Emanzipativer westafrikanischer Pop: Der Sound der Unabhängigkeit

Die Werke des nigerianischen Labels Tabansi werden neu veröffentlicht. Ihre stilistische Bandbreite reicht von Folk über Disco-Funk bis Afrobeat.

Schwarz-weiß Foto dreier Schwarzer Musiker

Die Tabansi Studio Band, Mitte der 1970er Foto: BBE/Tabansi

Das Bimmeln und Klappern wird von einer ungewöhnlichen Perkussion erzeugt, dazu erklingen die einfachen Melodien einer Oja-Flöte; der Rhythmus stammt von mehreren Trommeln und einer Alou Ogene, wie die Kuhglocke der Igbo in Nigeria heißt.

Es handelt sich um den Livemitschnitt der Amtseinführung eines Eze-Nri-Königs der Igbo – und damit um rituelle Musik, die sich seit dem Sesshaftwerden der Igbo um die Zeit von Christi Geburt oder noch früher kaum geändert hat. Aufgenommen hat die Zeremonie ursprünglich die nigerianische Plattenfirma Tabansi Records.

Die Wiederveröffentlichung von „Eze-Nri Royal Drummers Vol. I“ ist Teil einer ambitionierten Serie des britischen Kultlabels BBE (Bare­ly Breaking Even). Eigentlich war es auf HipHop von Künstlern wie J Dilla und Pete Rock spezialisiert.

Doch BBE-Mitgründer Peter Adarkwah ist schon lange ein Fan der Tabansi-Alben, deren stilistische Bandbreite von Folk über Disco-Funk bis Afrobeat reicht. Adarkwah reiste dafür nach Nigeria und vereinbarte mit Joe Tabansi, dem Hüter des Familienschatzes, den gesamten Katalog des Labels – rund 60 Alben – bei BBE neu zu lizenzieren.

Erste Aufnahmen aus den 1920er Jahren

Die ersten Aufnahmen heimischer Musik wurden in Nigeria Ende der 1920er Jahre gemacht. Zunächst wurden sie nach London geschickt, wo sie als Schellackplatten gepresst und wieder zurück nach Westafrika verschifft wurden. Plattenlabel wie die Gramophone Company, Decca und HMV wollten so neue Absatzmärkte erschließen. Und spätestens mit dem Highlife-Boom der 1950er Jahre gelang das auch ziemlich erfolgreich.

Bisher sind 15 Alben in der „Tabansi Golden Series“ bei BBE erschienen.

Aufgrund des dezentralen Konzepts der britischen Kolonialherrschaft, die auf Kooperation mit lokalen Führern setzte, entstanden in Nigeria, Ghana und Kenia zunehmend auch eigene Labels, Studios und Presswerke. Die Euphorie nach der Unabhängigkeit ab Anfang der 1960er befeuerte die Entstehung eigener Popkulturen und Szenen zusätzlich, während sich die ausländischen Majorlabels allmählich aus dem Geschäft zurückzogen.

Nach kurzer Blüte brach ab den 1970er Jahren die Musikindustrie in Ländern wie Ghana und Nigeria wegen andauernder politischer und wirtschaftlicher Krisen weitgehend zusammen – Tabansi Records zählt zu den wenigen Labels, die diese Rezession überlebten.

Bereits Anfang der 1970er Jahre nahm „Chief“ G.A.D. Tabansi in der nordnigerianischen Stadt Onitsha lokale Künstler auf, deren Alben er zunächst in einem „Musikbus“ von Dorf zu Dorf verkaufte. Dann gründete er Tabansi Records, eröffnete ein eigenes Studio und Presswerk und veröffentlichte den psychedelischen Afrobeat des Ghanaers Pax Nicholas ebenso wie den seichten Reggae des unlängst verstorbenen Nigerianers Majek Fashek, dessen „Send Down The Rain“ (1988) zu den erfolgreichsten afrikanischen Songs aller Zeiten gehört.

Erstmals digital sowie in den Formaten Vinyl und CD

Seit 2019 veröffentlicht BBE die Tabansi-Alben als „Gold Series“ neu gemastert, zum ersten Mal digital sowie in den Formaten Vinyl und CD, mit Originalcovern und ausführlichen Liner Notes – und sorgt damit für Einblick in den abwechslungsreichen Kosmos westafrikanischer Popmusik seit den 1970er Jahren.

Wobei die Qualität der Wiederveröffentlichungen durchaus variiert – zu den besten gehört der betörende Sou­kous von Ondigui und Bota Tabansi International auf „Ewondo Rhythm“. Trotzdem dürften nicht alle Werke den Geschmack von Afro-Rare-Groove-Connaisseuren und -DJs treffen.

So ist „Ozobia Special“, das einzige Album von Nkem Njoku und den Ozzobia Brothers von 1980, ein Keyboard-lastiges Highlife-Album mit Bläsern, Soukous-Gitarren und Disco-Einschlag – Wohlfühlmusik im 6/8-Takt, was das Tanzen dazu nicht unbedingt erleichtert. Wegen der Coronakrise wurde die nächste Veröffentlichung der Tabansi-Serie – Old-School-Igbo-Highlife des Sängers Victor Chukwu aus den späten 1970ern – auf November verschoben.

Jetzt aber ist zum Glück noch das Doppelalbum „Wakar Alhazai Kano / Mus’en Sofoa“ der Tabansi Studio Band erschienen. Es firmiert zwar unter Afrobeat, klingt aber völlig anders als etwa jener in Yoruba und Pidgin gesungene Afrobeat eines Fela Kuti. Stattdessen legt die Tabansi-Hausband um die sieben Martins Brothers acht je viertelstündige hypnotisch-raue Stücke vor, die mal in der arabisch beeinflussten Hausa-Kultur wurzeln, mal in den perkussiven Traditionen der Igbo.

Ein Stück Neokolonialismus?

Man mag darüber streiten, ob in dem Drang westlicher Labels, vergessene musikalische Schätze Afrikas zu heben, ein Stück Neokolonialismus steckt. Man kann ihn im konkreten Fall aber auch als Chance begreifen, zum Teil noch lebende westafrikanischen Musiker*innen der Post-Independent-Ära zu würdigen.

Und am Ende kommt es neben den Bedingungen der Deals auch darauf an, „wer sie macht“, wie Peter Adarkwah der taz sagt. Als Brite mit ghanaischen Wurzeln habe er jedenfalls offene Türen eingerannt. Geld lasse sich damit ohnehin nicht verdienen, es sei vielmehr ein Akt der Überzeugung: „Ich empfinde es als Afrikaner äußerst wichtig, unsere eigenen Geschichten zu erzählen.“

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