„Ehe für alle“ auch in der Schweiz: Spät, aber gut

Es ist vor allem ein atmosphärisch-kultureller Gewinn, der mit der „Ehe für alle“ einhergeht. Ein Aspekt der Reform ist in der Schweiz besser als hier.

ein Mann mit Sonnenbrille in Herzform umarmt einen anderen Mann von hinten

Späte Liebe für die Schweiz Foto: Unsplash/ Dimitar Belchev

Was für eine erfreuliche Meldung aus der Schweiz: Der Nationalrat hat mit großer Mehrheit beschlossen, das Eherecht für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, also das Personenstandsrecht zu entbiologisieren. Ehe – das sind nicht mehr exklusive Heteroverbindungen, sondern solche zweier Menschen. Gut so, einerseits.

Andererseits hat das Projekt „Ehe für alle“ hier sehr lange gedauert, ganze sieben Jahre – gemessen an rechtsstaatlich horriblen EU-Ländern wie Polen und Ungarn wirkt allerdings natürlich selbst der eidgenössische Fortschritt flott. Aber man soll generell über diese erfreuliche Gesetzes­änderung nicht meckern: Dass in dem Land von Heidi und Alm-Öhi mal liberaler Progress sich so fundiert und mächtig entfalten könnte, war vor einem halben Jahrhundert nicht einmal fantasierbar.

Queeristen, also LGBTI*-Menschen, die auf bürgerrechtliches, in Rechtsstaatlichkeit gegossenes Framing eher wenig geben, werden natürlich klagen: Oh, die Ehe, wie spießig, da ist in Sachen „Queering the world“ ja nix gewonnen. In der Tat ist noch viel zu tun – gewiss auch in den akademoid-ultraprivilegierten Milieus, in denen das identitäre Alphabet sich „Queer“ liest.

Aber vor allem ist der atmosphärisch-kulturelle Gewinn, der mit der „Ehe für alle“ eingesteckt werden kann, die Voraussetzung aller weiteren Besserungen, etwa im gesellschaftlichen Respekt vor LGBTI*-Menschen. Ein Aspekt der Reform sogar wird in der Schweiz besser ins Werk gesetzt werden als in Deutschland: Die Samenspende für Elternschaften lesbischer Paare wird erlaubt werden. Das ist hierzulande verboten – wie überhaupt weiterhin etwa lesbische Eltern bei Kindschaftsfragen diskriminiert werden.

Eine Mikropartei in der Schweiz spielt nun noch mit dem Gedanken, das Gesetz zur Volksabstimmung zu stellen. Das ist zu begrüßen, unbedingt. Denn es wird mit einem starken Votum positiv nobilitiert werden. Und damit wird die Idee, die Ehe sei ein heterosexuelles Privileg, ein Instrument der Zielhaftigkeit, in einem weiteren Land historisierbar. Korrekt, das!

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, zunächst in der Meinungsredaktion, dann im Inlandsressort, schließlich Entwicklung und Aufbau des Wochenendmagazin taz mag von 1997 bis 2009. Seither Kurator des taz lab, des taz-Kongresses in Berlin, sonst mit Hingabe Autor und Interview besonders für die taz am Wochenende. Kurator des taz lab und des taz Talk. Interessen: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, besonders der Eurovision Song Contest, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. Er ist auch noch HSV-, inzwischen besonders RB Leipzig-Fan. Und er ist verheiratet seit 2011 mit dem Historiker Rainer Nicolaysen aus Hamburg.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de