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Zwangsverhütungen in Grönland„Undskyld“ sagen reicht nicht

Kommentar von Barbara Oertel

Dänemarks Regierung entschuldigt sich für Zwangsverhütungen von Grönländerinnen. Doch angesichts des Leids wären Entschädigungen noch besser.

Jahrzehntelang hat Dänemark Grön­län­de­r*in­nen mit Uterus zwangssterilisiert, nun gab's ein offizielles „Entschuldigung“ dafür Foto: Kwiyeon Ha/AP/dpa

S ieh mal eine/r an: Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen kann mea culpa. An die Adresse von Grönländerinnen gerichtet, sagte sie, es tue ihr leid, was geschehen sei. Konkret geht es um 4.500 Frauen – oft noch im Teenageralter –, denen zwischen 1960 und 1992 Spiralen zwecks Verhütung einer Schwangerschaft eingesetzt worden waren – selbstredend ohne ihr Einverständnis und oft auch ohne ihr Wissen. Diese Entschuldigung im Namen des dänischen Staates war überfällig. Ob sie jedoch mehr wert ist als ein Placebo in Form einer hehren Absichtserklärung, darf bezweifelt werden.

Bekanntermaßen steht es mit den Beziehungen zwischen Dänemark und Grönland – die einstige Kolonie ist heute ein politisch autonomer Bestandteil des Königreichs – derzeit nicht zum Besten. Bei einer wachsenden Anzahl von Grön­län­de­r*in­nen machen sich deutliche Absetzbewegungen von Kopenhagen bemerkbar – die unaufgearbeitete dunkle Vergangenheit wie der „Spiralenskandal“ ist nur ein Grund dafür. Vielmehr fühlen sich viele der rund 57.000 Be­woh­ne­r*in­nen Grönlands diskriminiert und als Bür­ge­r*in­nen zweiter Klasse.

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Zwangsverhütung in Grönland

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Das Dumme ist nur, dass die rohstoffreiche Insel auch bei US-Präsident Donald Trump Begehrlichkeiten und Anschlussfantasien geweckt hat. Und dem vermeintlichen Friedensstifter ist bekanntlich jedes Mittel recht, um seine Ziele zu erreichen. Laut dänischen Medienberichten sollen derzeit drei Trump-Emissäre in Grönland ihr Unwesen treiben und für eine „freundliche“ Übernahme werben.

Dass Kopenhagen Handlungsbedarf sieht, wäre da nicht verwunderlich. Doch die betroffenen Grön­län­de­r*in­nen werden Frederiksen beim Wort nehmen. Ihrer Entschuldigung müssen Entschädigungen folgen. Aktuell versuchen 143 Frauen, mit juristischen Mitteln zu ihrem Recht zu kommen. Auch wenn Geld erlittenes, unsagbares Leid nicht ungeschehen machen kann, wäre es ein weiterer Schritt, diesen Opfern von Menschenrechtsverletzungen, wenn auch spät, zumindest etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

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Ressortleiterin Ausland
Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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5 Kommentare

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  • Meiner Überzeugung sollten wir hier im selbsternanten "Werte-Westen" aufhöhere den Rest der Welt ständig aus einer Positionen von "moralischen Überheblichkeit" belehren zu wollen.

    Denn für dies "moralische Überheblichkeit" feht jede tatsächliche Grundlage.

    Wir sollten mehr über wirkliche Verantwortungs-Ethik reden, was bedeutet Kriegsvermeidung höchte Proiorität zu geben und keine Sanktionen gegen Staaten einzuführen -- denn diese Sanktionen treffen die "normalen Menschen".

    Prioritäten so zu setzten entspricht sogar mehr dem Geist der UN-Charta als ständige "moralsich Begründete" konflikt-treiberei.

    Die UN-Charta nennt Kriegsvermeidung und Kriegs-Beendigung das wichtigste Ziel -- und gibt dem Sicherheitsrat das Recht für die Bewarung oder Herstellung von Frieden Rechte Souveräner Staaten einzuschränken.

    Die UN-Generalversammlung hat in einer (nicht bindendenn) Resolutin erklärt das Sanktionen wie unsere EU-Sanktionen gegen alle und jeden der unserer Sicht nicht passt (Russland, Saddam-Irak, Assad-Syrien, Iran etc.) völkerrechtswirdrig sind -- vor allem wegen den Folgen für die Zivilbevölkerung.



    (Wie z.B. 1/2 Millionen tote Iraker in den 1990ern durch Sanktionen)

    • @Jörg Heinrich:

      Letzteres waren meines Wissens UN-Sanktionen.

  • Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Bis 1992 wurde diese Maßnahme durchgeführt. Das ist eine Schande!



    Vermutlich würden nicht wenige Vertreter der Ultrarechten in diesem Land gern diese Politik hinsichtlich der islamischen Mädchen oder jungen Frauen einführen.

    • @Il_Leopardo:

      Die Zwangsverhütungen hörten 1992 nicht auf, sondern wurden von Grönland weitergeführt. Darüber wollte man offenbar in diesem Artikel nicht reden. Die grönländische Regierung hat sich ebenfalls entschuldigt und den Frauen Entschädigungen versprochen.

      • @ecox lucius:

        Dafür, dass auch nach 1992 noch Mädchen und Frauen auf Grönland zwangsweise die Spirale eingesetzt worden ist, habe ich nur eine Quelle gefunden, derzufolge es sich um Einzelfälle handeln soll (watson.ch). Bewusstes Verschweigen zu unterstellen, weil der ganze Skandal nicht in allen Details geschildert worden ist, finde ich unnötig. Das ändert natürlich nichts daran, dass es sich um eine eklatante Verletzung der Rechte von Frauen handelt und das diesbezügliche Problembewusstsein scheint noch immer nicht sehr ausgeprägt zu sein: Bis 2025 die Durchführung von Elternkompetenztests an Frauen grönländischer Herkunft verboten worden ist, wurden fünfmal so viele grönländische Kinder den Eltern weggenommen wie dänische (der Test berücksichtigt die kulturellen Unterschiede nicht). In einigen Fällen wurden die Kinder der Mutter gleich nach der Geburt weggenommen, obwohl der Elternkompetenztest nur anlassbezogen (z. B. bei Verdacht auf Vernachlässigung) und nicht präventiv durchgeführt werden darf.



        Zurück zur Zwangssterilisation: Diese Praxis wurde in Deutschland und Österreich erst in den 90er Jahren verboten, in Österreich wurde sie trotzdem bis in die 2000er fortgesetzt.