Erinnerung an NS-Verbrechen: Tötungsanstalt an der Havel
In Brandenburg (Havel) stand eine Vernichtungsanstalt des NS-„Euthanasie“-Programms. Heute führen Menschen mit Behinderungen durch die Gedenkstätte.
D as beklemmende Gefühl reist mit von Berlin nach Brandenburg an der Havel. Auch meine Schwester ist im Geiste dabei, ich muss oft an sie denken, seit der Termin in der Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasiemorde ausgemacht ist. Meine Schwester lebt in einer Wohnstätte für Menschen mit Behinderungen. Sie wäre damals zur Nazizeit womöglich in so einer Tötungsanstalt umgebracht worden, spukt es mir durch den Kopf.
In Brandenburg an der Havel gibt es inklusive Führungen: Menschen mit Behinderungen führen durch Gedenkstätte und Ausstellung. Christian Marx, Historiker und pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte, sagt, dass Gedenkstättenleiterin Sylvia de Pasquale 2015 den Wunsch nach Inklusion geäußert habe. „Wir hatten von Inklusion keine Ahnung“, erzählt Marx freimütig. Und so wurde Kontakt zur Lebenshilfe-Werkstatt in der Stadt aufgenommen, zu Carola Breuer – sie sitzt auch heute in der Runde.
Anfangs waren es zwölf Menschen mit Lernschwierigkeiten – „das ist der Begriff, den wir benutzen“, sagt Christian Marx –, die sich 2016 für den Job des Guides qualifizierten. Ein Jahr später ging es mit den inklusiven Führungen los. „Wir waren damit die Ersten in Deutschland“, sagt Marx.
Nicht alle sind bei der Stange geblieben, sieben sind bis heute dabei. Carola Breuer war jahrelang Sozialarbeiterin in der Werkstatt und hat zusammen mit Marx das Projekt aufgebaut. Nun in Rente macht sie weiter, weil ihr die Führungen Spaß machen – und bedeutend erscheinen: „Mir ist wichtig, dass diese Menschen gesehen werden und Bestandteil der Gesellschaft sind. Inklusion passiert doch nur durch das In-Kontakt-miteinander-Kommen. Man hat immer Angst vor dem Fremden, das ist mit den Ausländern so, das ist mit den Behinderten so – das ist Unwissenheit.“
Die Ideologie
Ab 1939 begannen die Nazis damit, im Sinne der „Rassenhygiene“ die Tötung von „lebensunwertem Leben“ vorzubereiten. Eltern sollten Kinder mit Behinderungen in Kliniken abgeben, wo man sie verhungern ließ oder durch eine Überdosis tötete.
„Aktion T4“
Erwachsene mit Behinderungen wurden zwischen 1940 und 1942 in eigens errichtete Tötungsanstalten verbracht, mehr als 70.000 Menschen wurden dort vergast. Die sogenannte Aktion T4 wurde von Hitlers Kanzlei aus organisiert, die Dienststelle saß in Berlin in der Tiergartenstraße 4.
Das Ende
Nach dem Ende der T4-Aktion wurde das Euthanasieprogramm dezentral fortgeführt. Insgesamt starben dabei in ganz Europa mindestens 200.000 bis 300.000 Menschen.
Zu Beginn stellen sich die Guides vor. Alf Düsterhöfft, Katrin König, Mike Poller, Christel Kindel und Mario Sommer arbeiten in verschiedenen Bereichen der Lebenshilfe-Werkstatt und bieten allen das Du an. „Und übrigens“, sagt Mario dann noch, „haben wir nächstes Jahr ein Jubiläum, wir sind dann zehn Jahre Guides.“ Christian Marx greift das auf: „Dann machen wir eine große Party.“
Doch hier und jetzt geht es erst mal um die Macht der Worte. Alf steht vor einem leeren Clipchart und fragt die Gäste der Führung, „wie die Nazis behinderte Menschen nannten“, und gibt sogleich Beispiele: „Sinn-los“, sagt er – Christel hält dazu ein Papier in die Luft, auf dem ebendieses Wort (mit Bindestrich) zu lesen ist, und pinnt es an. Die Nazis behaupteten, behinderte Menschen wären „un-nütz, minder-wertig, erb-krank – und nun kommt das schwierigste Wort: lebens-unwert“, sagt Alf. „Da fehlen den meisten Leuten die Worte.“
Die Guides führen die Gruppe nach draußen vor die lang gestreckte, hellgrau verputzte Hausfassade. Sie haben laminierte Unterlagen dabei und halten alte Fotos vor der Brust, damit wirklich alle an der Führung Teilnehmenden die Bilder gut sehen können: So hat es hier also früher ausgesehen, nicht alle Gebäudeteile von einst haben den Krieg überstanden.
Katrin liest dazu einen Text in großen Druckbuchstaben ab. „Hier“– und sie zeigt dabei mit dem Arm auf die Wand hinter sich – „sperrten die Nationalsozialisten ab 1933 politische Gegnerinnen und Gegner ein. 1939 wurde es eine Euthanasieanstalt. Das heißt: Menschen wurden hier getötet. Heute befindet sich in dem Gebäude die Stadtverwaltung“, sagt Katrin und hält das Foto von damals wieder hoch.
Mitten in der Stadt
Das Gelände mitten in der Stadt am Nicolaiplatz – von den Einheimischen liebevoll „Nico“ genannt – war ursprünglich ein Landarmen- und Invalidenhaus, ab 1820 wurde es als Zuchthaus genutzt. 1933 richtete die Polizeiverwaltung Brandenburgs dort eines der ersten Konzentrationslager auf reichsdeutschem Gebiet ein, das bis Ende Januar 1934 Bestand hatte.
Knapp sechs Jahre später, Anfang Dezember 1939, wurde ein Großteil des Strafanstaltkomplexes zur Mordstätte für das nationalsozialistische Euthanasieprogramm „Aktion T4“ hergerichtet. Zwischen Februar und Oktober 1940 tötete das Personal dort mehr als 9.000 Menschen. In den insgesamt sechs T4-Tötungsanstalten im Deutschen Reich wurden zwischen Januar 1940 und August 1941 etwa 70.000 Menschen umgebracht.
„Die Ermordung von Menschen durch Giftgas begann hier in Brandenburg an der Havel“, sagt Marx. Die meisten Ermordeten waren Menschen mit psychiatrischen Krankheitsbildern und Behinderungen sowie soziale Außenseiter.
Die Guides erinnern im Lauf der Führung auch an die politischen Gefangenen des Konzentrationslagers. Mario berichtet an der nächsten Station zum Beispiel vom Schicksal von Gertrud Piter, einer „Gegnerin der Nazis. In diesem Gebäude wurde sie 1933 ermordet. Sie war eine Wiederstandskämpferin“, sagt Mario, und Katrin ruft in die Runde hinein: „Sie hat etwas gegen Hitler gehabt!“
Christian Marx hat Zahlenmaterial parat: „Aus verschiedensten Parteien und Organisationen sind 1933/1934 hier Menschen eingesperrt worden, es waren rund 1.200, viele aus der Stadt Brandenburg. Drei Häftlinge kamen ums Leben und einige 1934 ins KZ Oranienburg.“
Mike treibt die Gruppe an. Er erklärt dabei, wie das hier vor dem Krieg aussah, wo früher die Busse mit den „Patienten“ auf den Hof durch ein heute nicht mehr existierendes Tor fuhren. „Da hinten“, deutet er mit dem Arm in Richtung Nicolaiplatz.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Christian Marx berichtet, wer hier getötet wurde: „Männer, Frauen, Kinder. Das älteste Opfer war ein 87 Jahre alter Mann, die Jüngsten waren zweijährige Kinder.“ Von den mehr als 9.000 Opfern in Brandenburg an der Havel wurden rund 8.000 identifiziert. „Von ungefähr 1.000 Menschen wissen wir also nicht, wer sie waren.“
Mike übernimmt es, die Gruppe wieder nach drinnen in die Ausstellung zu lotsen. Alf berichtet währenddessen, dass sich in diesem Gebäude früher womöglich die Kantine befand. „Hier wurde gegessen, und nebenan wurden Menschen ermordet, wie eklig.“
Der Rundgang durch die Ausstellung macht an ausgewählten Punkten Station. Da geht es etwa um die Meldebögen. Ein Exemplar ist zu sehen, in dem einer Frau als Diagnose „Idiotie“ angedichtet wurde. Das Schreiben hat in der linken Ecke ein freies weißes Feld und den Vermerk „Dieser Raum ist frei zu halten“ – aber wozu?
Ein Rollenspiel verdeutlicht die monströse Bürokratie hinter dieser Tötungsanstalt. Christian Marx spielt dafür einen Mitarbeiter der Euthanasiemordaktion aus Berlin, Alf den Direktor der Anstalt, der für das Ausfüllen der Meldebögen verantwortlich war. Beide tun so, als ob es sich um ein normales Krankenhaus handeln würde: „Bitte alles ordentlich ausfüllen!“ – nur eben die eine Stelle nicht. Ohne es auszusprechen, wofür das weiße Feld diente, wird mit der Zeit deutlich (und dann am Ende auch erklärt): Es diente der Selektion, dem Todesurteil.
Christel liest aus einem „Trostbrief“ an die Angehörigen, der die traurige Nachricht vom Tod überbringt, die wahre Todesursache aber verschleiert. In diesem Brief ist von einer „septischen Angina“ die Rede und davon, dass „trotz aller Bemühungen unserer Ärzte die Versuche, die Patientin am Leben zu erhalten, erfolglos blieben“.
„Lügen über Lügen“, macht Alf weiter. Das ging schon mit dem Namen der Einrichtung los. „Landespflegeanstalt Brandenburg an der Havel – hier wurde nie jemand gepflegt, hier stand kein einziges Bett, Menschen, die hier ankamen, wurden sofort getötet.“ Die Namen der unterzeichnenden Ärzte waren erfunden, oft auch die Orte des Todes. Die Todesursachen sowieso. „Alles, um die Mordtaten zu verschleiern“, fasst Alf entrüstet zusammen.
Alf Düsterhöfft, Guide der Gedenkstätte
Die Gruppe bleibt vor einer riesigen Kopie eines Familienfotos von 1912 stehen. Es zeigt die Feier der silbernen Hochzeit von Auguste und Samuel Scheuer; dazu sind alle Abgebildeten der jüdischen Familie mit den Lebensdaten aufgelistet. Einige konnten nach Argentinien fliehen. Lina Caroline Stern, geborene Scheuer, hatte nicht das Glück. Sie wurde am 1. Oktober 1940 im Sammeltransport mit 125 jüdischen Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Gießen nach Brandenburg an der Havel verlegt – und dort mit Kohlenmonoxid getötet. „Der jüdische Glaube reichte zum Töten“, liest Christel vor. „Rund 800 Jüdinnen und Juden wurden hier ermordet.“
Alf berichtet davon, dass es zu Unruhen gekommen sein soll. Dass es da hinter den Mauern am Nicolaiplatz nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, hätten viele wohl geahnt haben müssen, erzählt er. „Die Leute wurden stutzig, weil es ordentlich gestunken hat und die Schornsteine auch im Sommer rauchten. Und dann die vollen Busse, die wieder leer herausgefahren sind.“
Die Euthanasieanstalt in Brandenburg an der Havel wurde im Herbst 1940 geschlossen. Das Morden aber, sagt Alf, ging weiter: in den Krankenhäusern, den Pflegeanstalten, durch Verhungern, Medikamente, Spritzen. „Die erste Form der Euthanasie war zu auffällig, deshalb wurde im Verborgenen weitergemordet“, beendet Alf seinen kurzen Vortrag.
„Noch irgendwelche Fragen?“ Nein, keine. Es herrscht bedrücktes Schweigen.
Seltsame schwarze Flecken
Jetzt, wo wir wieder nach draußen gehen, an den Ort des Tötens, wird es noch stiller. Keiner muss, darauf wird ausdrücklich hingewiesen, aber alle wollen sich das zumuten. Die Gruppe geht über eine asphaltierte Fläche (auf der Autos parken) auf Stelen zu, auf denen Bilder und Lebensdaten von getöteten Menschen aus verschiedenen Opfergruppen zu sehen sind. Dahinter sind die Grundmauern eines nicht mehr existierenden Gebäudes zu erkennen, auf dem Boden liegt Schotter: Hier stand die Scheune, auf alten Fotos ist sie zu sehen. An der Grundstücksgrenze steht eine Ziegelmauer mit seltsamen großen schwarzen Flecken.
Die Guides stellen sich, diese Mauer im Rücken, in Reihe auf. Mike ergreift als Erster das Wort. „In der Scheune war die Gaskammer. Sie war klein, drei Meter breit und fünf Meter lang. Dahinten“ – und er zeigt darauf –, „wo die schwarzen Flecken sind, waren zwei Öfen.“
In der Gaskammer wurden die Menschen mit Giftgas getötet, sie mussten sich ausziehen, ihnen wurde gesagt, „dass sie dort frische Luft einatmen oder duschen, doch sie wurden schamlos belogen“, sagt Alf, der als Zweiter spricht. Ein Arzt sah sich die Menschen kurz an, untersuchte sie aber nicht, sondern dachte sich Todesursachen aus und „guckte auch nach Goldzähnen – diese Menschen bekamen einen Strich auf die Schulter“, damit man nach dem Tod die Goldzähne herausbrechen konnte, ohne lange danach zu suchen. „In den Verbrennungsöfen wurden die Menschen verbrannt“, sagt Alf – „mitten in der Stadt.“
Schweigen. „Will noch jemand was ergänzen?“, fragt Alf die anderen Guides. „Nein“, sagt Katrin, „du hast alles gesagt“, um dann doch noch über Elvira Hempel – Diagnose „schwachsinnig“ – zu sprechen, die als Achtjährige wie durch ein Wunder kurz vor der Gaskammer vermutlich von einem Arzt den Befehl bekam, sich wieder anzuziehen. Sie kam in die psychiatrische Anstalt bei Magdeburg, aus der sie nach Brandenburg an der Havel – zum Getötetwerden – gekommen war. „Dort erlebte sie das Kriegsende“, erzählt Katrin.
Am Ende können alle Teilnehmenden einen Stein auf Fotos von Stationen der Führung legen. Die meisten landen auf dem Foto des Richters Lothar Kreyssig (1898–1986) aus Brandenburg an der Havel, der sich mit einer Strafanzeige gegen das Töten gestellt hat. Kreyssig wurde zwangsbeurlaubt und im März 1942 in den Ruhestand versetzt. Michel, einer der Teilnehmenden, erklärt, warum sein Stein auf dem Foto von Kreyssig liegt: „Das war mutig, was er getan hat.“
Die Nachfrage nach den inklusiven Führungen ist groß. „Wir sind gut gebucht von Auszubildenden, gerade denen in sozialen Berufen“, sagt Carola Breuer, „und von Schulklassen aus Brandenburg an der Havel.“ Angefangen habe es 2017 mit über 20 Führungen, letztes Jahr seien es über 60 gewesen. „Diese Woche sind wir drei Tage hier“, sagt sie und schiebt hinterher: „Wir sind ein eingespieltes Team.“
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