Erinnerung an Hanau-Anschlag: Wessen Normalität

Knapp sechs Monate nach dem rassistischen Anschlag von Hanau fordert ein CDU-Politiker, wieder zur Normalität zurückzukehren. Was für ein Hohn!

Brüder-Grimm-Nationaldenkmal in Hanau mit Blumen und Kerzen

Brüder-Grimm-Nationaldenkmal: Gedenkort für die Opfer des rechten Terroranschlages in Hanau Foto: Andreas Arnold/dpa/picture alliance

Bald ist es sechs Monate her, dass ein rechter Attentäter neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordete.

Seit dem rechten Anschlag werden an einem Denkmal der Brüder Grimm mitten auf dem Marktplatz in Hanau Blumen, Kerzen und Bilder der Ermordeten aufgestellt. Das Denkmal hat sich zum Gedenkort entwickelt. Für die Angehörigen, für alle Hanauer:innen.

Den CDU-Landtagsabgeordneten Heiko Kasseckert stört das. In einem Gastkommentar im Hanauer Anzeiger forderte er kürzlich, dass die Stadt zur Normalität zurückkehren müsse. Zur Bewältigung von Trauer gehöre auch das Loslassen, schrieb er. Er wünsche sich, dass das Nationaldenkmal wieder ausschließlich den beiden Brüdern gewidmet werde. Schließlich überstand es „alle Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges“.

Kasseckert schreibt wie jemand, der den starken Wunsch hat, das Andenken einfach wegzuwischen. Wie einen Fleck, der stört, weil er an Unangenehmes erinnert.

Betroffene werden überhört

Die Initiative 19. Februar, die sich kurz nach dem Anschlag von Hanau gründete und aus Angehörigen und Un­ter­stützer:innen besteht, schreibt in einer Pressemitteilung als Reaktion: „Es darf kein Zurück zu einer Normalität geben, in der sich ein solch rassistischer Anschlag ereignen konnte. Es muss sich etwas ändern in dieser Gesellschaft.“

Viel zu viele Jahre wurde von rassistischer, antisemitischer und rechter Gewalt Betroffenen nicht ausreichend zugehört. Sie wurden übergangen, vergessen. Ihre Erfahrungen und Ängste wurden weggewischt, so wie es jetzt auch der CDU-Politiker versucht. Wegwischen, vergessen.

Wer wegwischt, muss sich nicht fragen: Was habe ich (als Politiker) dazu beigetragen, dass so eine Tat passieren konnte? Welche Fehler habe ich begangen?

Ein Davor und ein Danach

Die Forderung nach Normalität ist nicht nur respektlos gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen. Sie geht auch an der Realität vorbei. Zurück zu welcher Normalität? Zu einer, in der Menschen in Angst vor rechtem Terror leben müssen? Oder zurück zu wessen Normalität? Der von Kasseckert, die eben nicht von rassistischer Gewalt geprägt ist?

Es kann keine Normalität nach Terror geben. Es kann nur ein Vorher geben und ein Nachher.

Das Mindeste, was getan werden muss, ist deshalb, zu erinnern, für immer. Und dann dafür zu sorgen, dass das Nachher sicherer ist als das Vorher.

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Redakteurin für Gesellschaft und Medien im Ressort taz zwei. Studierte Ethnologie, Gender Studies sowie Osteuropastudien in Berlin und Hamburg. Schreibt über Diversitätsfragen, russisch-jüdische Migration, Pressefreiheit in Osteuropa. Freie Podcasterin.

Am 19. Februar 2020 erschoss der Rechtsextremist Tobias R. an drei verschiedenen Tatorten in der Hanauer Innenstadt neun Menschen:

Kaloyan Velkov, ermordet mit 33 Jahren.

Fatih Saraçoğlu, ermordet mit 34 Jahren.

Sedat Gürbüz, ermordet mit 30 Jahren.

Vili Viorel Păun, ermordet mit 22 Jahren.

Gökhan Gültekin, ermordet mit 37 Jahren.

Mercedes Kierpacz, ermordet mit 35 Jahren.

Ferhat Unvar, ermordet mit 22 Jahren.

Hamza Kurtović, ermordet mit 22 Jahren.

Said Nesar Hashemi, ermordet mit 21 Jahren.

Später ermordete der Attentäter seine Mutter Gabriele R., 72 Jahre alt.

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