Erinnerung an Verschleppte in NS-Zeit: Schatten in Moabit
Das Projekt „Die Verschwundenen“ will mit provisorischen „Schattenfiguren“ an die ab 1933 aus dem Kiez vertriebenen Jüdinnen und Juden erinnern.
Die Hansabrücke ist ein Durchgangsort. Ein Radfahrer schreit eine Rentnerin in ihrem roten Škoda an, die ihm die Vorfahrt genommen hat. Reisende ziehen ihre Koffer hinter sich her, den Blick fest auf das Handy gesenkt. Doch am Geländer vor der Brücke stehen zwei Figuren und halten still. Am rostigen Geländer lehnen die reglosen Silhouetten, eine Frau, ein Mann. Hinter ihnen fließt die Spree.
Sie sind ein Teil von „Die Verschwundenen“. Das gleichnamige Projekt des Vereins „Sie waren Nachbarn e. V.“ verwandelt Moabit seit April 2026 in ein großes Mahnmal. Rund 35 dieser Schattenfiguren aus schwarz laminiertem Plakatmaterial stehen derzeit in dem Bezirk verteilt, wo bis 1933 jüdisches Leben pulsierte.
Anders als die im Boden eingelassenen Stolpersteine steht nicht jede Figur stellvertretend für ein Einzelschicksal. Statt Namen tragen sie einen gelben QR-Code. Scannt man ihn, öffnet sich eine Liste mit den Namen und biografischen Daten der jüdischen Berlinerinnen und Berliner, die aus Moabit verschleppt und deportiert, ermordet oder in die Flucht getrieben wurden. „Vor der NS-Zeit lebten etwa 2.000 Jüdinnen und Juden in Moabit“, sagt Thomas Schöndorfer, Mitglied des Vereins. „Nach dem Krieg war die Zahl der jüdischen Bewohner auf einen niedrigen dreistelligen Bereich geschrumpft.“ Unzählige seien als „U-Boote“ untergetaucht und hätten ihr Jüdischsein in der Zeit der Verfolgung versteckt.
Heute haben es selbst die Schattenfiguren schwer. Die aktuelle politische Stimmung, insbesondere die Debatte über den Nahostkonflikt, so Schöndorfer, gefährde das Gedenken. Einige der Figuren seien bereits zerstört worden. Es sind keine Denkmäler aus Granit oder Bronze, die in Moabit verteilt stehen. Die schwarzen Plakate wurden auf Dachlatten genagelt, zittern, wenn eine besonders starke Windböe sie erwischt. Es ist ein fragiles Gedenken.
Mit dem Bezirk hat sich der Verein auf eine befristete Genehmigung geeinigt: Bis Ende Juli dürfen die stummen Zeitzeugen an den Straßenrändern stehen. Die Initiatoren gehen regelmäßig ihre Runden und kontrollieren den Bestand. Was, wenn Figuren abgerissen oder zerstört wurden? „Dann müssen wir hoffen, dass wir genug Reserven im Keller haben, um nachlegen zu können“, so Schöndorfer.
Thomas Schöndorfer, Verein Sie waren Nachbarn e.V.
Auch außerhalb seines kleinen Vereins erfahre die Initiative Unterstützung. „Die Kirchen in Moabit haben sich sehr zugänglich gezeigt und ihre Grundstücke als Standorte zur Verfügung gestellt.“ Der 2015 gegründete Verein hat in der Vergangenheit bereits andere Gedenkaktionen geschaffen, so etwa zum Thema des Güterbahnhofs Moabit. Dorthin führt der Audiowalk „Ihr letzter Weg“, den der Verein gegründet hat. Interessierte können damit den Weg nachverfolgen, den jüdische Menschen kurz vor ihrer Deportation zurücklegen mussten, ausgehend vom Mahnmal am Standort der ehemaligen Synagoge Levetzowstraße. Für viele von ihnen war der Bahnhof das letzte Stück Berlin, das sie zu sehen bekamen.
Ein junger Mann auf einem Spreespaziergang wird auf die Figuren aufmerksam, lacht auf, nähert sich ihnen. Bleibt stehen. „True-Crime-Rätsel?“, sagt er zur Frau an seiner Seite. Sucht in der linken Hosentasche nach seinem Smartphone, scannt den Code. Den kleingedruckten gelben Text auf den Figuren liest er zunächst nicht: „Wir erinnern hiermit an über 2.000 Opfer des Nationalsozialismus in Moabit. Sie wurden deportiert, gingen ins Exil, versteckten sich oder brachten sich um. Das darf nie wieder vorkommen!“
Das Gesicht des Mannes wird ernst, sein Handy steckt er schnell wieder ein. Er lässt den Blick kurz auf dem Wasser vor sich ruhen. Seine Begleitung geht bereits weiter.
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