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Ende der Waffenruhe in der DR KongoDer mysteriöse Tod von Oberst „Quickly Quickly“

Kongos Regierungsarmee geht mit massiven Drohnenangriffen in die Offensive gegen die M23-Rebellen. Deren Militärsprecher Willy Ngoma wird getötet.

Getötet: M23-Militärsprecher Willy Ngoma, hier in Ostkongos größter Stadt Goma wenige Tage nach dem M23-Einmarsch im Januar 2025 Foto: Thomas Mukoya/reuters
Simone Schlindwein

Aus Kampala

Simone Schlindwein

Gegen zwei Uhr morgens ging das Treffen des Oberkommandos der kongolesischen Rebellen der M23 (Bewegung des 23. März) zu Ende. M23-Militärchef Sultani Makenga hatte das Treffen in der Nacht zu Dienstag auf einer Farm in den Masisi-Bergen im Osten der Demokratischen Republik Kongo einberufen, tief im Rebellengebiet. Das große verlassene Farmhaus von Kongos Armeegeneral Innocent Gahizi steht der M23-Führung zur Verfügung. General Gahizi ist Tutsi und steht der Tutsi-geführten M23 nahe, auch wenn der alte General selbst in den jüngsten Kriegen auf Seiten der Regierungsarmee kämpfte. Nicht weit von seinem Farmhaus entfernt verläuft die Frontlinie.

In der Nacht von Montag auf Dienstag hat Kongos Armee in Ostkongo an drei Fronten gleichzeitig eine Offensive gegen die M23 gestartet. Kampfdrohnen warfen über dem M23-Gebiet zahlreiche Bomben ab. Eine traf gegen 2.45 Uhr am Dienstagfrüh das Farmhaus, wo das M23-Oberkommando getagt hatte.

Militärchef Makenga lag zu diesem Zeitpunkt nur rund 300 Meter entfernt in seinem Zelt unter Bäumen. Der gestandene Krieger ist dafür bekannt, seine Truppen an der Front selbst anzuführen. Er überlebte den Einschlag des Geschosses im Farmhaus angeblich ohne einen Kratzer, so sagen es Beteiligte der taz.

Willy Ngoma, eine schillernde Figur

M23-Militärsprecher Willy Ngoma hingegen kam ums Leben. Er war nach dem Treffen mit seinem Pick-up voller Leibwächter die kurvige Bergstraße in Richtung der Minenstadt Rubaya unterwegs. An einer Stelle war die Straße so matschig, dass der Geländewagen nicht durchkam. Just als Ngoma aus dem Auto stieg, schlug eine Drohne ein. Der M23-Militärsprecher und seine sechs Leibwächter starben.

Der 52-jährige Oberstleutnant gilt unter den M23-Rebellen als schillernde Figur und steht auf den Sanktionslisten der UNO und der EU. Bekannt ist er dafür, dass er stets mehrere Telefone bei sich trägt, die alle gleichzeitig klingeln, wenn ihn Journalisten aus der ganzen Welt anrufen.

Vergangenes Jahr erhielt Ngoma in den eigenen Reihen den Spitznamen „Quickly Quickly“ (Schnell Schnell), nachdem er die Ausreise von rumänischen Söldnern aus dem Kriegsgebiet überwacht hatte. Sie hatten Kongos Armee ausgebildet und wurden gefangengenommen, als die M23 im Januar 2025 die Provinzhauptstadt Goma eroberte. Die Rebellen brachten sie an die Grenze zu Ruanda, von wo aus sie nach Hause ausgeflogen wurden. „Quickly Quickly“, rief Ngoma den Rumänen zu, als sie ihre Rucksäcke schulterten und im Laufschritt über die Grenze rennen mussten.

M23-Offiziere vermuten, dass Ngomas neues Telefon mit einer Tracking-App ausgestattet war, das seine Standortkoordinaten unbemerkt an die Regierungsarmee schickte.

Kongos Regierung will die Coltanmine Rubaya

Eine weitere Drohne soll in Rubaya eingeschlagen sein. In den Hügeln rund um Rubaya liegen enorme Reserven der strategisch wichtigen Erzmischung Coltan. Aus dem Coltanerz wird das hitzebeständige Metall Tantal gewonnen, welches für die Herstellung von Mobiltelefonen, Computern und Rechenzentren weltweit gefragt ist.

Derzeit kontrollieren die M23-Rebellen Rubaya. Die dort geförderten Rohstoffe werden laut UN-Ermittlern heimlich über die Grenzen ins Nachbarland Ruanda geschmuggelt, welches die M23 militärisch unterstützt. Im Zuge der Friedensverhandlungen zwischen Kongos Regierung, den M23-Rebellen und Ruanda ist Rubaya zum Zankapfel geworden. Kongos Regierung hat im Rahmen ihrer „strategischen Partnerschaft“ mit den USA US-Firmen den Zugang zu allen wichtigen Mineralien zugesagt, darunter auch das Coltan von Rubaya.

Erik Prince, Gründer der ehemaligen US-Söldnerfirma Blackwater, hat im vergangenen Jahr einen Vertrag mit Kongos Regierung geschlossen, im Wert von 700 Millionen US-Dollar, um Kongos Minengebiete zu sichern und Schmuggel zu bekämpfen. Ein Großteil der Söldner steht in Kongos wichtigster Bergbauregion Katanga, weit weg vom Kriegsgebiet.

Einige sollen Kongos Armee jüngst geholfen haben, die ostkongolesische Stadt Uvira an der Grenze zu Burundi zurückzuerobern. Laut Reuters haben Söldner von Prince gemeinsam mit israelischen Militärausbildern zwei Bataillone von Kongos Spezialeinheiten ausgebildet, die im Januar nach dem M23-Rückzug aus Uvira dorthin geschickt wurden.

Quellen, die die Verträge in Auszügen gesehen haben, bestätigen gegenüber der taz, dass die Söldner von Prince – vor allem Lateinamerikaner – auch die Rubaya-Minen sichern sollen, sobald diese unter Regierungskontrolle seien. Prince-Personal soll auch in der Stadt Kisangani am Kongo stationiert sein, um vom dortigen Flughafen aus Drohnenangriffe auf die M23 zu koordinieren.

Waffenstillstand schon wieder vorbei

Anfang Februar zerstörte die M23 – womöglich mit ruandischer Hilfe – mit einem eigenen Drohnenangriff das Drohnenkontrollzentrum. Fast zwei Wochen lang war es seitdem still an den Frontlinien des Ostkongo. Vergangenen Mittwoch trat gar ein neuer Waffenstillstand in Kraft. Doch er hielt keine Woche.

Wäre die Drohne in den Masisi-Bergen eine Dreiviertelstunde früher eingeschlagen, hätte sie womöglich das ganze M23-Oberkommando ausgelöscht. Es ist das erste Mal in den zahlreichen Kongo-Kriegen, dass Drohnen zur wichtigsten Waffe werden.

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