Einkaufen war schon immer eine Plage: Das Virus zeigt nur, was ist

Die Krise könnte uns dazu bringen, unser Gegenüber nur noch als Zumutung zu begreifen, wird gewarnt. Aber hat es dafür wirklich das Virus gebraucht?

rosa Einmalhandschuhe an einem Einkaufswagen

Nahkampf im Bioladen-BRRRRRR- wer hat Vorfahrt Foto: Roland Weihrauch/dpa

Das Virus produziert den Ausnahmezustand, könnte man meinen. In der Tat verkündet der Deutschlandfunk am Montagmorgen forsch, das Land befinde sich in einem ebensolchen. Man kann, wie der italienische Philosoph Giorgio Agamben, noch weiter gehen und behaupten, die Epidemie sei bloß ein Vorwand, um den Ausnahmezustand verhängen und Menschlichkeit endgültig aufs nackte Leben reduzieren zu können.

Wie so oft ist die Wirklichkeit banaler. Das Virus bringt zum Vorschein, was schon da war, ganz egal, ob es der soziale Antagonismus, das schlechte Benehmen oder der autoritäre Charakter ist.

Ich gehe nicht gern einkaufen, schon gar nicht in Supermärkten. Waren suchen nervt. Ich verstehe aber vor allem nicht, was so schwer daran sein soll, dem Vordermann, also mir, nicht mit dem Einkaufswagen in die Hacken zu fahren. Geht's schneller, wenn man die Leute nervt, die vor einem in der Schlange stehen?

Jetzt ist schon seit Wochen von diesem neuen Virus die Rede und die Leute haben immer noch nicht begriffen, dass es vielleicht angebracht wäre, Abstand zu halten und in die Armbeuge zu husten.

Im Biosupermarkt, der mir immer schon als Castingshow für Charakterdarsteller der Neuen Mitte erschienen war, bietet mir eine dieser sich sicher auch schon vor Corona allzeit gesund ernährenden Upperclass-Yogafrauen allen Ernstes an, mir meinen im Einkaufswagen steckenden Chip für einen Euro abzukaufen, weil ich für ihren Geschmack offenbar nicht schnell genug meine Einkäufe verstaue. Das ist idiotisch, weil ich auch nach Veräußerung meines Chips meinen Einkauf noch nicht in meine Fahrradtaschen gepackt haben würde.

Übermenschin versus Loser

Im Biosupermarkt, so hat es eine kluge Freundin formuliert, verteidigt die deutsche Mittelschicht ihren Platz in der Geschichte.

Kaum habe ich die Bananen als Letzte oben in der Tasche platziert und diese aus dem Wagen gehievt, schnappt ihn sich die Frau, fährt ihn energisch zu den anderen, schließt ihn an, entnimmt meinen Chip, überreicht ihn mir mit leicht spöttischem Gesichtsausdruck und steckt ihren Euro in den Schlitz.

Diese Aktion hat ihr nicht nur einige Sekunden im Run auf eine baldige Pole Position an der Kasse eingebracht und also Bonuspunkte im survival of the fittest, sondern auch das Vergnügen, mich praktisch darüber zu belehren, dass meine Langsamkeit ein Verhalten darstellt, das bei der Ausübung ihres überlegenen Lifestyles stört.

Hat das Virus diese Frau zur Übermenschin mutieren lassen, der Loser wie ich im Weg stehen? Vermutlich nicht. Ein unter den herrschenden Umständen optimal funktionierendes Subjekt war sie aller Wahrscheinlichkeit schon zuvor gewesen. Theoretiker der Sozialmedizin warnen uns nun davor, die Krise könnte uns dazu bringen, unsere Gegenüber als potenzielle Gefahr, als Überträger des Virus zu betrachten. Das wäre eine bloß milde Verschärfung der längst eingeübten Verhaltensweisen der Konkurrenz in allen Lebensbereichen.

Das Virus zeigt uns also nur, was der Fall ist und was wir schon längst wissen. Eine Gesellschaft, in der die Erlangung von Vorteilen das oberste Gebot ist und in der Solidarität nur als großzügig gewährte individuelle Spende gedacht werden kann, produziert notgedrungen Irrsinn, wie beispielsweise SUV-Fahren als vorausschauende Maßnahme der Verpanzerung beim Kampf um die Erlangung von Ressourcen, der unter anderem von der Klimakrise befeuert wird, die man mit SUV-Fahren gerade selbst herbeiführt. Dieses Regime der Unvernunft war schon vor Corona nicht nachhaltig.

Aber es gibt in all dieser Trübsal auch schöne und erhebende Momente. Etwa das Bild von Angela Merkel, wie sie an der Supermarktkasse steht, mit drei Flaschen Weißwein im Einkaufswagen. Das ist Demokratie.

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