Ende Gelände über Protest gegen Erdgas: „Zeitbombe für den Planeten“

Klimaak­ti­vis­t*in­nen zielen in diesem Jahr auf das geplante LNG-Terminal in Brunsbüttel. Ein Gespräch über Strategien und „Brückentechnologien“.

Drei Personen halten ein Transparent gegen Gas und Fracking

Fridays for Future protestierte schon im Januar gegen LNG. Die Adressatin hier: Aida Cruises Foto: Bernd Wüstneck/dpa

taz: Frau Schröter, Herr Servat, warum zielt Ende Gelände in diesem Jahr auf Flüssiggas?

Joli Schröter: Wir haben uns Brunsbüttel als Aktionsort ausgesucht, weil dort ein LNG-Terminal gebaut werden soll, das mit kolonialen Verflechtungen einhergeht und keine saubere Lösung für die Energiewende in Deutschland sein kann. Da ist von einer „Brückentechnologie“ die Rede, die sich aber erst nach 40 oder 50 Jahren refinanziert. Da muss die Welt längst klimaneutral sein, deswegen ist das Humbug.

Ziele für Klimaprotest gibt es viele, Sie hätten Massentourismus-Unternehmen, Fluggesellschaften oder Großproduzenten der industriellen Landwirtschaft wählen können. Warum ist jetzt der Moment für LNG?

Esteban Servat: LNG ist die größte Klimalüge unserer Zeit. Die Emissionen von Gas sind ähnlich wie die von Kohle und schlimmer, wenn es Frackinggas ist. Gas besteht ja zum großen Teil aus Methan, was ein viel schlimmeres Treibhausgas ist als CO2.Auf eine Periode von 20 Jahren gerechnet, ist der Einfluss von Methan auf die Erderhitzung 87-mal schlimmer als der von CO2. Fracking ist verantwortlich für die Hälfte aller globalen Methanemissionen der letzten zehn Jahre. Es ist unverantwortlich, dass die deutsche und die europäischen Regierungen Gas als Brückentechnologie verkaufen. Es ist eine Brücke ins Nichts.

24, ist Klimaaktivistin und Sprecherin vom Bündnis Ende Gelände.

36, ist Biologe und Aktivist. Er musste Argentinien verlassen, weil er sich mit der Gasindustrie angelegt hat.

Aber nicht das ganze Gas, das für LNG verwendet wird, kommt aus Fracking.

Servat: Das stimmt, aber Fracking hat die LNG-Produktion revolutioniert. Die USA haben sich unter Trump das Ziel gesetzt, den Weltmarkt mit amerikanischer Energie aus Fracking zu dominieren. Biden hat das nicht verändert. Deutschland lässt sich zur Schachfigur der USA im geopolitischen Machtkampf mit Russland machen, in dem es um die Frage „Pipelines versus LNG-Terminals“ oder „Wer dominiert den Gashandel“ geht.

Nur interessiert sich hierzulande kaum jemand für LNG. Bei der Kohle ist es einfacher, Protest zu mobilisieren. Im Rheinland verschwinden ganze Dörfer zugunsten der Kohlegruben. Ist das Thema LNG überhaupt vermittelbar?

Schröter: In diesem Jahr läuft das Frackingverbot, das Fracking ohnehin nicht komplett verbietet, in Deutschland aus. Falls der Bundestag kein neues Verbot erlässt, wird es für viele wieder ein Thema sein, das nicht mehr in Übersee oder in Russland spielt, sondern vor der Haustür. Deshalb ist es jetzt wichtig, es ins Bewusstsein der Menschen und auf die Agenda der Bundesregierung zu setzen.

Servat: Deutschland ist Europas größter Gasimporteur und Europa der größte Gasimporteur der Welt. Die Auswirkungen der hier verursachten Emissionen auf die restliche Welt sind riesig. Der Grund, warum Ende Gelände diesen Kampf gewählt hat, obwohl es die lokale Ebene nicht gleichermaßen betrifft wie die Kohleindustrie, ist, dass wir einen internationalen Blick auf die Klimakrise brauchen. In Argentinien, Kolumbien und anderen Ländern werden Kli­ma­ak­ti­vis­t*in­nen oft verfolgt und zum Schweigen gebracht. Aber ohne den globalen Blick können wir den Kampf gegen den Klimawandel nicht gewinnen.

Wie wichtig ist LNG für die EU?

Servat: Die EU investiert Billionen öffentlicher Gelder, der Bau von LNG-Terminals boomt. In einem ein Jahr alten EU-Papier wird der Wert von LNG für Europas Zukunft beschworen. Seit dem Treffen von Donald Trump und Jean-Claude Junker 2019 hat der LNG-Import stark zugenommen. Sie wollen es zum zentralen Faktor der Energieversorgung ausbauen.

Nun sind die Alternativen ja auch nicht attraktiver. Warum protestieren Sie nicht gegen Nord Stream 2?

Schröter: Bei jeglichem Transport von Erdgas entweicht immer Methan und gelangt in die Atmosphäre, und auch der Abbau ist ja schon problematisch. Aber beim geplanten Terminal in Brunsbüttel steht noch kein Stein. Wir haben uns entschieden, eine Katastrophe aufzuhalten, bevor sie gebaut wird und Milliarden Steuergelder reinfließen.

Wenn da noch nichts ist, was wollen Sie dann blockieren?

Den Chemcoastpark, wo viele Industriegiganten angesiedelt sind, die einen sehr hohen Gasverbrauch haben und stark zur Verschärfung der Krise beitragen. Außerdem die Baustelle für das Terminal, Zufahrtswege, es gibt genug Ziele.

Bislang fahren Schiffe mit Schweröl und Marinediesel, die Feinstaubbelastung in Hafenstädten ist dadurch sehr hoch. LNG würde eine Verbesserung bedeuten.

Schröter: Es geht nicht nur um die Auswirkungen in deutschen Küstenstädten. Das Risiko, eine Fehlgeburt zu haben, ist für Frauen in den Abbaugebieten 40 Prozent höher als im Durchschnitt, die Wahrscheinlichkeit einer Risikoschwangerschaft um 30 Prozent höher. Im globalisierten Wirtschaftssystem können wir nicht nur auf unseren eigenen Vorgarten gucken, sondern müssen Verantwortung dafür übernehmen, was unser Konsum für den Rest der Welt bedeutet.

Servat: Vielleicht gibt es lokale Vorteile, aber global gesehen ist es eine Katastrophe.

Wie sollten Schiffe denn betrieben werden?

Servat: Zuerst müssen wir Kreuzfahrt- und Handelsschiffe reduzieren. Wir brauchen Postwachstum, weniger globalen Handel. Schiffe müssen mit erneuerbaren Energien betrieben werden.

Es wird noch Jahre dauern, bis wir genug Energie aus Erneuerbaren haben, um damit zu heizen, technische Geräte zu versorgen und Transportmittel anzutreiben.

Servat: Die Schifffahrt ist nur eine Komponente dieser Industrie. Der Elefant im Raum ist der europäische Gasverbrauch. LNG und Fracking sind ein großer Faktor im Boom der Plastikindustrie, die Ethan als Rohstoff nutzt. Ethan ist ein Bestandteil von Erdgas und ist, seit es Fracking gibt, viel billiger und leichter verfügbar geworden, weshalb die weltweite Plastikindustrie boomt. Während Strohhalme und Plastiktüten verboten werden, handeln Regierungen und Industrien völlig konträr, indem sie die Gasproduktion ausweiten.

Schröter: In Brunsbüttel sitzt zum Beispiel auch der norwegische Düngemittelproduzent Yara, der größte Europas. Yara nutzt Gas, um Ammoniak herzustellen, womit weltweit Böden vergiftet werden. Schifffahrt ist nicht das einzige Problem. Außerdem können wir nicht einfach abwarten. Wir wissen seit Jahrzehnten um den Bedarf an Erneuerbaren. Während der Pandemie haben wir gesehen, wie schnell Produktionen umgestellt werden können.

Was wäre eine gute Brückentechnologie, bis der Ausbau der Erneuerbaren soweit ist?

Schröter: In erster Linie muss die Subventionierung von Erneuerbaren gesteigert und die von Fossilen gestoppt werden. Es muss auch Geld in weitere Forschung gesteckt werden, wie zum Beispiel die Gewinnung von Wasserstoff aus grünem Strom. So wie Armin Laschet Klimapolitik macht, funktioniert natürlich keine Energiewende. Wir müssen umdenken und Windkraftanlagen nicht als Zerstörung der Ästhetik der Natur sehen.

Heißt die Hoffnung Wasserstoff?

Servat: Das ist auch eine große Lüge. 90 Prozent des „blauen Wasserstoffs“, der in der EU hergestellt wird, kommt aus fossilem Gas. Die Erzählung der mächtigen Lobby, die Gas als Teil der Transition in die grüne Zukunft verkauft, ist Greenwashing.

Was können Sie über die Aktion in Brunsbüttel verraten?

Schröter: Ein Teil wird im Chemcoastpark stattfinden, ein Teil in Hamburg. Am Donnerstagabend gibt es in Hamburg eine Podiumsdiskussion mit Infos zur Aktion. Am Freitag findet eine große Demo in Brunsbüttel statt, der 30. Juli ist internationaler Climate Action Day. Da wird es auch Aktionen in Argentinien, Kolumbien und an anderen Orten der Welt geben, auch Extinction Rebellion und Fridays for Future sind dabei. Die Aktion in Hamburg wird thematisch eine antikolonialistische Ausrichtung haben. Darüber hinaus wird sich die Situation immer an die aktuelle Pandemielage anpassen. Wir haben natürlich ein Coronaschutzkonzept, aber es soll auch wieder ein zentrales Camp geben.

Herr Servat, warum haben Sie eigentlich den weiten Weg auf sich genommen, um hier zu protestieren statt im argentinischen Mendoza?

Ich musste aus Argentinien fliehen, weil ich mich gegen die Gasindustrie gewehrt habe. Bei Mendoza, wo ich gelebt habe, ist das weltweit zweitgrößte Schieferabbaugebiet und das viertgrößte Schieferölgebiet, „Vaca Muerta“. Die Konzerne, die dort die Natur ausbeuten, sind multinationale, darunter viele europäische wie Wintershall, Total, BP, Equinor. Ich bin Biologe und zog vor einigen Jahren aufs Land. Als Fracking in die Region kam, musste ich mich widersetzen.

Warum mussten Sie fliehen?

Sich gegen die Frackingunternehmen in Mendoza zu stellen, ist wie sich gegen die Mafia zu stellen. Die kommunale Regierung fungiert im Dienste der Energieunternehmen. Ich habe zusammen mit anderen Ak­ti­vis­t*in­nen die Plattform Ecoleaks, in Anlehnung an Wikileaks, gegründet, um Studien über die durch Fracking verursachten Schäden öffentlich zugänglich zu machen, die die Regierung zu verstecken versuchte. Daraus ist eine große Bewegung entstanden. Als der Repressionsdruck zu groß und mir mit dem Tod gedroht wurde, kam ich nach Europa.

Sie sind also Klimaflüchtling.

Könnte man sagen. Ich habe allerdings das Glück, einen italienischen Pass zu haben und dem Asylsystem nicht ausgeliefert zu sein. Was mich sehr aufregt an der europäischen Politik, ist die Heuchelei, das Pariser Klimaabkommen zu unterzeichnen – und dann so eine Politik zu machen. Mit Vaca Muerta kann es kein Klimaabkommen geben. Ein ähnliches Projekt droht in Namibia und Botswana, wo das kanadische Öl- und Gasunternehmen ReconAfrica das Okavangodelta bedroht. Mit diesen beiden Projekten kannst du ein Drittel des weltweiten verbliebenen CO2-Budgets abschreiben. Es sind Zeitbomben für den Planeten.

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Die Klimakrise ist offenbar. Selbst die großen politischen Akteur.innen haben das inzwischen verstanden. Aber erwächst daraus auch eine nachhaltige Politik? taz-Chefredakteurin Barbara Junge stellt in ihrem programmatischen Text vor, bei welchen Themen die taz im Klimawahljahr besonders genau hinschauen wird.

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