publikum bezahlt, mich zu sehen. In denen ich den Raum selbstbewusst steuere. Ich glaube, wir müssen die Sehgewohnheit von diesen Verhaltensweisen hinterfragen.
taz: Wie können gerade Kunst und Kultur dazu beitragen, Sehgewohnheiten zu verändern?
Neises: Blinde Leute auf die Bühnen holen, aber sie auch als Publikum mitdenken. Sich immer zu überlegen: Moment, wen will ich eigentlich einladen? Und sich diese Frage ehrlich zu stellen und sich dann auch mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen. Weil nicht mitzudenken ist eine ganz klare Ausladung. Und diese Ausrede von, na ja, blinde Menschen kommen ja nicht, würde sich nur dann ändern, wenn man viel mehr Angebote für sie schaffen und als selbstverständlichen Bestandteil des eigenen Publikums betrachten würde. Wenn etwas nicht barrierefrei ist, dann kommen behinderte Leute nicht und werden damit letztendlich auch nicht als Teil der Öffentlichkeit anerkannt. Und dann gibt es wiederum auch keine Barrierefreiheit. Das ist ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen.
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