: Ein Blick in die Zukunft
Kann Science-Fiction die Instabilität von Realität ästhetisch erfahrbar machen? Alexander Dobrindt (CSU) und Boris Pistorius (SPD) als heimliche Avantgarde
Foto: Jan Woitas/dpa/picture alliance
Von Johann Voigt
Auch wenn die Tragetaschentheorie von Ursula K. Le Guin seit Jahren hoch und runter zitiert wird und es im internationalen Literatur-Diskurs längst anders aussieht: Science-Fiction und spekulative Zukunfts-Fiktionen haben es schwer in Deutschland. Da wird einerseits stark getrennt zwischen Genre- und Hochliteratur. Da erscheinen in weichgespülten Verlagsprogrammen dann aber in der Hauptsache doch nur Bücher von alten Bekannten oder Personen, die Literatur als weiteren Baustein ihrer Content-Strategie sehen.
Für den Blick in die Zukunft, für feinmaschiges Worldbuilding ist zwischen snackable Geschichtchen oft nicht genug Platz. Altmeister Philip K. Dick sagte aber sinngemäß, dass gerade Science-Fiction die Instabilität von Realität ästhetisch erfahrbar machen könne.
Das sehen Autor:innen wie Joshua Groß, Hendrik Otremba, Philipp Schönthaler, Sophie Stein vermutlich ähnlich. Ein paar wenige zeitgenössische Schriftsteller:innen, das war’s dann auch. Oder?
Beim schnellen Blick in Online-Stellenausschreibungsportale zeigt sich dann doch etwas Unerwartetes: Der deutsche Staat, das Innen- und das Verteidigungsministerium, Alexander Dobrindt (CDU) und Boris Pistorius (SPD) glauben mehr an das Potenzial von Science-Fiction als die deutsche Verlagslandschaft!
Ja, wirklich, denn aktuell schreibt die Cyberagentur, offizieller „Baustein der Bundesregierung zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger im Cyberraum“ und dem Innen- und Verteidigungsministerium zugeordnet, eine Stelle aus. Und das schon zum zweiten Mal: Projekt-Autor für einen Science-Roman (m/w/d). Zwölf Monate Festanstellung, Bezahlung nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst. 30 Tage Urlaub, Zuschuss zum Jobticket. Sogar ein „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ gibt’s.
Dieser Job ist, zumindest was die Bedingungen angeht, das fundamentale Gegenteil zum bis auf Ausnahmen eher prekären Schriftsteller:innen-Dasein. Von dem also, was zum Beispiel in der Anthologie „Brotjobs und Literatur“ erzählt wird, die im Verbrecher Verlag erschienen ist.
Und es wird noch besser: Es gebe, schreibt die Cyberagentur, exklusiven Zugang zu Forschungsszenarien und Experten. Das Unternehmen arbeite an der Mensch-Maschine-Interaktion, an autonomen intelligenten Systemen. Ziel sei es, disruptive Forschungsthemen der Cyberagentur mit einem Zeithorizont von 10 bis 15 Jahren in narrative Formen zu überführen. Veröffentlicht werden soll der Roman dann in einem „renommierten Verlag im Bereich Science-Fiction“.
Schon im letzten Jahr wurde die Stelle besetzt; mit einem Autor, der auch als Kommunikationsberater und Werbetexter arbeitet. Das Buch sei fertig, schreibt die Cyberagentur auf Anfrage. Es ginge um die „Kryptokalypse“. Heißt: um den Zusammenbruch von Verschlüsselungstechnologien – und Möglichkeiten, das zu verhindern, wofür die Cyberagentur ja auch da ist.
Einige Auszüge eines zugehörigen Hörbuchs sind bereits online; und es scheint ein recht vorhersehbarer, handwerklich gut gemachter Text geworden zu sein. Dass die Cyberagentur keine Nobelpreisträger-Manufaktur ist, schon klar. Aber warum eigentlich Science-Fiction?
Der Sprecher der Cyberagentur sagt, dass schon Unternehmen wie Audi oder SAP das Genre nutzten, aber bisher keine Bundesbehörde. Fiktion ermögliche es, sagt er, technologische Entwicklungen und ihre möglichen gesellschaftlichen Folgen in einem konkreten Szenario zu untersuchen.
Im aktuellen von der Cyberagentur bezahlten Roman geht es deswegen um Quantencomputing und Kryptologie. „Bürgerinnen und Bürger nutzen kryptologische Verfahren dutzend- bis hundertfach täglich: beim Aufrufen von Webseiten, beim Onlinebanking, bei jeder verschlüsselten Nachricht“, sagt der Sprecher.
Die Lücke zwischen gesellschaftlicher Relevanz und öffentlichem Bewusstsein sei enorm. Der aktuelle Roman, für den momentan noch ein Verlag gesucht wird, solle sie schließen.
Stellt sich nur die Frage: Wie frei ist man in diesem Schlaraffenland der Informationen am Ende in seinem Worldbuilding und seiner schriftstellerischen Arbeit? Oder hat die in einem Deutschland, in dem Verteidigungsminister Pistorius zunehmend Rüstungsfabriken besucht und in dem Innenminister Dobrindt sich für mehr Überwachungsmaßnahmen ausspricht und Geheimdienste mit mehr Befugnissen ausstatten will, ihre Grenzen?
Anders gefragt: Darf man als quasi Betriebskünstler:in der Cyberagentur und damit in Abhängigkeit von diesen beiden Herren stehend überhaupt so was äußern wie Kritik?
Und wie dystopisch darf das Ganze werden? Oder wie utopisch? Wäre es beispielsweise möglich, dass wie in Marius Goldhorns „Die Prozesse“ als Reaktion auf die politischen Verhältnisse eine Art utopische Räterepublik entsteht, in der es den Menschen besser als wie im Kapitalismus geht?
Fragen über Fragen, denn das, was in Deutschland politisch zu beobachten ist, sind ja gerade, frei nach Dick, Anzeichen einer Instabilität unserer (demokratischen) Realität.
Diesen Umstand ästhetisch erfahrbar machen? Unbedingt!
Ob Gelder von Akteuren, die das, was auch in der Science-Fiction lange als dystopisch galt, vorantreiben, die beste Grundlage dafür sind, wird sich zeigen. Denn auch wenn die Cyberagentur für die digitale Souveränität Deutschlands steht, heißt das eben auch: Sie beschäftigt sich neben dem Schutz vor Scammern und Hackern auch mit militärischen Fragen, etwa mit dem Thema „Unbemannte Systeme und Robotik“.
Der Sprecher der Cyberagentur bleibt in puncto Kunstfreiheit sehr vage. Die Ministerien seien über das Projekt informiert worden, die Verantwortung liege aber beim Forschungsdirektor der Agentur.
„Aktuelle Tendenzen der Entwicklungen in Gesellschaft, Umwelt, Wirtschaft und Politik“, sagt er, sie würden aufgegriffen werden.
Wir werden es kritisch nachlesen können. Vorausgesetzt, die Texte finden einen Verlag.
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