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Mehrsprachigkeit wird oft als Problem statt als Chance betrachtet. Das ist schade, denn in Alltag und Wissenschaft sind wir längst weiter
Von Francesca Polistina
Marta Pomirski war zehn Jahre alt, als sie mit ihrer Familie aus Polen nach Deutschland zog. Sie weiß nicht mehr genau, wie lange es dauerte, bis sie Deutsch verstehen und richtig sprechen konnte.
Sie weiß aber, dass sie irgendwann aufhörte, in der Öffentlichkeit Polnisch zu sprechen. Nicht, weil die Familie das explizit verboten hatte, sondern weil das Polnischsein in den Achtziger- und Neunzigerjahren mit vielen Stigmatisierungen verbunden war – wenn nicht aktiv, dann zumindest zwischen den Zeilen.
„Das war vermutlich eine Idee von Selbstschutz“, sagt die 46-jährige Berlinerin heute. Bloß nicht auffallen, bloß nicht erkannt werden.
Nach ihrem Ankommen bemühten sich Pomirskis Eltern darum, eine Normalität zu etablieren. „Wir waren in Deutschland, weil wir in Deutschland leben und bleiben wollten“, sagt sie. Die Eltern pflegten keinen engen Kontakt zur polnischen Community, stattdessen entschieden sie sich, so deutsch wie möglich zu leben. Eine Entscheidung, die für die Kinder auch einen Preis hatte: den Verlust einer gewissen Sprachkompetenz.
Ein erwachsener Beschluss
Heute betrachtet Marta Pomirski Deutsch als ihre erste und Polnisch als ihre zweite Muttersprache. Dass sie Polnisch immer noch gut kann, hat damit zu tun, dass sie immerhin zehn Jahre ihres Lebens in Polen verbrachte – und dass sie als Erwachsene bewusst beschloss, die Sprache ihrer Eltern aktiv zu kultivieren.
Doch das ist nicht selbstverständlich. Es passiert tatsächlich oft, dass Menschen mit Migrationshintergrund mit der Zeit ihre Muttersprache verlieren, weil Deutsch im Alltag deutlich intensiver benutzt wird. Meistens bleibt die Sprache irgendwo im Gehirn gespeichert, aber viele beschreiben das Gefühl, sich darin nicht mehr sicher oder sogar fremd zu fühlen.
In der öffentlichen Debatte taucht dieser Aspekt so gut wie nie auf, denn wenn es um Sprache geht, dreht sich alles um die Deutschkenntnisse der Schulkinder.
Es besteht kein Zweifel, dass ausreichende Deutschkenntnisse notwendig sind, um dem Unterricht zu folgen. Bei der Debatte wird allerdings immer wieder eines beschuldigt: die Mehrsprachigkeit. Die Vorstellung „Ein Land, eine Sprache“ hält sich immer noch hartnäckig: Zwar wird in einigen Bundesländern Herkunftssprachenunterricht angeboten, aber immer noch werden Deutsch und die Familiensprache oft gegeneinander ausgespielt. Insbesondere, wenn die Familiensprache nicht mit Prestige assoziiert wird, wie im Fall des Englischen und Französischen.
Mehr Wohlbefinden
Andrea Schalley, Sprachwissenschaftlerin der Universität Karlstad in Schweden, betont, dass dies den Forschungserkenntnissen zuwiderläuft. „Mehrsprachigkeit an sich stellt keinen Nachteil für den Bildungserfolg dar“, erklärt sie. Kinder lernten Sprachen schnell und mühelos, vor allem dann, wenn sie bereits eine gut beherrschen. Sprachen gegeneinander auszuspielen sei aus Sicht der Wissenschaftlerin äußerst kontraproduktiv, mehr noch: Für die Identitätsentwicklung der Kinder sei es sogar wünschenswert, dass sie ihre Familiensprache gut beherrschen.
„Studien zeigen, dass das Wohlbefinden innerhalb der Familie viel besser ist, wenn Kinder sowohl die Landes- als auch die Herkunftssprache sprechen“, sagt Schalley. Sie habe mehrmals Konfliktsituationen erlebt, die deshalb entstanden seien, weil Familienmitglieder nicht mehr eine gemeinsame Sprache hätten. Selbst die Integration sei effektiver, wenn der kulturelle Hintergrund der einzelnen Person – und dazu gehört selbstverständlich auch ihre Sprache – anerkannt und wertgeschätzt werde.
Schalley ist der Auffassung, dass Mehrsprachigkeit im Schulsystem gefördert werden sollte. Sie rät davon ab, Erstklässler, die nicht gut Deutsch können, automatisch als Problemkinder oder sogar als lernbehindert einzustufen. Viel entscheidender für den Schulerfolg seien die Lebensumstände und ein anregendes Umfeld. Für die belgische Sprachwissenschaftlerin Annick De Houwer ist das sichere Beherrschen der Muttersprache nicht nur für den Sprecher selbst, sondern auch für das Land eine Chance.
Trotzdem – und obwohl in vielen Ländern mehrere Sprachen genutzt werden – scheint sich unsere Gesellschaft schwerzutun mit Mehrsprachigkeit. Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa, die dem Thema das Essay „Die Macht der Mehrsprachigkeit“ gewidmet hat, kritisiert, dass bestimmte Formen der Mehrsprachigkeit immer noch als Risiko für den Bildungserfolg gelten.
„Es ist, als würde die Mehrsprachigkeit der einen die Einsprachigkeit der anderen gefährden“, schreibt sie in ihrem Buch. Wenn über gezielte Sprachförderung diskutiert werde, habe Grjasnowa oft das Gefühl, „es geht gar nicht um pädagogische Ziele zum Wohle der Kinder, sondern um Demagogie und die Idee einer Leitkultur, die immer wieder aufgewärmt wird“.
Der 21. Februar ist seit dem Jahr 2000 Internationaler Tag der Muttersprache. Weltweit werden etwa 6.000 Sprachen gesprochen, nach Schätzung der Unesco ist etwa die Hälfte davon vom Verschwinden bedroht. Der Tag soll den Gebrauch der Muttersprache fördern und das Bewusstsein für sprachliche und kulturelle Traditionen stärken.
Die Idee einer dominanten Leitkultur führt dazu, dass andere Sprachen und Kulturen nicht gefördert und wertgeschätzt werden. Das hat Folgen: Viele Menschen geben ihre als unwichtig wahrgenommene Herkunftssprache irgendwann auf. Nur eine Minderheit lernt, ihre Familiensprache richtig zu lesen und zu schreiben, weil eine mehrsprachige Erziehung in einem einsprachigen Schulsystem aufwändiger ist, als man denkt. Und während dieser Prozess von außen als gelungene Anpassung betrachtet wird, empfinden ihn zahlreiche Betroffene als durchaus schmerzhaft.
Eine dieser Personen ist die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani. Slimani wuchs in Marokko auf, besuchte jedoch eine französischsprachige Schule und sprach zu Hause Französisch, weil ihre Eltern, die selbst die koloniale Schule besucht hatten, sich dazu entschieden.
Arabisch nicht zu sprechen empfindet sie als große Leere und es ist ein zentrales Thema ihrer schriftstellerischen Arbeit. Auch in ihrem nächsten Buch, „Assaut contre la frontière“, das im März in Frankreich erscheinen wird, wird es darum gehen.
„Ich habe mich immer geschämt, meine eigene Sprache nicht zu beherrschen und die Sprache des ‚Kolonialherren‘ besser zu sprechen als die Sprache meines Volkes“, sagte sie in einem Interview mit France Culture. Eine Sache sei ihr nun extrem wichtig, so die Autorin: dass ihre Kinder Arabisch lernen.
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